Interview

»Wir sind jetzt der Testfall«

Rabbiner Walter Homolka Foto: Mike Minehan

Interview

»Wir sind jetzt der Testfall«

Walter Homolka fordert die gleichberechtigte Rabbiner-, Imam- und Priesterausbildung in Deutschland

von Ingo Way  01.08.2011 22:48 Uhr

Herr Rabbiner, Sie fordern eine Gleichberechtigung der akademischen Rabbinerausbildung mit der von Priestern, Pastoren und Imamen an deutschen Hochschulen. Ist die nicht gegeben?
Wir verhandeln schon seit Anfang 2010 über eine strukturelle Verbesserung bei der akademischen Rabbinerausbildung. Hintergrund war das Ansinnen des Bundesbildungsministeriums, die Ausbildung von Imamen in das deutsche Ausbildungssytem zu integrieren. Es sollen mehrere islamische Zentren eingerichtet werden, wo die Imamausbildung stattfinden soll. Dafür gibt es auch Bundesförderung. Am 29. Januar 2010 kam der Wissenschaftsrat in seinen Empfehlungen zu den religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen zu diesem Schluss: Der zentrale Ort für christliche und nichtchristliche Theologien ist das staatliche Hochschulsystem. Das aber bedeutet die Etablierung nichtchristlicher Theologien an deutschen Hochschulen. Das ist die aktuelle politische Herausforderung.

Wie sind Sie daraufhin aktiv geworden?
Wir haben das Land Brandenburg vor 17 Monaten aufgefordert, den Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur Theologenausbildung zu folgen. Hochschullehrer des Instituts für Jüdische Studien haben Mitte vergangenen Jahres auch einen Maßnahmenkatalog für das Wissenschaftsministerium erarbeitet, was zu tun ist. Ich habe aber mittlerweile den Eindruck, als würde man in der Landesregierung die Brisanz der Frage nicht erkennen.

Inwiefern?
Es gibt im säkularen Brandenburg keine theologischen Fakultäten an den Landesuniversitäten. Wir sind jetzt der Testfall, ob es in Deutschland gleiche Bedingungen für Juden, Christen und Muslime geben wird. Universität und Kolleg befinden sich mittlerweile in der dritten Verhandlungsrunde, und die Fortschritte sind zäh.

Sie fordern gleiche Bedingungen?
Für die Etablierung der Imamausbildung an der Universität werden allein durch den Bund gegenwärtig pro Standort eins bis 1,5 Millionen Euro in sogenannte Islamische Zentren investiert, damit es zu einer Gleichstellung der Muslime mit der christlichen Theologie kommt. Dies ist zu begrüßen. Das brauchen wir auch für die akademische Rabbinerausbildung in Deutschland. Die Forderung nach einer Jüdisch-Theologischen Fakultät ist 2011 bereits über 180 Jahre alt. Doch der Ruf nach Gleichberechtigung ist bis heute folgenlos verhallt: Eine traurige Geschichte der Ausgrenzung.

Auch die Allgemeine Rabbinerkonferenz fordert erneut eine Gleichstellung.
Richtig. Sie hat im Vormonat an die Wissenschaftsministerin Brandenburgs appelliert, aktuell für eine Gleichstellung von akademischer Rabbiner- und Imamausbildung zu sorgen. Der Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, Erich Thies, hat klar gesagt, dass es in Deutschland zu einer Gleichbehandlung der akademischen Rabbinerausbildung kommen muss.

Worum geht es in den Verhandlungen mit der Universität Potsdam?
Zunächst müssen alle Kernfächer abgedeckt werden. Das geht nur mit mehr Lehrstühlen. Konkret fehlt es bei der Religionsphilosophie, der Religionsgeschichte, der Biblischen Exegese und der Jüdischen Musik. Unabdingbar ist auch die Mitwirkung bei der Berufung der Professoren, so wie bei der christlichen und muslimischen Theologie. Schließlich fordern wir die strukturelle Integration des Abraham-Geiger-Kollegs in die Universität Potsdam, um in den Gremien mitwirken zu können, bis hin zu Promotionen und Habilitationen.

Sollten in den Kernfächern jüdische Hochschullehrer unterrichten, wenn es um die Rabbinerausbildung geht?
Die Frage, ob man eine Stelle nur für Juden ausschreiben kann, ist in der philosophischen Fakultät nicht einfach zu lösen. Unser Kolleg muss deshalb im Grunde eine autonome Einheit innerhalb der Universität sein. Dem zähen Verhandungsfortgang nach zu schließen, werden Universität und Kolleg ohne das Wissenschaftsministerium jedoch keine befriedigende Lösung finden.

Sollte es noch weitere Lehrstühle für jüdische Theologie beziehungsweise Judaistik an deutschen Universitäten geben?
Die Empfehlungen des Wissenschaftsrats haben schon 2010 gezeigt, dass das Spektrum der Jüdischen Studien in Deutschland bereits jetzt sehr breit gefächert ist. Begrüßenswert ist auch die Clusterbildung bei den Jüdischen Studien. Neben Heidelberg mit seiner Hochschule für Jüdische Studien kommt da einem in Bildung befindlichen Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg große Bedeutung zu: damit alle Facetten der Jüdischen Studien sinnvoll zusammenarbeiten.

Mit dem Rektor des Abraham Geiger Kollegs sprach Ingo Way.

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