Kino

»Wir sind hier alle eine Familie«

Viel Action: Szene aus »Ein nasser Hund« Foto: PR

Elf Jahre nach Erscheinen des Buches Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude kommt am 9. September ein Film in die Kinos, der sich an der Autobiografie des Publizisten und Schriftstellers Arye Sharuz Shalicar orientiert. Es ist die Geschichte eines iranischstämmigen jüdischen Jugendlichen, dessen Familie in den Berliner Wedding zieht.

Er ist dort einer von vielen mit migrantischem Hintergrund, doch anders als er haben die meisten in seinem Alter türkische, kurdische oder arabische Wurzeln und sind Muslime. Juden sind unerwünscht, das erlebt er schnell. Man beschimpft sie, man bedroht sie, der Antisemitismus ist allgegenwärtig.

aussenseiter Der 16-jährige Soheil, wie er im Film heißt, leidet darunter, Außenseiter zu sein. Er will dazugehören und tut alles dafür. So verschweigt er seine jüdische Herkunft.

Damir Lukacevic, Regisseur und Drehbuchautor von Ein nasser Hund, hat für das Buhlen um Anerkennung starke Szenen und Bilder gefunden. In einer Sequenz sieht man Soheil am Rand eines tristen Spielfelds, wie er eine Gruppe von Jugendlichen beim Kicken beobachtet. Er spürt die abschätzenden Blicke: Was willst du? Verpiss dich! Aber er bleibt, erträgt deren Machogehabe, duckt sich nicht weg, auch nicht, als sie sich ihm bedrohlich nähern. »Woher kommst du?« – »Göttingen«. – »Zeig’ erst mal, was du kannst.« Und dann das erlösende Okay von Husseyin, dem Anführer der Gruppe: »Türken, Araber, Kurden, wir sind alle hier eine Familie.« Er wird es mantramäßig noch oft wiederholen.

Die Lüge ist Soheils Eintrittskarte. Der Film zeigt, wie er sich mit Schlägereien und Drogendeals einen Platz in der Gruppe erkämpft. Je riskanter die Aktionen, desto größer die Anerkennung. Husseyin wird sein bester Kumpel und setzt sich für ihn ein: »Er gehört zu mir, also gehört er auch zu uns.« Soheil hat es geschafft. Er verguckt sich in Selma und traut sich, das muslimische Mädchen anzusprechen.

GEWALT Aber die Gewalt in der Gruppe nimmt zu, er rutscht in die kriminelle Szene ab, ist verantwortlich für antisemitische Schmierereien in der Schule. Bis die Situation eskaliert und herauskommt, dass er Jude ist. Soheil outet sich auch vor seinen Freunden und beginnt erstmals, sich mit dem jüdischen Glauben zu beschäftigen. »Warum hast du nicht gesagt, dass du Jude bist?« Der Lehrer, der ihn mehrfach wegen seines aggressiven Verhaltens verwarnt hat, ist fassungslos. »Dann wären sie anders mit mir umgegangen. Als Muslim war ich der letzte Dreck!«, erwidert Soheil – und nach einer Pause: »Das ist Rassismus.«

Arye Sharuz Shalicar bringt es in seiner Autobiografie auf den Punkt: »Für die Deutschen war ich ein Kanake, für die Moslems ein Jude und für die Juden ein krimineller Jugendlicher aus dem Wedding.« Regisseur Damir Lukacevic zitiert den Autor in seinem Film, hat sich in vielen Punkten aber weit von der Vorlage entfernt. Während Shalicar seine Jugend in den 90er-Jahren verbracht hat, verlegt Lukacevic die Handlung in die Graffiti- und Hip-Hop-Szene der Gegenwart, setzt auf Action mit viel Schlägereien und auf die Liebesgeschichte. Über die Familie Soheils dagegen erfährt man wenig, und über das diverse Beziehungsgefüge innerhalb der Jugendgruppe hätte man auch gern mehr gewusst.

Hinzu kommt, dass Lukacevic seinen Film in eine Rahmenhandlung einbettet. Anfang und Ende spielen in Israel an einem Grenzübergang zu den Palästinen-sergebieten. Man sieht schwer bewaffnete Soldaten, die einen Mann überwältigen, der offenbar versucht, illegal ins Land zu gelangen, während sich von hinten unbemerkt ein kleiner Junge nähert und die Soldaten mit Steinen bewirft. Erst am Schluss erkennt man, dass Soheil einer der Soldaten ist.

FLASHBACKS Der Film zeigt, wie er den Mann ins Visier nimmt und dabei, darauf deuten kurze Flashbacks hin, an seinen Freund Husseyin und an seine erste Liebe Selma in Berlin-Wedding denkt. Mit dieser melodramatischen Szenenfolge lädt Lukacevic seinen Film mit dem Israel-Palästina-Konflikt auf. Ein gefährliches Unterfangen, das ablenkt vom Kern der Geschichte eines Jugendlichen, der in einem von Antisemitismus geprägten Umfeld einer deutschen Großstadt lebt und nach seiner jüdischen Identität sucht.

Ein nasser Hund überzeugt als Milieustudie und lebt von der Kraft der jungen Darsteller, die ihre Aufgabe großartig meistern. Allen voran Derya Dilber (Selma), Doguhan Kabadayi (Soheil) und Mohammad Eliraqui (Husseyin). Es ist ein Film, der gerade auch wegen seiner Schwächen zu vertiefenden Diskussionen einlädt.

Der Autor des Buches, Arye Sharuz Shalicar, war bei der Preview in Hamburg dabei. Er habe teilweise »tief durchatmen müssen«, besonders bei der Rahmenhandlung. Der Film verkürze und banalisiere manches. Aber er nahm es sportlich. Der Regisseur habe das Publikum wohl nicht überfordern wollen. Im Buch gehe es um weit mehr als um das Verhältnis von Juden und Palästinensern. Shalicar und seine Familie leben heute in Israel, er arbeitet dort als Publizist und Mitarbeiter der israelischen Regierung.

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