Die Metapher am Anfang des Buches bereitet ein wenig Bauchschmerzen. So schreiben Stephan Lebert und Louis Lewitan in einem mit »Warnung« – nicht zu verwechseln mit einer der omnipräsenten »Triggerwarnungen« – betitelten Kapitel, dass Deutschland ein »untertunneltes Land« sei, »voller Keller, Gräben, Verliese«, weshalb man rasch an den Gazastreifen und sein unterirdisches Netzwerk dort denken könnte.
Doch weit gefehlt. Den beiden Autoren – Lebert ist ein mehrfach mit Preisen ausgezeichneter Journalist und beschäftigt sich schon lange mit den Biografien der Nachfahren von NS-Tätern, Lewitan dagegen arbeitet als Psychologe, Coach und renommierter Stress-Experte – geht es um ein ganz anderes Thema, und zwar die »blinden Flecken« in deutschen Familiengeschichten. Gemeint ist der ganz individuelle Umgang mit der lange Zeit vermiedenen Frage: Waren Opa oder Oma Nazis? Und wenn ja, was macht das mit denen, die diese Frage stellen?
»Bleiernes Schweigen« und Entfremdung zwischen den Generationen
Die Autoren gehen den Folgen von Schuldgefühlen, Ängsten und Lügen oder auch dem, was sie das »bleierne Schweigen« nennen, auf den Grund. All das führe zu einer Entfremdung zwischen den Generationen, Kinder sowie Enkel dieser »ganz normalen Deutschen« seien deshalb nicht selten psychisch herausgefordert. Aber das Nicht-Beschäftigen mit der Vergangenheit wäre deutlich folgenschwerer und schlimmer, so eine ihrer Thesen. Oder wie es Experte Lewitan auf den Punkt bringt: »Man kann regelrecht aufgefressen werden von ihr.«
Die Biologie tue ihr Übriges, weshalb sich 80 Jahre nach Kriegsende jüngere Deutsche immer wieder auf die Vergangenheit ihrer Vorfahren einlassen: Eltern und Großeltern sind im Regelfall bereits tot, was ihnen eine direkte Konfrontation erspart. Darüber hinaus ist der Zugang zu Dokumenten einfacher geworden, weil Sperrfristen in den Archiven nicht mehr gelten. Oder es ist der berühmte Zufall, wie am Beispiel einer 40-jährigen Frau, die auf einer Familienfeier plötzlich erfährt, dass der geliebte Opa 1944 am Massaker in Oradour-sur-Glane beteiligt war, weil plötzlich Akten aufgetaucht sind.
Die Autoren gehen den Folgen von Schuldgefühlen, Ängsten und Lügen auf den Grund.
Hinter einer solchen Nachricht verbirgt sich aber mehr als ein Schock, sind Lebert und Lewitan überzeugt. »Sie legt den Blick frei auf brutale Konflikte innerhalb der Familie, auf Unterdrückungsmuster, auf Gewaltstrukturen, die immer da waren und weggeschwiegen wurden – so wie der Großvater seine Morde in sich verschlossen hatte.«
Genau diese Mechanismen wollen beide genauer unter die Lupe nehmen, weshalb sie mit rund 100 Personen Interviews über deren jeweilige Familiengeschichte führten. Wie diese zustande kamen – oder auch nicht –, ist oftmals spontanen Begegnungen geschuldet, was dem Ganzen einen besonderen Reiz verleiht. So traf man zufällig im Café den AfD-Rechtsaußen-Politiker Maximilian Krah, der gern davon spricht, dass es unter den SS-Männern viele gute Menschen gab. Er sagte einem Gespräch erst zu, blockierte dann aber alle Anfragen.
Aber erst einmal muss man sich der Diskrepanz zwischen Legende und dem Faktischen bewusst sein, betonen die Autoren. Denn laut einer Umfrage der Wochenzeitung »Die Zeit« zum Nationalsozialismus von 2020 sowie einer MEMO-Studie der »Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« von 2023 glauben mehr als zwei Drittel der Deutschen, dass ihre Familien »Regimegegner« gewesen seien. Nur zwei Prozent gehen davon aus, dass Opa oder Oma echte Nazis waren. Zugleich wollen 60 Prozent der Deutschen mehr über die Vergangenheit wissen. Angesichts solcher Zahlen kann man sehr gut erahnen, dass eine Realitätskonfrontation oftmals irritierend ausfällt.
Die Interviews lassen niemanden bei der Lektüre unberührt
Die Interviews, die Lebert und Lewitan führen, lassen niemanden bei der Lektüre unberührt. Das liegt zum einen an der Offenheit, mit der manches kommuniziert und preisgegeben wird. Und dann ist da noch die Vielschichtigkeit der jeweiligen Geschichte – so wie im Fall von Bruno Sattler, der 1947 aus West-Berlin in den Ostteil der Stadt entführt wird, wo man ihm den Prozess macht und der 1972 im Gefängnis stirbt. In der Familie wurde Sattler senior als Opfer der Kommunisten betrachtet, bis seine Tochter Beate Niemann herausfand, dass ihr Vater Gestapo-Chef von Belgrad war und als Einsatzgruppenleiter den Tod Tausender Juden zu verantworten hatte. Auch hier brach eine Welt zusammen.
Und wer glaubt, dass die DDR damit Kriegsverbrechen sühnen wollte – weit gefehlt. Erich Mielke beglich einfach nur eine offene Rechnung. Weil Bruno Sattler 1934 für die Exekution von vier Kommunisten, die mit Erich Mielke befreundet waren, verantwortlich war, nahm der spätere Stasi-Chef Rache an ihm. Die Morde an Juden interessierten niemanden in der DDR, aber auch nicht in der Bundesrepublik, wo man sich um Sattlers Freilassung bemühte.
»Ich glaube, die Deutschen haben sich sehr bewusst in die Verdrängung gestürzt«, heißt es gegen Ende des Buches. »Sie wussten sehr genau, warum sie nicht zurückblicken wollten. Sie haben sich bewusst für die Lüge, für die Strategie der Verleugnung entschieden.« Über die Mechanismen und Folgen dieser Haltung vermittelt das Buch von Lebert und Lewitan aufschlussreiche Einblicke, die man in dieser Form bisher nicht finden konnte.
Stephan Lebert, Louis Lewitan: »Der blinde Fleck. Die vererbten Traumata des Krieges – und warum das Schweigen in den Familien jetzt aufbricht«. Heyne, München 2025, 304 S., 24 €