Sprachgeschichte(n)

Von Schabbes und Gewittergojim

Gewittergoi: Dolph Lundgren in »Rocky IV« Foto: cinetext

Sprachgeschichte(n)

Von Schabbes und Gewittergojim

Wenn Juden von Nichtjuden reden, ist das nicht abwertend gemeint

von Christoph Gutknecht  21.05.2013 09:39 Uhr

Der Jid fangt mit dem Goi an», schreibt Abraham Tendlau 1860 in seiner Sammlung Jüdische Sprichwörter und Redensarten und erläutert: «Goi, biblisch: der Fremde, Nichtjude; später auch der nicht streng religiöse Jude.»

Der Ausdruck «Goi» – in der femininen Form «Goje» oder «Goite» – findet sich auch in etlichen, teils ironischen Redewendungen bei Werner Weinberg (Die Reste des Jüdischdeutschen, 1973). «Was fängt der Jud mit’m Goi an! bedeutet: Wozu muss man sich mit dem Nichtjuden einlassen; man zieht doch den Kürzeren. Wurde aber auch allgemein gebraucht in dem Sinne: man soll sich gar nicht mit jemandem einlassen; oder: man hätte sich nicht einlassen sollen.» «So’n Goi» bedeutet nach Weinberg: «ein besonders großer, starker, auch typisch nichtjüdisch aussehender Christ»; auch «Gewittergoi» steht für einen solchen Nichtjuden.

Von einem Juden, der die Religionsgesetze verletzt, wird gesagt: «Er ist ein großer Goi», also ein Ungläubiger, auch «Goi gomer» (vollkommener Heide). Ein «jofener Goi» dagegen ist ein freundlicher, nicht antisemitischer Christ. Der «Schabbesgoi» war traditionell der Nichtjude, der am Schabbat verbotene Arbeiten für Juden erledigte. Das Adjektiv «goiisch» erläutert Weinberg am Beispiel «goiischer Kopp», dem er augenzwinkernd hinzufügt: «einer, der schwer lernt (meistens von einem Juden gesagt)». Lillian M. Feinsilver (The Taste of Yiddish, 1970) nennt unter anderem «goiische massel» für unverdientes Glück.

«Ganz Nett» Der Kabbalaforscher Gershom Scholem berichtet am 25. April 1920 aus München seiner Mutter vom Besuch seines Großvetters: «Am Abschied hat er mich noch angenehm überrascht durch die Entdeckung eines jüdischen Antiquariats bei einer hiesigen goiischen Buchhandlung, was einige schöne Folgen hat, indem es dort wirklich billig zuzugehen scheint, da der Goi gar nicht ahnt, welch teure und gesuchte Sachen er da viele unter den Händen hat.»

Betty Scholem wiederum schrieb ihrem Sohn am 12. März 1930 aus dem Urlaubsort Meran: «Unsere Pension ist in Magenwirtschaft und Unterkunft vorzüglich, aber die Belegschaft ist ein G.N. sondergleichen.» Die Abkürzung G.N., die zuweilen scherzhaft als «ganz nett» ausgelegt wurde, steht hier für «goiische Naches» (oder «Góiennaches»), was im Jiddischen nichtjüdische, oft auch unsinnige Vergnügungen meint.

Und heute? Man kann das Thema politisch korrekt angehen, um zu zeigen, dass die Bezeichnung «Goiim» für nichtjüdische Mitglieder der Gesellschaft nicht, wie zuweilen unterstellt, pejorativ gemeint ist. (Tucholsky: «Christen sind dümmer als Juden, und werden aus diesem Grund Gojim genannt.») Die Internetseite talmud.de berichtet: «Um auf die diesbezügliche Sensibilität der christlichen Bevölkerung Rücksicht zu nehmen und jeden Verdacht auszuräumen, das Christentum würde durch das Judentum diskriminiert, wurde etwa in einer groß angelegten Rückhol-Aktion der im deutschen Sprachraum gebräuchliche Siddur überarbeitet und die Bracha ›Sche lo asani goi‹ durch ›Sche lo asani nochri‹ im Morgengebet ersetzt.»

Oder man betrachtet das Thema humorvoll, wie Alan Posener, der kürzlich in der «Welt» auf einen neueren jüdischen Witz verwies: «Wie erkennt man in Deutschland den Unterschied zwischen einem jüdischen und einem nicht-jüdischen Haushalt? Antwort: Bei den Goiim spielt man Klezmer.»

Berlin

Ruin und Rausch - Schau zeigt Berlin-Leben der 1910er und 20er Jahre

Glamour, Armut, Aufbruch: Die Neue Nationalgalerie Berlin zeigt mit »Ruin und Rausch«, wie Berlin in den 1910er und 20ern zwischen Glanz und Absturz, Chaos und Ekstase lebte. Was das »Babylon Berlin«-Lebensgefühl prägte

von Karin Wollschläger  24.04.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richter, Sabine Brandes, Imanuel Marcus  24.04.2026

Gesundheit

Brauchen Babys Fleisch?

Forscher der Ben-Gurion-Universität werfen ein neues Licht auf weit verbreitete Vorstellungen

von Sabine Brandes  24.04.2026

Kunst

Der Augenmensch

In Frankfurt zeigt das Jüdische Museum in einer Kabinettausstellung mehr als 200 Werke des Malers und Zionisten Armin Stern

von Eugen El  24.04.2026

Aufgegabelt

Schnelle Atayef

Rezept der Woche

von Katrin Richter  24.04.2026

Film

Maggie Gyllenhaal wird Jury-Chefin der Filmfestspiele von Venedig

In dieser Rolle darf die Regisseurin und Darstellerin sie über den Goldenen Löwen entscheiden

 24.04.2026

Venedig

Jury der Biennale schließt Israel und Russland von Preisvergabe aus

Solange Farkas und die anderen vier Jurorinnen erklären, sie wollten Staaten nicht in die Preisentscheidung einbeziehen, deren Regierungschefs vom Internationalen Strafgerichtshof angeklagt seien

 24.04.2026

Augsburg

Neue »Initiative Antisemitismuskritik & Theater« geplant

Theaterleute wollen sich gemeinsam gegen Judenhass im Kontext Bühne stellen. Dazu planen sie die Gründung einer neuen Initiative in Augsburg. Beteiligt sind auch Akteure aus anderen Teilen Deutschlands

von Christopher Beschnitt  23.04.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026