Familie

Von Lippstadt nach Poona

Wo findet man seine Heimat? Und wann muss man bereit für Neues sein? Auch davon handelt Michael Görings ergreifendes zeitgeschichtliches Buch. Foto: Getty Images / istock

Beliebige Hotel‐Romane gibt es viele. Michael Görings Hotel Dellbrück zählt nicht dazu. Eher könnte man an eine Familiensaga denken, genauer träfe das Genre »Entwicklungsroman«.

In Wahrheit ist es ein zeitgeschichtlicher Roman über jüdische Identität und jüdisches Schicksal, ein wahrer Parcours durch die Religionen und Erdteile, ein mahnendes deutsches Erinnerungsbuch, ein Liebesroman mit wechselnden Personen, eine poetische Annäherung an die westfälische Landschaft an der Lippe.

Wie passt das alles in ein Buch von nie langweiligen 400 Seiten? Es geht um Folgendes: Frido, einer der beiden Pro­tagonisten, besucht in Lippstadt das alte Hotel Dellbrück, das einst seinem Großvater Tono gehört hatte. Hier ist sein Vater Sigmund geboren. Das sind die beiden Hauptcharaktere, deren aufregende Schicksale Michael Göring von deren Geburt an erzählt.

KALTMAMSELL Frido lebt in Australien und findet auf einer Deutschlandreise in dem früheren Hotel ein Heim für arabische Asylbewerber. In Rückblenden führt der Roman durch die Geschichte der Familie und des Hotels. Es war ein gutes Haus in der westfälischen Industriestadt. 1914 stellt das Hotel die junge Jüdin Tilla als Kaltmamsell ein, die nicht nur hübsch ist, sondern sich hervorragend bewährt.

Als sie 1923 schwanger wird, den Namen des jüdischen Vaters aber nicht nennen will, behält man sie wegen ihrer Verdienste im Hotel. Als sie drei Jahre später stirbt, wird ihr Sohn Sigmund von den Hotelbesitzern Tono und Betty wie ein eigenes Kind neben den zwei Söhnen und der Tochter Rile in ihre fromme katholische Familie aufgenommen. Mit Rile versteht sich Sigmund am besten.

Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen und Sigmund in der Schule immer stärker unter antisemitischen Druck gerät, sorgt Tono dafür, dass Sigmund 1938 nach England ausreisen kann. In Wadebridge, Cornwall, bei der rührend um Sigmund bemühten Familie Leyland spielen die nächsten Kapitel. Sigmund erlebt dort die Kriegszeit mit zwiespältigen Gefühlen, lässt sich in England einbürgern und wird aus Dankbarkeit gegenüber seinen Gasteltern Methodist.

Auch in England wird er nicht nur als »Kraut«, sondern auch als Jude angepöbelt. Seinen besten Freund Nick verliert er, als der mit der britischen Armee kurz vor Kriegsende in Westfalen fällt. Er selbst beginnt ein Studium und schließt es mit besten Noten ab, wird Lehrer an einer englischen Oberschule.

Katholizismus Als er wenige Jahre nach Kriegsende im Urlaub nach Lippstadt zu seiner früheren Pflegefamilie reist, erneuert er seine Gefühle für Rile, zieht bald danach nach Deutschland zurück, bekommt eine Stelle als Englischlehrer in seinem alten Gymnasium, heiratet Rile und tritt ihr zuliebe zum Katholizismus über. Sein alter Geschichtslehrer, ein unverbesserlicher Nazi, wird auch wieder eingestellt, es wird unerträglich an der Schule. Zum Glück erhält »Siggi« einen Ruf an die Universität Dortmund und bildet dort Englischlehrer aus.

Mit Rile bekommt er zwei Töchter und den Sohn Frido, dessen Entwicklung bis zum Besuch in Lippstadt im Jahr 2018 den zweiten Teil des Romans bestimmt. Neben seinem Beruf engagiert sich Sigmund in der Aufklärung über die Nazizeit. Ihn interessiert, was die einfachen Leute damals gemacht haben.

Er reist in seiner Freizeit durch die Orte seiner näheren Heimat, recherchiert, schreibt Aufsätze und Artikel, die oft keinen Weg in die Zeitungen finden. Er nervt seine Familie mit dieser Obsession, die ihm wichtig ist. Später wird er einmal zu Fridos Frau sagen: »Ich habe überlebt, Cleo, während Millionen von anderen Juden nur ihres Glaubens wegen umgebracht wurden. Womit habe ich mein Überleben verdient? Ich glaube einfach, ich habe etwas gutzumachen.«

Kontinent Aber der Abiturient Frido hat genug davon und reist nach Indien, wird Bhagwan‐Anhänger und lernt in Poona die Australierin Cleo kennen. Ihr folgt er bald auf den fünften Kontinent, heiratet sie, erfährt, dass auch ihr Vater Jude ist. Beide setzen an den Anfang des Lebens ihres gemeinsamen Sohnes ein jüdisches Ritual. Sigmund, der mit Betty aus diesem Anlass nach Australien gereist ist, berührt diese Entscheidung sehr.

Er, der von einer jüdischen Mutter geboren, von einer katholischen Familie gerettet und von Methodisten in England zu ihrem Glauben geführt, der seiner Frau Rile zuliebe Katholik geworden ist, sieht in dem jüdischen Ritual für seinen Enkel eine Vollendung seines eigenen jüdischen Schicksals. Frido wird später über das Verhältnis seines Vaters zum Jüdischsein sagen: »Das Judentum als Seinszustand, als große historische Menschheitsgeschichte, als kulturelle Form, das war immer in seinem Kopf.«

Der ergreifende zeitgeschichtliche Roman endet mit der Rückkehr Fridos nach Deutschland, wo er mit 63 Jahren eine letzte Karriere beginnen wird.

Michael Göring: »Hotel Dellbrück«. Osburg, Hamburg 2018, 360 S., 22 €

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