Tragisches Ende

Von der Grande Dame zur NS-Geisel

Martha Liebermann mit ihrem Ehemann Max im Jahr 1932. Foto: picture-alliance / Bildarchiv Pisarek / akg-images

Die Liebermann-Villa am Wannsee vermittelt den Eindruck einer friedlichen Idylle: Blumen- und Gemüsegärten, eine von Birken gesäumte Wiese mit Blick auf das Wasser, ein eigener Anlegesteg. Dort verbrachten der Maler Max Liebermann (1847-1935) und seine Frau Martha (1857-1943) viele Sommer, dort entstanden zahlreiche Bilder des impressionistischen Künstlers.

Vor dem wieder aufgebauten Max-Liebermann-Haus am Brandenburger Tor, dem Hauptwohnsitz der Familie, aber erinnert ein Stolperstein an düsterere Zeiten: die Verfolgung durch die Nazis und den Tod Martha Liebermanns. Sie starb am 10. März 1943, vor 80 Jahren. Im Alter von 85 Jahren beging sie Suizid, weil ihre Deportation ins Konzentrationslager Theresienstadt bevorstand.

Dialekt Max Liebermann war acht Jahre zuvor mit 87 Jahren gestorben. Am Tag der Machtübergabe an die Nationalsozialisten, dem 30. Januar 1933, soll der jüdische Maler im Berliner Dialekt gesagt haben, er könne gar nicht so viel fressen, wie er kotzen möchte.

Der Mitbegründer der Künstlervereinigung »Berliner Secession« hatte zuvor Ämter wie die Ehrenpräsidentschaft der Akademie der Künste aufgegeben und sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Nach seinem Tod wurde es einsam um die Witwe im Palais neben dem Brandenburger Tor.

Die gemeinsame Tochter emigrierte 1938 unter dem Eindruck der offenen Gewalt gegen jüdische Bürger in der Pogromnacht gemeinsam mit Mann und Tochter in die USA. »Martha hätte mitgehen können, wollte aber nicht«, sagt die Leiterin der Liebermann-Villa am Wannsee, Lucy Wasensteiner. Die Berlinerin habe zunächst in ihrer Heimatstadt bleiben wollen, wo ihr Mann begraben lag.

Bittstellerin Eine Kopie von Martha Liebermanns letztem Brief, datiert am Tag vor ihrem Tod, zeigt ihre Verzweiflung. »Ich bin ganz auseinander«, schreibt sie darin. »Die Bank hat nicht mal die kleine Summe gezahlt, ohne einen freundlichen Besuch wäre ich ohne Geld«, heißt es in dem Schreiben an einen Freund der Familie. Die einstige Grande Dame der Berliner Gesellschaft war zur Bittstellerin geworden.

Nach dem Tod ihres Mannes verlor Martha Liebermann nach und nach ihr gesamtes Vermögen mitsamt dem Haus und der Villa am Wannsee. Von 1941 an bemühte sie sich um eine Ausreise nach Schweden und in die Schweiz - vergeblich.

Es sei kaum zu glauben, dass eine Dame von über 80 Jahren so etwas erleben musste, sagt die Leiterin der Liebermann-Villa: »Deswegen ist es uns so wichtig, immer diese schreckliche Geschichte zu erzählen, auch wenn das Haus wunderschön ist, wir schöne Bilder zeigen und über schöne Zeiten erzählen.«

Devisen Martha Liebermann sei zur »Geisel des Reichs« geworden, erklärt Kunsthistoriker Martin Faass. Die Nationalsozialisten hätten in derartigen Fällen versucht, so viele Devisen aus dem Ausland wie möglich zu erpressen. »Es ist schwierig zu sagen, woran es am Ende gescheitert ist«, sagt der frühere Leiter der Liebermann-Villa und heutige Direktor des Hessischen Landesmuseums Darmstadt.

Möglicherweise sei sie nach einem Schlaganfall Ende 1942 zu krank und schwach für eine Ausreise gewesen. Möglicherweise seien aber auch die Geldforderungen der Nationalsozialisten für die Ausreise noch einmal erhöht worden.

Nach ihrem Tod im Jüdischen Krankenhaus wurde Martha Liebermann zunächst auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beerdigt.
1954 folgte die Umbettung in das Familiengrab auf dem jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee im Stadtteil Prenzlauer Berg.

Porträts Auf Max Liebermanns Bildern ist Martha meist beim Lesen oder Schlafen dargestellt. Sie habe sich nicht gern porträtieren lassen, sagt die Leiterin der Liebermann-Villa. Da nur wenige Briefe von Martha Liebermann gesammelt sind, sei wenig über ihre Persönlichkeit bekannt, berichtet Wasensteiner. »Wir sehen sie nur durch seine Augen, durch seine Bilder.«

Die Leiterin der Liebermann-Villa zitiert den Martha zugeschriebenen Ausspruch, nach dem es eine Ehre, aber kein Vergnügen gewesen sei, mit Liebermann verheiratet gewesen zu sein.

Die 1857 in Berlin geborene Tochter einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie wird als zurückhaltend, selbst- und pflichtbewusst beschrieben. Als ihr Vater 1870 starb, wurde Liebermanns Vater Louis Marthas Vormund.

Verbindung Die Ehe des Künstlers aus einer wohlhabenden jüdischen Industriellenfamilie und der zehn Jahre jüngeren Kaufmannstochter sei eine »standesbewusste, großbürgerliche Verbindung« gewesen, sagt Kunsthistoriker Faass. Seit Dezember 1938 durfte sie sich nicht mehr dem Liebermannschen Palais am Brandenburger Tor nähern.

Nach ihrem Tod zogen die Nationalsozialisten ihren gesamten Nachlass ein. Das Haus mit der Wohnung, in der sie nach dem Tod ihres Mannes wohnte, wurde wenige Monate nach ihrem Tod bei einem Bombenangriff ebenso zerstört wie das Palais am Brandenburger Tor.

Kino

»EPiC: Elvis Presley In Concert« feiert Kinostart

Laut Regisseur Baz Luhrmann ist das Werk weder eine reine Dokumentation noch ein klassisches Konzertfilm-Format, sondern ein tiefgründiges Porträt des 1977 verstorbenen jüdischen Stars. Die Kritiker sind beeindruckt

 31.01.2026

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

Interview

»Wir sind in der kleinen jüdischen Welt einsam«

Der diesjährige Lerntag »Jom Ijun« beleuchtet das innerjüdische Spannungsfeld zwischen Gemeinschaft und Individualismus. Warum auch der jüdische Diskurs davon betroffen ist, erklären die Organisatoren Ron Caneel und Ehud Landau im Gespräch

von Nicole Dreyfus  31.01.2026

Aufgegabelt

Früchtebrot

Rezepte und Leckeres

 31.01.2026

Rezension

Israel lieben und an Israel zweifeln

Sarah Levys Buch »Kein anderes Land« ist ein persönliches Zeitdokument – von Sommer 2023 bis zum 7. Oktober und dem Gaza-Krieg

von Eugen El  31.01.2026

"Dschungelcamp"

Gil Ofarim: »Auch ich will ’ne Antwort - vom deutschen Justizsystem«

Musiker Gil Ofarim steht wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit

von Britta Schultejans  31.01.2026

Meinung

Warum der Begriff »Davidstern-Skandal« unpassend ist

Die Formulierung beschreibt den Vorfall nicht nur falsch, sie deutet ihn auch als ein jüdisches Vergehen

von Martin Krauß  30.01.2026

TV-Tipp

Brillanter Anthony Hopkins glänzt in »One Life«

Kurz nach dem Holocaust-Gedenktag zeigt 3sat ein biografisches Drama über den Briten Nicholas Winton, der 1939 Kindertransporte von Prag nach London organisierte und damit mehrere hundert Kinder vor den Nazis rettete

von Jan Lehr  29.01.2026

Kairo/Berlin

Ägypten verbietet Buch zu Gaza-Krieg - Autoren: Das Interesse ist riesig

Ihr Streitgespräch über den Nahostkonflikt sorgte in Deutschland für viel Aufmerksamkeit - doch Ägyptens Zensur verbietet das Buch von Philipp Peyman Engel und Hamed Abdel-Samad. Die Autoren nehmen es eher gelassen

 29.01.2026 Aktualisiert

Literatur

Waisenkinder des Lebens

Aus Barbara Honigmanns neuem Buch »Mischka. Drei Porträts« lässt sich erfahren, welch strenge Schönheit und unprätentiöse Würde in der Erinnerung liegen

von Marko Martin  29.01.2026