Literatur

Vom Fremden angezogen

Die Autorin Ursula Krechel (2013) Foto: picture alliance / dpa

Ursula Krechel will mit ihrer Arbeit die Gegenwart begleiten und durch die Vergangenheit verständlicher machen. Ihre Themen Flucht, Exil oder Gewalt sind heute so aktuell wie in der Geschichte. Die in Berlin lebende 77-jährige Schriftstellerin bekommt den Georg-Büchner-Preis 2025, wie die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt mitteilte.

»Mit ihr zeichnet die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung eine Autorin aus, die in ihren Gedichten, Theaterstücken, Hörspielen, Romanen und Essays den Verheerungen der deutschen Geschichte und Verhärtungen der Gegenwart die Kraft ihrer Literatur entgegensetzt«, begründete die Jury ihre Entscheidung. Die Themen Flucht, Exil, Gewalt, Feminismus seien von Anfang an in dem Werk der Autorin präsent.

Schicksale von Menschen aus der Versenkung geholt

»Ich habe mich immer viel mit dem Exil, zunächst dem literarischen Exil, dem Exil von Schriftstellern und Schriftstellerinnen, beschäftigt und dann ging ich einfach weiter in die Situation von unbekannten Menschen und habe sie gerne zum Teil aus der Versenkung geholt, zum Teil einfach auch, bin ich ihren Spuren gefolgt, soweit es Dokumente gab«, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Sie selbst habe keine solchen Erfahrungen gemacht. »Gerade das andere, das Fremde, hat mich angezogen.« 

»Die Ideen, für das, was ich schreibe, bereiten sich lange vor. Ein Projekt gibt im Grunde genommen dem anderen die Hand, sodass ich gar nicht viel Ideen brauche, sondern die Ideen sind einfach da und ich hebe sie auf«, sagte Krechel. Geschrieben habe sie eigentlich schon immer, schon als kleines Mädchen. »Es schien mir einfach die produktivste Weise für mich, mich mit der Welt auseinanderzusetzen oder sie überhaupt eben auch zu erfassen.«

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Krechel wurde 1947 in Trier geboren und studierte Germanistik, Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte in Köln. Ihr Debüt gab sie der Akademie zufolge 1974 mir dem Theaterstück »Erika«. 1977 folgte der erste Gedichtband und 1981 ihr erster Roman »Zweite Natur«.

Mehrfach ausgezeichnetes Werk

»Ihre aus umfangreichen Recherchen hervorgegangene Romantrilogie «Shanghai fern von wo» (2008), «Landgericht» (2012) und «Geisterbahn» (2018) erweist sich als eine große Erzählung der Vertreibung und Verfolgung von Juden und Sinti und der Rückkehr in ein Deutschland, in dem das Exil in die Erfahrungen von Fremdheit und Nicht-Zugehörigkeit mündet«, teilte die Jury in ihrer Begründung mit. Das Thema der Selbstbehauptung, Wiederentdeckung und Fortentwicklung weiblicher Autorschaft ziehe sich als roter Faden durch ihr gesamtes mehrfach ausgezeichnetes Schaffen.

»Ihr Werk öffnet Archive der Erinnerung, seziert unsere Sprache und rührt an Wunden, die uns bis heute prägen«, heißt es in einer Gratulation von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer auf der Plattform X. »Eine Stimme, die zeigt, wie Literatur Gewissen schärft und Demokratie verteidigt.«

Krechel ist für den Leiter des Literaturhauses Frankfurt am Main und Vorsitzendem des Netzwerks der Literaturhäuser in Deutschland, Österreich und Schweiz, Hauke Hückstädt, die »Jugendlichste unter den Nichtalternden«. Ihre Bücher seien immer rebellisch geblieben, nie etabliert, immer streunend und suchend. »Eine Autorin, die nicht schnell zufrieden ist. Jetzt dürfte sie es einmal sein!«

Die Preisverleihung soll nach Angaben einer Sprecherin der Akademie am 1. November im Staatstheater in Darmstadt stattfinden. Der seit 1951 vergebene und mit 50.000 Euro dotierte Preis zählt zu den wichtigsten literarischen Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum. Namensgeber ist der Dramatiker und Revolutionär Georg Büchner (»Woyzeck«). Er wurde 1813 im Großherzogtum Hessen geboren und starb 1837 in Zürich.

Krechel steht als Preisträgerin in einer Reihe großer Namen wie Max Frisch (1958), Günter Grass (1965), Heinrich Böll (1967) oder Elfriede Jelinek (1998). Hat sie selbst mit dieser Auszeichnung gerechnet? »Nein, ich bin nicht eine Person, die rechnet in diesen Fragen.«

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