Sicherheit

Virtuelles Kriegsrecht

Gegen Angriffe aus dem Netz richten herkömmliche Waffen nichts aus. Foto: Thinkstock

Obwohl Cyberwars – also kriegerische Auseinandersetzungen im virtuellen Raum – weltweit als große Bedrohung gelten, ist im internationalen Recht kaum geregelt, wie Staaten auf Angriffe aus dem Internet reagieren dürfen. Der israelische Armeejurist Sharon Afek hat nun eine 149-seitige Abhandlung über Cyberkriegführung und Recht vorgestellt. Sein Werk – das erste zum Thema, das auf Hebräisch erschienen ist – hat nach Meinung von Experten gute Chancen, die israelische Politik maßgeblich zu beeinflussen.

»Jeder Aspekt des täglichen Lebens«, so Sharon Afek, könne durch Cyberkriegsführung bedroht sein. Entsprechend groß seien die Herausforderungen an Staaten, »denn alles, was wir über Krieg wissen, ändert sich dadurch«. Der Staat Israel müsse sich entsprechend verstärkt mit diesem Thema beschäftigen und über die aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden halten – auch, um mit zu beeinflussen, wie sich das Völkerrecht künftig im Hinblick auf Bedrohungen durch Cyberattacken entwickelt, so Afek.

Normen Einfach werde es sicherlich nicht, ist der Jurist sicher, internationale Rechtsnormen zu erarbeiten, die die Einordnung von Cyberattacken erlauben und Standards setzen. Die meisten Staaten haben sich bislang beispielsweise der Sichtweise des renommierten Rechtswissenschaftlers Michael Schmitt vom United States Naval War College angeschlossen, der Cyber-Operationen nur dann als Angriffe im Sinne des 1. Protokolls der Genfer Konvention gelten lässt, wenn Menschen dabei körperlich zu Schaden kommen. Ganz unumstritten ist diese Meinung jedoch nicht. Knut Dorman, Chef der Rechtsabteilung des Internationalen Roten Kreuzes, plädiert beispielsweise schon seit längerer Zeit dafür, alles als Angriff zu werten, was Zivilisten oder zivile Objekte zum Ziel hat.

Ein weiterer international nicht eben einfach zu regelnder Punkt wäre laut Afek die Ächtung von Cyber-Hacking, zum Beispiel zu Spionagezwecken. Die westlichen Staaten und Länder wie China, Iran und Nordkorea müssten sich darauf verständigen, dass Operationen nur gegen militärische und nicht gegen zivile Ziele wie beispielsweise Banken gerichtet sein dürfen. Afek sieht in der näheren Zukunft kaum Chancen, dass über diesen Punkt Einigung erzielt werden könnte, da »die kulturellen Unterschiede zu groß« seien – in China und Russland würden die westlichen Medien sowie die dortigen Freiheiten des Internets als Einmischung und deswegen möglicherweise auch als legitime Ziele empfunden.

Schaden Für Israel wäre laut Afek ein wichtiges zu regelndes Thema die Frage, welche Art von Cyberoperationen geeignet wären, einen realen Waffenstillstand zu beenden. Ob Angriffe durch Terrorgruppen wie die Hamas mit militärischen Mitteln beantwortet werden sollten, ist unter westlichen Staaten umstritten. Afek befürwortet dies, da er die Gefahr sieht, dass solche Gruppen in Konfliktfällen vermehrt auf die kostengünstigen Cyberattacken setzen könnten. Und er bringt ein Beispiel aus dem israelischen Alltag: Wenn Hamas-Raketen lediglich in offenem Gelände landeten und niemand verletzt wurde sowie kein materieller Schaden entstand, war dies in der Vergangenheit für Israel nie ein Grund, einen Waffenstillstand aufzukündigen. Entsprechend würde der Staat auch nicht militärisch reagieren, wenn lediglich Webseiten angegriffen würden. »Wenn größere zivile Objekte wie der Zugverkehr oder die Börse geschädigt würden«, so der Jurist, könne ein Cyberangriff aufgrund des Schadens jedoch durchaus zu einer Reaktion Israels führen.

Trainingszentrum Für israelische Unternehmen sind Attacken von Hackern bereits alltäglich geworden. Der israelische Stromkonzern Electric Company (IEC) werde »allein pro Stunde 10.000 Mal« angegriffen, sagte Eli Glickman, CEO des Unternehmens, im Dezember der Jewish Tribune. Nun setzt er auf Gegenangriffe: Im vor zwei Monaten in Kooperation mit dem Sicherheitsanbieter Cyber Control eröffneten »Cyber-Gym Israel« lernen IT-Mitarbeiter, wie sie sich zur Wehr setzen können.

»Israel ist das meistattackierte Land der Welt«, sagt Ofir Hanson, Direktor des Gyms, »und IEC, die am häufigsten unter Cyberangriffen leidende Firma des Landes, hat nun die einzigartige Möglichkeit und die Kapazitäten, auch andere Unternehmen gegen Hacking fit zu machen.«

Im Schulungszentrum nahe Hadera lernen die Fachleute, wie sie Schadsoftware erkennen und unschädlich machen können – und das auch noch möglichst schnell, denn ein Ausfall der teuren Unternehmenstechnik könnte im wirklichen Leben Schäden in Millionenhöhe zur Folge haben.

Trainiert wird, indem die Unternehmensmitarbeiter gegen die Profis des Gyms antreten, die in Simulationen beispielsweise mit Trojanern und Würmern die Infrastruktur des Stromunternehmens angreifen. Anhand akribischer Aufzeichnungen lassen sich später Fehler schnell erkennen und analysieren, sodass im Ernstfall schnell reagiert werden kann.

Export Das Konzept ist bereits jetzt erfolgreich. Bis Mitte des Jahres sind alle Kapazitäten des Gyms schon ausgebucht. Sogar die brasilianische Polizei habe sich bereits nach einem Kurs erkundigt, um gegen etwaige Cyberangriffe während der Olympischen Spiele 2016 gerüstet zu sein. »Die Idee eines solchen Trainingszentrums könnte für viele Geschäftsbereiche sinnvoll sein«, sagte Ofir Hanson und nannte als Beispiele unter anderem Banken und Industrieunternehmen als besonders schutzbedürfte Hackerziele.

Deswegen planen die Betreiber, die Idee auch in andere Länder zu exportieren. Bereits im nächsten Jahr soll ein Cyber-Gym in Deutschland entstehen.

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