Literatur

Viele Bücher in einem

Der deutsch-österreichische Schriftsteller Daniel Kehlmann wurde 1975 in München geboren und lebt in Berlin. Foto: Stephan Pramme

Daniel Kehlmann hat, wie es scheint, mehrere neue Bücher geschrieben. Da ist der Roman über einen Künstler, der jede Sekunde seines Lebens an Film denkt, ja geradezu davon abhängig ist – und dieser Passion vieles, mitunter auch das Wohlergehen seiner Mitmenschen, unterordnet. Da ist ein Exilroman, der die Schwierigkeiten, Konflikte und Widersprüche veranschaulicht, mit denen viele notgedrungen Ausgewanderte im Aufnahmeland konfrontiert sind. Da ist aber auch ein Roman, der die radikale Brutalität der nationalsozialistischen Gesellschaft zeigt und deren inneren Kitt offenlegt: den allumfassenden, mörderischen Judenhass.

Lichtspiel heißt Daniel Kehlmanns lange erwartetes Werk, das all diese Bücher in sich vereint. Auf über 450 Seiten verschränkt es viele Perspektiven zu einem facettenreichen und fesselnden Leseerlebnis. In den Mittelpunkt rückt der 1975 geborene Erfolgsschriftsteller den Filmregisseur Georg Wilhelm Pabst (1885–1967) und dessen ambivalente Rolle im NS-Filmbetrieb.

Zunächst aber versetzt Kehlmann den Leser nach Los Angeles, wo der Regisseur, der in der Weimarer Republik als »roter Pabst« galt, mit seiner Familie Zuflucht vor den Nazis findet, in Hollywood jedoch nicht Fuß fassen kann. Ob es um Pabsts bescheidene Englischkenntnisse oder um die ans Groteske grenzende Oberflächlichkeit seiner kalifornischen Gesprächspartner geht: Kehlmann setzt die schon in seinem Roman Die Vermessung der Welt fulminant erprobte Situationskomik vielfach gezielt und präzise ein.

In der wohl stärksten Szene des Romans wird die geballte Niedertracht der Nazis offenbar

Ebenso souverän gelingt es ihm, Lichtspiel streckenweise zu einem Thriller zu formen – etwa, wenn er G. W. Pabst in Berlin zum Gespräch mit dem NS-Propagandaminister Joseph Goebbels antreten lässt. In dieser wohl stärksten Szene des Romans wird die geballte Niedertracht der Nazis offenbar. Goebbels, der die deutsche Filmindustrie beherrscht und überhaupt beinahe allmächtig erscheint, wird als eine sadistische, ja geradezu diabolische Figur gezeichnet, die etwa an Joker aus den Batman-Filmen denken lässt.

»Der Minister«, wie er durchgehend genannt wird, möchte Pabst dazu bringen, Filme zu drehen, verlangt von ihm eine Distanzierung von seiner »roten« Vergangenheit und droht Pabst unverhohlen mit dem Konzentrationslager, um schließlich mit der Totalität des NS-Überwachungsstaates zu prahlen. Letztlich fügt sich Pabst und inszeniert mehrere Streifen für Bavaria Film.

Wie aber verschlug es G. W. Pabst aus Hollywood ins »Dritte Reich«? »Wir sind wegen Mama gekommen, plötzlich brach der Krieg aus, und nach meinem Sturz von der Leiter war ich gefangen!« So lapidar fasst Pabst im Gespräch mit seiner Frau die in Grundzügen den Tatsachen entsprechenden, mit tragischen Zufällen gespickten Geschehnisse zusammen, die 1939 dazu führten, dass er mit seiner Familie in der »Ostmark« (so die Bezeichnung für das an Nazi-Deutschland angeschlossene Österreich) strandete. Kehlmann erzählt Trude Pabst als eine an dieser faktischen Gefangenschaft verzweifelnde Frau, die sich nicht – wie ihr von einer Mischung aus Pragmatismus und künstlerischem Ehrgeiz angetriebener Mann – anpassen möchte.

Die Romanfigur G. W. Pabst trifft auf Joseph Goebbels und Leni Riefenstahl.

Ihr (fiktiver) gemeinsamer Sohn Jakob wächst indes im NS-Staat auf. Er lernt schnell, sich mit Gewalt Respekt zu verschaffen, und verinnerlicht den sämtliche Lebensbereiche durchziehenden Antisemitismus. Die Auswirkungen dieser Erziehung werden deutlich, als der jugendliche Jakob seinem Vater erklärt, dass es Wichtigeres als Filme gebe – etwa den »Kampf« für »das Reich und für unseren Führer«.

Darf man über Nazis lachen? – Kehlmanns feine Komik lässt dem Leser keine andere Wahl

Doch selbst in dem ebenso umfangreichen wie düsteren, während des Zweiten Weltkriegs spielenden Teil des Romans schafft Daniel Kehlmann Momente der Heiterkeit: Etwa, wenn er G. W. Pabst bei Dreharbeiten auf Nazi-Filmstar Leni Riefenstahl treffen lässt, die er als eine grenzenlos überhebliche, eigentlich aber äußerst steife und unbegabte Schauspielerin zeichnet. In einer weiteren Szene gerät Riefenstahl durch ihr miserables Englisch vollends zur Karikatur – womit die Frage beantwortet wäre, ob man über Nazis lachen darf: Kehlmanns feine Komik lässt dem Leser keine andere Wahl.

Präzise schildert er in den rahmenden Anfangs- und Schlusskapiteln die unerträglich seichte und verlogene Atmosphäre in Nachkriegsösterreich, wo der Judenhass die Kriegsniederlage scheinbar unbeschadet überdauert hat. Lichtspiel ist auch ein Roman über die Zumutungen des Alters und die Tragikomödie, in die sich jedes Leben mit dem einsetzenden körperlichen und geistigen Verfall verwandelt. Ebenso wie die wohl dosierten surrealen Elemente ist dies ein weiteres wiederkehrendes Motiv in Kehlmanns Oeuvre.

Vor allem aber ist sein neues Buch eine mitsamt aller Ambivalenzen erzählte, kenntnisreiche Hommage an den Film als Verbindung von Kunst und Handwerk, Genie und Teamwork, Autonomie und Verstrickung. Dieser vielgestaltige Roman hat auch seine zärtlichen Momente. Ist es vermessen, sie als einen stillen Gruß des Autors an seinen Vater, den Film- und Theaterregisseur Michael Kehlmann, zu lesen?

Daniel Kehlmann: »Lichtspiel«. Roman. Rowohlt, Hamburg 2023, 480 S., 26 €

Berlinale

Eine respektvolle Berlinale scheint möglich

Die 76. Berlinale hat mit Glamour, großen Gefühlen und einem wunderbaren Eröffnungsfilm begonnen. Respekt wurde großgeschrieben am ersten Tag. Nur auf der Pressekonferenz der Jury versuchte Journalist Tilo Jung vergeblich zu polarisieren

von Sophie Albers Ben Chamo  13.02.2026

Potsdam

Barberini-Museum zeigt deutsche Impressionisten

Drei große Sonderausstellungen präsentiert das Potsdamer Barberini-Museum pro Jahr. 2026 werden zum Auftakt Werke von Max Liebermann und weiteren Künstlern des Impressionismus in Deutschland gezeigt

 13.02.2026

Analyse

Historiker: Dirigent von Karajan kein Hitler-Sympathisant

Opportunist oder Gesinnungsnazi? Das historische Bild des Dirigenten Herbert von Karajan leidet seit Längerem unter seiner NSDAP-Mitgliedschaft. Der Historiker Michael Wolffsohn will ihn nun von mehreren Vorwürfen freisprechen

von Johannes Peter Senk  13.02.2026

Berlinale-Film

Special Screening: David Cunio in Berlin erwartet

Das Kino Babylon zeigt vier Monate nach der Freilassung der israelischen Hamas-Geisel eine neue Fassung des Films »A Letter To David«

von Ayala Goldmann  12.02.2026

Meinung

Schuld und Sühne?

Martin Krauß irritiert der Umgang mancher Medien mit dem »Dschungelcamp«-König Gil Ofarim

von Martin Krauß  12.02.2026

Kulturkolumne

»Konti: Mission BRD«

Meine Bewältigung der Einwanderung nach Deutschland: Wie ich als Immigrant ein Brettspiel entwickelte

von Eugen El  12.02.2026

Hollywood

Rachel Weisz spielt in Neuauflage von »Die Mumie« mit

Beim dritten Teil hatte die Schauspielerin eine Mitwirkung abgelehnt, da sie das Drehbuch nicht überzeugt hatte. Auf den neuesten Film müssen Fans noch etwas warten

 12.02.2026

Erfurt

Jüdische Kulturtage mit mehr Sichtbarkeit in Israel

Dank eines gewachsenen Netzwerks erwarten die Organisatoren von Thüringens größtem jüdischen Festival zahlreiche Künstler aus Israel

 12.02.2026

Filmfestspiele

Was die Berlinale diesmal bietet

Wieder läuft keine israelische Produktion im Wettbewerb. Dafür finden sich viele jüdische und israelische Perspektiven im gesamten Programm

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026