Daniel Kehlmann

»Untypische Geschichten erzählen«

Daniel Kehlmann Foto: Stephan Pramme

Herr Kehlmann, Sie sind mit dem israelischen Schriftsteller Etgar Keret befreundet. Haben Sie nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober mit ihm telefoniert?
Ja, es geht ihm natürlich nicht gut. Er ist entsetzt und voller Angst, aber bemerkenswerterweise will er gerade jetzt nicht weg aus Israel. Wir hatten ihm angeboten, zu uns in die Wohnung zu kommen, aber er sagte, dass dafür jetzt nicht der richtige Zeitpunkt sei.

Wie war Ihre Reaktion auf die Angriffe am vergangenen Samstag?
Meine Frau hatte von Shira Geffen, Etgars Frau, auf WhatsApp ein Video bekommen, in dem Shira auf einer der größten Straßen in Tel Aviv unterwegs war – und alles war leer. Ich hatte noch keine Nachrichten gehört und fragte, was los sei, weshalb die Straße so leer sei. Zuerst dachte ich, dass sich alles in dem Rahmen bewegen würde, an den wir uns gewöhnt haben. Nach und nach allerdings wurde dann durch die Nachrichten das ganze Ausmaß des Angriffs sichtbar. Wir haben sofort Etgar angerufen und gefragt, wie es ihm und seiner Familie geht.

Sie haben Kerets Buch »Die sieben guten Jahre« aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt, Sie kennen sich beide lange: Wie würden Sie Ihre Freundschaft beschreiben?
Vor vielen Jahren hat uns Jonathan Safran Foer beim Jerusalemer Literaturfestival einander vorgestellt. Und Jonathan sagte: »This is the nicest guy in the world. This is Etgar Keret.« Das stimmt wirklich. Er ist ein ganz wunderbarer Mensch. Seine Frau Shira, eine bedeutende Filmemacherin, ist genauso großartig wie er, und Etgars Sohn ist inzwischen ein guter Freund meines Sohnes: Die beiden spielen Computerspiele zusammen, unterhalten sich ständig auf »Discord«. Das heißt, meine beste Quelle, um zu wissen, wie es der Familie Keret geht, ist mein Sohn, denn er steht immer mit Lev in Kontakt.

Noch ist es vonseiten des Kulturbetriebs ein bisschen ruhig, wenn es darum geht, sich öffentlich an Israels Seite zu stellen. Hätten Sie sich mehr Reaktion gewünscht?
Nein, das kann ich nicht sagen. Wenn etwas so absolut Entsetzliches passiert, dann ist es klar, dass man auch ebenso entsetzt ist. Es ist nicht nötig, dass jeder Kulturträger und jede Organisation dazu Stellung bezieht und sagt, dass man es furchtbar findet. Das sollte sich doch von selbst verstehen.

Sie haben mit »Lichtspiel« einen Roman über den österreichischen Regisseur Georg Wilhelm Pabst geschrieben. Was hat Sie an Pabst so interessiert?
Er hat diese ganz untypische Emigrationsgeschichte. Er war in Hollywood, war mit seiner Familie in Sicherheit, hat dort gearbeitet und ist dann doch wieder zurückgegangen. Warum, darüber ist nicht sehr viel bekannt, und man kann spekulieren, aber ich habe darin einen Roman gesehen. Mich hat die – dafür gibt es das schöne englische Wort – »complicity« interessiert. Das ist weder Komplizenschaft noch Mittäter. Es ist etwas dazwischen, das Geschehenlassen, sich nicht einmischen, man macht sich mitschuldig, aber nicht im großen verbrecherischen Sinne. Pabst ist dafür ein gutes Beispiel. Ich finde, Erzählungen sind immer relevant, wenn sie untypische Geschichten erzählen.

War es für Sie klar, dass es in Ihrem Buch ganz generell um Filme gehen sollte?
Ich kam eigentlich über den Film der Nachkriegszeit dazu. Diese abscheulichen Filme, diese Heimatfilme, die Peter-Alexander-Schmonzetten, die Streifen mit Gunther Philipp. Die liefen in meiner Kindheit, und ich kannte viele davon, denn wir hatten in Österreich nur zwei Fernsehprogramme. Ich war sogar damals schon fasziniert, wie unglaublich neurotisch diese Filme sind, wie dick aufgetragen diese dummen Witze waren und wie sehr ein wahnhafter pathologischer Wille der Harmonie aus ihnen spricht. Ich wollte zuerst darüber schreiben, wollte einen Roman über die Filmemacher der Nachkriegszeit machen, aber ich habe gemerkt: Es gibt keine Fallhöhe, weil das alles nur so unglaublich schlecht war. Die größere Geschichte nahm wirklich durch Pabst Gestalt an, der ja einige der bedeutendsten Filme der 1920er-Jahre gemacht hat. Ich habe dann auch Carl Zuckmayers »Geheimreport« gelesen, und darin erwähnt er unter anderem das letzte Treffen mit Pabst. Zuckmayer sagt einen Satz, den er nur über Pabst sagt.

Welchen?
»Ich habe für diesen Fall keinen Schlüssel.« Und das war der Moment, in dem ich wusste: Ich möchte daraus einen Roman machen. Ich dachte auch länger darüber nach, die Handlung ganz zu fiktionalisieren, aber man kann nicht all die Leistungen einer Figur hinzuerfinden. Die Figur hätte dann nicht wie Pabst »Die freudlose Gasse«, sondern »Die traurige Straße« gedreht. So etwas wollte ich nicht. So wie mein Vorbild Vargas Llosa, der mit historischen Figuren aus der Zeitgeschichte in Peru arbeitet, dachte ich, es muss klar sein, dass es ein Roman ist, und dann verwende ich Klarnamen. Heinz Rühmann ist also bei mir Heinz Rühmann und nicht Fred Fuhrmann.

Wie war die Recherche zum Roman?
Die war nicht leicht, denn über Pabst gibt es nicht viel. Nur zwei Bücher, es gibt den Nachlass in der Deutschen Kinemathek. Er ist gut geordnet, aber auch gut aufgeräumt. Den Schriftverkehr mit der »Reichsschrifttumskammer« findet man dort nicht. Der liegt im Bundesarchiv, denn die Gestapo hat alles aufbewahrt, und da findet man einiges. Aber es ist alles sehr lückenhaft. Für einen Schriftsteller ist diese Lückenhaftigkeit natürlich das Beste. Ich musste nicht gegen eine allzu festgefügte Quellenlage anschreiben, sondern ich hatte schön viel Platz zum Ausgestalten.

Wann haben Sie angefangen, das Buch zu schreiben?
2018 oder 2019 noch in den USA, noch unter Präsident Donald Trump. Deswegen ist mir das Thema der »complicity« so aufgefallen. Hardcore-Trump-Verehrer kannte ich nicht, aber ich kannte schon Menschen, die im Alltag all diese kleinen Kompromisse eingegangen sind. Das Thema wurde für mich um einiges aktueller, als Russland in die Ukraine einmarschiert ist und innerlich diesen enormen Schritt in die Diktatur gegangen ist. Denn jetzt war jeder russische Regisseur oder Theatermacher in einer ähnlichen Situation, in der sich Pabst befand. Nämlich: Man ist, wenn man überhaupt etwas machen will, auf die staatlichen Ressourcen angewiesen. Und dann ist die Frage: Wie weit geht man? Welche Kompromisse sind tragfähig? Versucht man zu fliehen, oder bleibt man? Hinzu kommt, wenn man dann ins Ausland geht, ist es auch nicht so, dass einem alle Teppiche ausgerollt werden.

Diese »complicity« sehen wir aktuell auch in der Politik: Welche Kompromisse macht man beispielsweise mit rechtsextremen Parteien auf kommunaler Ebene?
Ich wollte erzählerisch gestalten, wie sich das Alltagsleben in einem totalitären Staat anfühlen muss. Ein totalitärer Staat kriecht in alle Ritzen, man kann keinen Raum freihalten. Darüber schreibt Hannah Arendt in ihrem Buch »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft« auch, dass der totalitäre Staat die Tendenz hat, immer die Schrauben anzuziehen, und dass er keinen Lebensbereich unberührt lässt.

Wie blicken Sie auf die politische Situation nach den Landtagswahlen in Bayern und Hessen, vor den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen 2024?
Ich teile das sicherlich mit vielen: Ich war lange nicht mehr so besorgt wie jetzt. Am meisten besorgt bin ich kurzfristig allerdings über Österreich, wo die FPÖ die stärkste Partei ist. Und das nach der »Ibiza«-Affäre – das muss man sich einmal vorstellen. Da sind wir in Deutschland noch nicht ganz angekommen. Wir befinden uns zwar an einem Tiefpunkt, aber, um nicht nur Dunkelheit zu verbreiten: Ich glaube, dass Trump die nächste Wahl verlieren wird, und dass das zu einer weltweiten Normalisierung führen wird. Vielleicht wird in einem Jahr alles besser sein. Eventuell.

Am Sonntag erhält Salman Rushdie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sie sind sein Laudator – auch sein Freund. Was ist das für eine Freundschaft?
Der verstorbene Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat in Interviews immer gesagt, dass Schriftsteller einander hassen würden. Meine Erfahrung ist das Gegenteil. Ich glaube, dass es eine Projektion Reich-Ranickis war, weil er Schriftsteller gehasst hat. Etgar und Salman kennen einander auch gut. Adam Thirlwell, einer meiner engsten Freunde, und Etgar sind miteinander und auch mit Salman befreundet. Schriftsteller sind eigentlich sehr angenehme, liebenswerte Menschen – oft, nicht immer –, bei denen ein echtes Gefühl der Solidarität herrscht, nämlich das, wie verdammt schwer es ist, umfangreiche Prosawerke zu schreiben. In dieser Hinsicht sind Schriftsteller viel besser als ihr Ruf.

Sie halten die Laudatio für Ihren Freund Salman, aber auch für den bedeutenden Salman Rushdie. Sind Sie aufgeregt?
Ja, denn es ist schon ein großer symbolischer Moment. Die Laudatio ist im Druck, ich werde die Weltlage nicht einbauen. Ich bin nervös, aber ich freue mich auch darauf, weil es überhaupt nicht selbstverständlich ist, dass Salman unter uns und bei uns sein kann. Er sagt selbst, dass er seine Genesung, wenn er nicht so ein Bannerträger des Atheismus sei, ein Wunder nennen würde. Und es ist wirklich wie ein Wunder, wie gut er sich von dem Attentat erholt hat, und ein Moment, in dem wir das feiern können.

Sie sind als Autor auch ein bisschen Fan.
Natürlich. Salman hat mit »Mitternachtskinder« ein Jahrhundertbuch geschrieben. Wer hat das schon? Wenn er sich nach diesem Buch zur Ruhe gesetzt hätte, wäre ihm selbst nicht nur viel erspart geblieben, auch sein Rang in der Literaturgeschichte wäre ihm sicher gewesen. Er hat danach noch die unterschiedlichsten Bücher geschrieben, und er ist einfach ein großer Mensch. Salman ist mit vielen jüngeren Autoren befreundet. Er liest ihre Werke, er interessiert sich. Er ist die Neugier selbst und innerlich vollkommen jung.

Wann arbeiten Sie eigentlich am besten?
Früher sehr gern in der Nacht. Es gibt diesen Satz von Franz Kafka, den ich mal gefunden habe: »Auch die Nacht ist nicht Nacht genug.« Aber seitdem ich einen Sohn habe, hat sich das in den Nachmittag verlagert. Vormittags geht immer noch nicht. Ich verstehe nicht, wieso es Leute gibt, die vormittags zu ernsthaften geistigen Leistungen imstande sind. Ich gehöre nicht dazu. Da mein Sohn aber immer älter wird, verlagert sich meine Arbeit langsam wieder mehr in die Nacht hinein.

Können Sie mit Kritik gut umgehen?
Ich glaube im Alter wird man da entspannter und man sieht sie im großen Kontext. Das kommt aber darauf an, ob Sie veröffentlichte oder persönliche Kritik meinen.

Persönliche
Ja, damit habe ich kein Problem, es sei denn jemand schreit mich an oder wird unhöflich, aber das ist eigentlich noch nie passiert. Ansonsten – darüber habe ich gerade in Schweden bei einer Literaturwissenschaftler-Tagung gesprochen –, man braucht eine Weile, um zu akzeptieren, dass es für veröffentlichte Literaturkritik keine zweite Ebene gibt, auf der sich etwas richtigstellen lässt. Man kann in einer Literaturkritik alles behaupten und alles sagen. Es gibt kein Berufungsgericht. Ich war mit Juan Gabriel Vásquez, mit dem ich auch gut befreundet bin, dort in Schweden und nannte als Beispiel: Wenn ich schreiben würde, dass das Kapitel über Wien im letzten Buch von Vásquez absoluter Unsinn sei, dann könnte er nichts dagegen tun, auch wenn er kein Kapitel hat, das in Wien spielt. Wenn er dann aber einen Leserbrief schreiben würde, hieße es: Juan Gabriel Vásquez kann nicht gut mit Kritik umgehen. Das ist als junger Autor schwer zu akzeptieren, denn man glaubt an die Gerechtigkeit in der Welt. Später wird einem klar, daß die Gerechtigkeit nirgendwo sehr stark ist, also warum sollte es gerade in der Kulturkritik anders sein?

Sie haben, um noch einmal auf Ihren Roman zurückzukommen, das Buch Thomas Buergenthal gewidmet. Was verband Sie mit dem Juristen und Völkerrechtler?
Meine Frau, der das Buch auch gewidmet ist, hat für ihn am Internationalen Gerichtshof gearbeitet. Ich habe ihn durch sie kennengelernt, habe ihn einmal in Nürnberg öffentlich interviewt und auch regelmäßig in Washington besucht. Er war von allen Schoa-Überlebenden, die ich kennengelernt habe, vielleicht derjenige, der den Holocaust am besten verarbeitet hatte – verarbeitet in dem Sinn, dass er am Klarsten darüber sprechen konnte, dass er dem Ganzen so ins Gesicht sehen konnte. Sein ganzes Leben als Richter war auch darauf ausgerichtet, dass sich der Holocaust nicht wiederholen würde. Was mich bei Tom so tief berührt und schockiert hat, war, dass er, wenn er über Auschwitz sprach, nicht von dem metaphysischen Symbol einer Menschheitstragödie sprach, sondern er sprach wirklich von dem konkreten Ort.

Haben Sie ein Beispiel dafür?
Wir haben uns mal über Schlafprobleme unterhalten, wer wann wie gut oder schlecht schlafen würde. Und Thomas sagte ganz ruhig und ohne jede ironische Brechung: »Als Kind habe ich immer gut geschlafen, in Auschwitz natürlich nicht so gut, wegen der Schreie in der Nacht, später habe ich wieder gut geschlafen.« Plötzlich konfrontiert zu sein, mit einem Gegenüber, für den das nichts Metaphysisches mehr ist, sondern für den Auschwitz ein realer Ort und eine klare Erinnerung voller Details war, das hat mich tiefer erschüttert als viele philosophische Deutungen, die ich gelesen habe. Es gibt aber noch einen anderen Grund, weswegen ich ihm dieses Buch gewidmet habe.

Welchen?
Mein Sohn und meine Frau haben Tom in Florida besucht – ich war leider nicht mit dabei. Meine Frau hatte das Manuskript mit dabei. Für sich, nicht für ihn. Aber Tom wollte es unbedingt lesen, was die größte Ehre war. Er sagte einmal, dass er nie Bücher über das »Dritte Reich« lesen wolle, denn er hatte es erlebt, er musste darüber nichts lesen. Dieses Buch wollte er aber lesen, meine Frau hat es ihm dagelassen, und dann haben wir nichts mehr von ihm gehört. Zwei oder drei Wochen. Man macht sich natürlich Sorgen, dass es ihm missfällt, was natürlich sehr relevant gewesen wäre. Dann erfuhren wir, dass er Covid bekommen hatte – er war 89 Jahre alt. Das war ein furchtbarer Schock. Ich habe das Buch ihm gewidmet, in der Hoffnung, dass er es gemocht hätte.

Mit dem Schriftsteller sprach Katrin Richter.

Daniel Kehlmann: »Lichtspiel«. Roman. Rowohlt, Hamburg 2023, 480 S., 26 €

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