Hannah-Arendt-Preis

Verdrängte Nachbarn

Am 7. Dezember wird die Jerusalemer Historikerin Yfaat Weiss in Bremen mit dem »Hannah‐Arendt‐Preis für politisches Denken« der den Grünen nahestehenden Heinrich‐Böll‐Stiftung ausgezeichnet. Die Jury begründet die Preisvergabe damit, dass Weiss verdrängte Geschichten aus dem Zusammenleben der ethnischen Gruppierungen des jüdischen Volkes und der arabischen Bevölkerung in Israel erzähle und es so ermögliche, »verschüttete Erinnerungen zwischen europäischen und arabischen Juden, zwischen Juden und muslimischen Arabern freizulegen«.

deutschlandstudien Die 1962 in Haifa geborene Historikerin lehrte und forschte unter anderem am Simon‐Dubnow‐Institut in Leipzig, am Hamburger Institut für Sozialforschung und war am Aufbau des Lehrstuhls für Jüdische Geschichte der Universität München beteiligt. Von ihr liegen drei Monografien auf Deutsch vor: 2000 erschien ihre Untersuchung Deutsche und polnische Juden vor dem Holocaust. Jüdische Identität zwischen Staatsbürgerschaft und Ethnizität 1933–1940, im Jahr 2010 dann ihre einfühlsame Studie über die weitgehend vergessene hebräische Dichterin Leah Goldberg: Lehrjahre in Deutschland 1930–1933.

Die 1911 wie Hannah Arendt in Königsberg geborene Leah Goldberg verlebte ihre Kindheit in Russland und Litauen, schrieb und dichtete schon als junge Frau auf Hebräisch, wurde 1933 an der Universität Bonn mit einer Arbeit über semitische Sprachen promoviert, um 1935 nach Tel Aviv überzusiedeln. Dort schloss sie sich dem damals hegemonialen kulturellen Milieu der zionistischen Arbeiterbewegung an. Leah Goldberg lebte von 1911 bis 1970, Hannah Arendt von 1906 bis 1975, doch ist nicht anzunehmen, dass die beiden Frauen von einander Notiz nahmen. Erst die Verleihung des Arendt‐Preises an Yfaat Weiss öffnet den Blick für eine noch zu wenig beachtete Konstellation: die Haltung intellektueller jüdischer Frauen zu Israel und dem Zionismus.

geschichtsgeografie In dieser Tradition steht auch die Preisträgerin selbst. 2012 erschien die deutsche Fassung ihres Buchs Verdrängte Nachbarn. Wadi Salib – Haifas enteignete Erinnerung. Dort geht es zunächst um einen humangeografisch informierten Blick auf einen Stadtteil Haifas, Wadi Salib, in dem es im Sommer 1959 zu Straßenschlachten zwischen der Polizei und Gruppen marokkanisch‐jüdischer Einwanderer kam, weil Polizisten einen dieser Gruppe angehörigen, randalierenden Mann erschossen hatten.

Behutsam beschreibt Weiss die Vorgeschichte: wie es zur Unterbringung marokkanisch‐jüdischer Immigranten in diesem Viertel kam, um schließlich offenzulegen, dass Wadi Salib bis 1948 ein arabisches Stadtviertel war und erst nach Flucht und Vertreibung der arabischen Bevölkerung von jüdischen Immigranten besiedelt wurde.

Weiss geht in ihrer Untersuchung archäologisch vor: Schicht um Schicht legt sie eine tiefere Ebene der Vergangenheit frei, um im April 1948 anzugelangen, in dem sich, Wochen vor der israelischen Unabhängigkeitserklärung, das Schicksal der arabischen Einwohner Haifas vollzog. Detailliert zeigt Weiss, dass an der regierungsamtlichen israelischen Auskunft, die Araber Haifas hätten die Stadt auf Aufforderung arabischer Militärs verlassen, nichts zutrifft, im Gegenteil: Die arabische Seite versuchte seit Beginn der Kämpfe im Frühjahr 1948 alles zu tun, um die Abwanderung zu verhindern. Umgekehrt waren es arabische Aufrufe des Senders der Hagana, die unter den palästinensischen Bewohnern Panik auslösten.

Freilich hätte nach Ende der Kämpfe durchaus die Möglichkeit bestanden, den geflohenen arabischen Einwohnern die Rückkehr zu ermöglichen, indes: In den Monaten April bis Juni 1948 entschied die israelische Regierung, eine Rückkehr nicht zuzulassen.

Nach ersten Verordnungen verabschiedete das israelische Parlament im Dezember 1950 das »Absentees Property Gesetz«, das die Eigentumsansprüche der arabischen Bevölkerung förmlich aufhob. Weiss resümiert: »Der politische Zweck dieser Regelungen war es, die Nutzung von arabischem Besitz für eine jüdische Besiedlung zu erleichtern, indem man die Immobilien Immigranten zur Verfügung stellte und damit gleichzeitig die Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge verhinderte.«

raumplanung Yfaat Weiss’ Studie zeigt darüber hinaus, in welcher Weise vermeintlich so unpolitische Praktiken wie Raumplanung, Städtebau vor allem Ausübung von Herrschaft sind. Denn auch die nach Israel gekommenen jüdischen Immigranten verhielten sich nicht so, wie von der israelischen Regierung gewünscht: Keineswegs wollten sie landwirtschaftliche Grenzregionen bewohnen, vielmehr zog es sie, sehr zum Ärger etwa der Jewish Agency, in die großen Städte. Ein darauf reagierendes Gesetz ging so weit, Transportunternehmen aufzufordern, keine Immigrantenfamilien ohne Genehmigung der Jewish Agency zu befördern.

Am Ende wurde Wadi Salib Stück für Stück evakuiert, keineswegs das einzige Armenviertel Israels, das damals aufgelöst wurde. Damit steht die Raumplanungspolitik der ersten israelischen Regierungen in einer ambivalenten sozialdemokratischen Tradition, wie sie etwa im »Roten Wien« der 20er‐ und 30er‐Jahre gepflegt wurde. Dort ging es darum, undisziplinierte Arbeiter zu disziplinierten, aufgeklärten, gesunden und politisch bewussten Mitgliedern ihrer Klasse umzuerziehen. Daher, so Yfaat Weiss pointiert: »Der Zionismus war ein Imitationsprojekt.«

Im Herbst 1945, Jahre vor diesen Ereignissen, publizierte Hannah Arendt in einer amerikanisch‐jüdischen Zeitschrift, dem »Menorah Journal«, einen Aufsatz unter dem Titel Zionism reconsidered, der mit folgenden Worten schloss: »Wenn die Zionisten an ihrer sektiererischen Ideologie festhalten und in ihrem kurzsichtigen ›Realismus‹ fortfahren, dann werden sie selbst die geringen Chancen verwirken, die in unserer nicht allzu schönen Welt kleine Völker noch immer haben.« Yfaat Weiss hat diese Einsicht in ihrer Fallstudie zu Wadi Salib, ohne ein Argument schuldig zu bleiben, begründet.

Alfred Bodenheimer

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