Filmprojekt

Unter uns Migranten

Wo nehmen Filme ihren Anfang? Wo stoßen Autoren auf Ideen? Bei Leo Khasin, der 1981 im Alter von acht Jahren mit seiner Familie aus der Sowjetunion nach Deutschland emigrierte, war es die Praxis. Seine eigene Zahnarztpraxis in Berlin-Kreuzberg. Einer von Khasins Patienten, ein libanesischer Junge, hatte übergroße Angst vor Spritzen, Bohrern und Zahnmeißeln. Ein alter russischer Jude im Wartezimmer machte dem Jungen Mut.

Daraus entsteht jetzt ein Film. Leo Khasin hat den Dentistenjob vor neun Jahren an den Nagel gehängt, um sich seinen Traum vom Kinomachen zu erfüllen. Er drehte Kurzfilme, eignete sich auf der Autorenschule Hamburg dramaturgische Kniffe an und schrieb ein Drehbuch, das er nun als Regisseur in Szene setzt. Kaddisch für einen Freund heißt das Projekt, für das gerade in München gedreht wird, koproduziert von WDR, Bayerischem Rundfunk und arte, finanziert vom FilmFernsehFonds Bayern (weshalb der Kiez rund um den Kreuzberger Mehringdamm in München-Neuperlach nachgebaut wurde).

mutprobe Dort bricht der 14-jährige palästinensische Asylbewerber Ali (Neil Belakhdar) in die Nachbarwohnung ein – eine Mutprobe als Aufnahmeritual in eine Clique. In der Wohnung lebt Alexander Rabinowitsch (Ryszard Ronczewski), der trotz seiner 84 Jahre nicht in ein Altersheim ziehen will. Der Ende der 70er-Jahre aus der Sowjetunion eingewanderte jüdische Weltkriegsveteran erstattet wegen des Einbruchs Strafanzeige. Doch die könnte, da Alis Familie in Deutschland nur geduldet ist, zu deren Abschiebung führen. Alexander macht dem Jungen deshalb ein Angebot: Hilft Ali ihm, die Wohnung zu renovieren, zieht der alte Mann die Anzeige zurück.

So geschieht es. Und es entwickelt sich beim gemeinsamen Arbeiten Respekt, aus dem, trotz der zwei Generationen Altersunterschied, Freundschaft wird. Alexander entdeckt Alis künstlerische Begabung und fördert ihn. Doch dann kippt alles, weil trotz Rücknahme der Anzeige Ali dennoch vor Gericht muss. Alexander kann es nicht verhindern. Am Ende dieser Tragikomödie über, wie Produzent Martin Bach sagt, »die Kunst der Versöhnung« spricht Ali den Kaddisch für Alexander.

gänsehaut Ist Kaddisch für einen Freund die deutsche Variante von Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran? Das weist Leo Khasin von sich. Und nennt als Einfluss vielmehr Madame Rosa, die Verfilmung von Émile Ajars alias Romain Garys Roman Du hast das Leben noch vor dir mit Simone Signoret in der Rolle einer Auschwitz-Überlebenden und Prostituierten im Ruhestand, deren einziger Freund der junge Araber Momo ist. So wie dort, hofft Leo Khasin, dass auch bei seinem Film, der voraussichtlich im Herbst 2011 in die Kinos kommt, »die Zuschauer am Ende eine Gänsehaut haben«.

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