»Losing Alice«

Unter die Haut

Alice (Ayelet Zurer) ahnt noch nicht, dass sich schon bald eine junge Frau in ihr geordnetes Leben drängen wird. Foto: picture alliance / Everett Collection

Dass der Name Alfred Hitchcock in Losing Alice fällt, passt, ist doch der neue israelische Achtteiler von Sigal Avid (Drehbuch und Regie) in Serie gegossene Suspense. Subkutan brodelt es durchweg, die Kamera schleicht unheilvoll durch Hotelflure und Parkhäuser.

Gleich in der ersten Szene erschießt sich eine junge Frau in einem Hotelzimmer, es gibt unliebsame Begegnungen mit Ratten in dem gläsernen Luxusanwesen in der Nähe von Tel Aviv, in dem die Regisseurin Alice (Ayelet Zurer) und ihr schauspielernder Mann David (Gal Toren) mit den drei Töchtern wohnen, einmal werden die beiden bei einer nächtlichen Autopanne von einem fetten Wildschwein überrascht.

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Eine der großen Stärken von Sigal Avids Serie, zu sehen auf Apple TV+, ist, dass sie im produktiven Dazwischen bleibt: Losing Alice verpulvert die Spannung nicht für den plumpen Effekt, sondern verhandelt über acht Folgen hinweg das Verhältnis von Fiktion und Realität. Die Grenzen werden immer fließender. Was ist wahr? »Life imitates art far more than art imitates life«, wird Oscar Wilde zitiert. Einer jeden Folge ist ein Zitat vorangestellt.

unheil Mit dem Treffen von Alice und Sophie (Lihi Kornowski) im Zug nimmt das Unheil seinen Lauf. Die ehemalige Filmstudentin, Marke junge Uma Thurman mit einem guten Schuss Femme fatale, erkennt die Regisseurin und erzählt von einem Drehbuch, das sie bereits an David geschickt hat, ihren Favoriten für die Hauptrolle. Der Inhalt: »Es geht um eine junge Frau, die ein SM-Verhältnis mit dem Vater ihrer Freundin anfängt – alles spitzt sich zu, bis jemand stirbt.« Nachdem Alice das Buch gelesen hat, ist klar, dass sie, die ehemals gefeierte Regisseurin im Kreativloch, den Film machen muss.

»Sie wird dir alles nehmen«, krächzt eine verrückte Alte. Sophie grätscht in das Leben des Ehepaares, dringt immer weiter in dessen Privatsphäre ein, freundet sich mit den Töchtern an. »Sie wird dir alles nehmen«, krächzt eine verrückte Alte, ein Regisseur verschwindet, Selbstmord (wirklich?). Infolge der Ereignisse stellt Alice Nachforschungen zu Sophie an. Was ist ihr Geheimnis?

Einmal wird die Regisseurin deshalb mit jenem »schlechten Leser« aus Amos Oz’ selbst zwischen Biografie und Fiktion oszillierendem Roman Eine Geschichte von Liebe und Finsternis verglichen. Der schlechte Leser wolle, so heißt es bei Amos Oz, den Geheimnissen des Autors nachgehen anstatt jenen des Romans, »er will die Geschichte hinter der Geschichte wissen«. Sind auch wir schlechte Leser? Man versucht, die Ereignisse einzuordnen, muss aber immer wieder die eigenen Vorstellungen hinterfragen.

trio Losing Alice verdichtet Psychothriller und filmische Metareflexion zu einer Geschichte über (sexuelle) Obsessionen, Neid und Kreativität. Wie weit ist man zu gehen bereit für die Kunst, für den Film? Sie alle – und das verbindet sie über jegliche Konflikte hinweg – sind bereit, sehr weit zu gehen: Alice und ihr Hauptdarstellerduo Sophie und David.
Am deutlichsten wird das in jener schier unglaublichen Folge, in der es um die Entstehung einer Sexszene geht. Alle Ereignisse zwischen dem Trio manifestieren sich in dieser Szene, zugleich bleibt vieles im Vagen: der Film im Film als Projektions-fläche, die Kunst als Spiegel der Welt.

Getragen wird die Serie, der gewisse dramaturgische Straffungen in den ersten Folgen gutgetan hätten, von den zwischenmenschlichen Verquickungen der Figuren, allen voran zwischen Alice und Sophie. Ayelet Zurer, einem internationalen Publikum bekannt geworden durch ihre Rollen in Steven Spielbergs München oder der Dan-Brown-Verfilmung Illuminati, und Lihi Kornowski spielen die Frauen in ihrer obsessiven Beziehung mit erschlagender Präsenz: ein Duo Infernale in diesem psychologischen Ritt.

»Losing Alice« verdichtet Psychothriller und filmische Metareflexion.

Die Serie, die in Israel von Regisseurin Avid für den Sender Hot 3 realisiert wurde, ist ein weiterer Beleg dafür, dass israelische Serien in den letzten Jahren stark aufgeholt haben. Gerade Anfang des Jahres wurde bestätigt, dass das ebenfalls bei Apple laufende Teheran über eine Mossad-Agentin im Iran eine zweite Staffel bekommt. Und beim Streaming-Konkurrenten Netflix laufen mit Shtisel und Fauda zwei weitere, weltweit sehr erfolgreiche Serien.

Erstere porträtiert das Leben einer Familie in ihrem ultraorthodoxen Mikrokosmos im Jerusalemer Stadtteil Geula, letztere handelt von einer militärischen Undercover-Eliteeinheit im Westjordanland. Und Hatufim, fast schon ein Klassiker und eine der erfolgreichsten israelischen Fernsehserien überhaupt, diente als Vorlage für die preisgekrönte US-Produktion Homeland und fand mit Rodina auch einen russischen Ableger. In Deutschland ist die zwei Staffeln umfassende Serie um drei Soldaten, die aus der Kriegsgefangenschaft nach Israel zurückkehren, in der Arte-Mediathek zu sehen.

Egal ob im Genre-Gewand des Psychothrillers, der Spionagegeschichte oder als Sittenbild: Die israelischen Filmemacherinnen und Filmemacher finden einen frischen Zugang und treffen mit den hochwertig produzierten Serien einen Nerv. Losing Alice ist dafür vielleicht das eindrücklichste Beispiel der jüngsten Zeit. Die acht Folgen schauen sich schnell weg – aber vergessen wird man sie so schnell auf keinen Fall.

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