Vatikan

Unter die Haut

Unvergesslich: Jerusalem-Tattoo Foto: Flash 90

Vatikan

Unter die Haut

Eine Konferenz auf der Spur religiöser Tätowierungen

von Bettina Gabbe  20.12.2011 13:53 Uhr

Die Neugier auf christliche Pilgertraditionen ist dem israelischen Botschafter am Heiligen Stuhl buchstäblich unter die Haut gegangen. Als er in den 80er-Jahren an der israelischen Botschaft in Stockholm tätig war, stieß Mordechay Lewy erstmals in Tagebüchern schwedischer Pilger auf Berichte über Jerusalemer Pilger-Tattoos. Seither fasziniert das Thema den auf das Mittelalter spezialisierten Historiker so sehr, dass er jetzt an einer päpstlichen Universität in Rom eine Konferenz veranstaltete: »Unter die Haut: Identität, Symbole und Geschichte der permanenten Körpermarkierung«.

Forscher aus Israel, Europa, Nordamerika und Neuseeland tauschten sich an der Päpstlichen Urbaniana-Universität über Tattoos in unterschiedlichen Epochen und Kulturen aus, über verschiedene Techniken sowie soziale und religiöse Einstellungen gegenüber Körpermarkierungen.

Anfangs habe er sich wie ein »einsamer Detektiv auf der Suche nach Quellen« gefühlt, erzählt Lewy mit einer Mischung aus Ernst und Ironie. Christliche Tätowierungen seien auf der Grundlage asiatischer Traditionen entstanden, so der Mediävist im Amt des Botschafters. Auf die älteste Quelle für das »Brandmarken« christlicher Pilger aus dem Orient stieß er in einem Dokument von 1484. Kopten, Armenier und Äthiopier hätten sich vermutlich vor ihrer Rückkehr in die Heimat das Kreuz ins Handgelenk oder auf die Stirn geritzt. »Das war eine gängige Praxis im Orient, die die Christen übernahmen, ohne sie neu erfinden zu müssen«, erklärt Lewy.

Brennen, ritzen, stempeln Mythen und Legenden versperrten den Blick auf die Geschichte der Tätowierung, beklagt der Botschafter. So pflegten Kreuzfahrer keineswegs, sich das Kruzifix einzutätowieren. Einige seien in ihrem religiösen Eifer jedoch weiter als andere gegangen, die das Kreuz auf ihre Kleidung aufgestickt trugen, meint der Mittelalterspezialist William Purkus von der Universität Birmingham. Er stieß auf zeitgenössische Berichte von Kreuzfahrern, die das Symbol auch in ihre Haut eingebrannt, geritzt oder tätowiert trugen. Mancher von ihnen habe gar behauptet, das Kreuz wie die Stigmata auf wunderbare Weise erhalten zu haben. »Ob menschlichen oder göttlichen Ursprungs, scheinen diese Markierungen darauf zurückzugehen, dass die Kreuzfahrten den Gläubigen gegenüber als Nachahmung Christi dargestellt wurden.«

Bis in die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts ließen sich Pilger im italienischen Wallfahrtsort Loreto tätowieren, obwohl diese Praxis seit Ende des 19. Jahrhunderts verboten war, wie die Franziskanerin Luisa Busani bei der Konferenz darlegte. Jerusalem-Pilger ließen sich christliche Symbole nicht einritzen oder -brennen, sondern mit hölzernen Matrizen auf die Haut stempeln, erklärte Lewy anhand von Originalformen aus Jerusalem. Der Tattoo-Künstler ritzte daraufhin die Haut ein und legte ein Tuch mit Farbe auf die Wunde, sodass die Tinte einzog. Diese Techniken waren weit verbreitet, obwohl willentliche und erzwungene Körpermarkierungen in der jüdisch-christlichen Tradition als Verstoß gegen den göttlichen Schöpferwillen galten.

Glosse

Der Rest der Welt

Mit Fran Lebowitz und Larry David in der Ringbahn – ein Traum

von Katrin Richter  22.03.2026

Geburtstag

Für immer Captain Kirk: William Shatner wird 95

Mit der »Enterprise« brach er in den 60er Jahren in die »unendlichen Weiten« des Weltalls auf. »Star Trek« machte den jüdischen Schauspieler weltberühmt

von Holger Spierig  22.03.2026

Aufgegabelt

Tahini-Gugelhupf mit Kardamom und Orange

Rezept der Woche

von Katrin Richter  21.03.2026

Journalismus

Neuer Georg Stefan Troller Preis ehrt Beiträge über jüdisches Leben

Er hat einst das Interview-Format revolutioniert. Ein neuer Journalisten-Preis wird im Namen des im September 2025 gestorbenen Schoa-Überlebenden Georg Stefan Troller ausgeschrieben

 20.03.2026

Genuss

Koschere Frühlingsblumen

Warum der Sederabend für Weinliebhaber kein Albtraum mehr sein muss

von Jacques Abramowicz  20.03.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  20.03.2026

Literatur

Eine schrecklich nette Familie

Aus Schweden kommt ein jüdischer Berlin-Roman von Anna Brynhildsen

von Frank Keil  20.03.2026

Iryna Fingerova

»Man darf Kulturen nicht vergleichen«

Die Schriftstellerin und Ärztin über die Folgen einer Emigration, ihr Verhältnis zur Ukraine und das Leben als Jüdin in Deutschland – allesamt auch Themen ihres Romans »Zugwind«

von Maria Ossowski  20.03.2026

Jugendbuch

Zwei Jungen und die Liebe

Julya Rabinowich erzählt in »Mo & Moritz« eindringlich, aber auch plakativ von einer Beziehung zwischen einem Juden und einem Muslim

von Katrin Diehl  20.03.2026