EILMELDUNG! Friedensgespräche zwischen USA und Mullahs scheitern

TV-Tipp

»Unser jüdischer James Bond«

Peter Sichel in Aufnahmen aus »Der Jahrhundert-Spion« Foto: ARTE

Er floh vor den Nazis, spionierte für die CIA und handelte schließlich erfolgreich mit Wein. Nun beleuchtet eine neue Arte-Dokumentation das Schicksal eines Mannes, in dessen Lebensgeschichte sich maßgebliche Umbrüche des zwanzigsten Jahrhunderts bündeln. Zu Beginn fragt Katharina Otto-Bernstein, namhafte Filmemacherin und Miterbin des »Otto Versands«, wie es ihm gehe: »Ich bin noch da«, erklärt Peter Sichel knapp. Das ist nicht so selbstverständlich, denn zur Drehzeit im vergangenen Jahr war der 1922 als Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie in Mainz geborene Sichel schon über 100 Jahre alt.

Dieses unfassbar lange Leben verdanke er, wie er ausdrücklich betont, seiner klugen und glücklichen Mutter. Nach der Lektüre von Hitlers »Mein Kampf« wusste sie genau, was die Nazis im Schilde führten. Als 1935 dann die Nürnberger Rassengesetze verabschiedet wurden, die Juden jegliche Bürgerrechte absprachen, floh die Familie auf Drängen der Mutter über Frankreich nach New York - wo sie allerdings erneut inmitten »einer Ansammlung von Nazis« wohnen musste. Einen Wendepunkt markierte der japanische Angriff auf Pearl Harbour, der Ende 1941 zum Kriegseintritt der USA führte. Für Peter Sichel war dies »ein Freudentag«. Er meldete sich freiwillig zur Armee, um gegen die Nazis zu kämpfen. Dank seiner Kenntnisse über die Lage in Frankreich, wo er mit seiner Familie monatelang in einem Lager interniert gewesen war, rekrutierte ihn der US-Nachrichtendienst, das seinerzeit im Aufbau befindliche Office of Strategic Services (OSS).

Wie John le Carré oder Ian Fleming

Mit druckreifen Sätzen erzählt Sichel unter anderem von jenen unerträglichen Bildern, die er im April 1945 bei der Befreiung des KZ Dachau miterlebte: »Es war mehr als man aufnehmen konnte«. Der gerade mal 23-Jährige baute daraufhin die geheimdienstliche Tätigkeit der OSS-Nachfolgeorganisation CIA in Berlin (West) auf. Allein jene detailreichen Anekdoten aus dieser Zeit klingen wie aus der Feder von John le Carré oder Ian Fleming. Doch die wichtigste Mission stand Sichel noch bevor. Denn im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen ahnte der scharfsinnige politische Beobachter sehr genau, was es weltpolitisch bedeutete, als in der sowjetischen Zone SPD und KPD zu einer Einheitspartei vereinigt wurden: »Mir wurde erstmals bewusst, dass eine Zusammenarbeit mit den Russen unmöglich war.«

Der Film zeichnet nach, wie der Berliner US-Militärgouverneur Lucius D. Clay Warnungen vor der aggressiven Politik des Ostblocks schroff zurück wies. Erst Sichels Bericht nach Washington über jene feindlichen Bestrebungen der Sowjetunion - die 1948/49 in der Berliner Blockade gipfelten - öffnete der US-Regierung die Augen vor der Unausweichlichkeit der Konfrontation der Blöcke.

In beide Richtungen austeilen

Sichel ist jener Bote, der den Ausbruch des Kalten Kriegs beschleunigte. Er selbst, so verdeutlicht die Dokumentation eindrücklich, ist aber alles andere als ein Kommunisten hassender kalter Krieger, im Gegenteil. In der Folge kritisiert Sichel nämlich insbesondere die meist stümperhaften Versuche der CIA, die Ausdehnung der sowjetischen Einflusssphäre in der Ukraine, in Albanien und anderen Ländern einzudämmen. Aufgrund peinlicher nachrichtendienstlicher Fehleinschätzungen mussten dabei Hunderte US-Agenten ihr Leben lassen.

Gebannt hört man diesem intelligenten, aber niemals überheblichen Mann zu. Als scharfsinniger Beobachter, der die Grauzonen und moralischen Komplexitäten der Spionage transparent macht, liefert er zahlreiche Fußnoten zur Historie des 20. Jahrhunderts. Sichel kritisiert zum Beispiel den 1953 vom CIA eingefädelten Sturz des demokratisch gewählten iranischen Staatschefs Mohammad Mosaddegh. Denn das nachfolgende Shah-Regime, das von den USA installiert wurde, bereitete den Boden für jene nachhaltige Destabilisierung, die noch heute die Weltpolitik in Atem hält: »Indirekt«, so Sichel, »haben wir die Macht der Mullahs ermöglicht«.

In seiner New Yorker Community wurde er liebevoll »unser jüdischer James Bond« genannt.

Gewiss, nicht alle Details sind neu in diesem Film. So hat beispielsweise die US-Regierung 2013 ihre Beteiligung am Sturz Mosaddeghs offiziell eingeräumt. Auch die dritte Episode seines reichhaltigen Lebenslaufs, in der der im Februar verstorbene Sichel nach dem Ausscheiden aus dem Geheimdienst in den 1960er Jahren einen transatlantischen Weinhandel von beachtlicher Größe aufbaute, wird leider nur gestreift. Doch mit einer Fülle von Archivmaterial und historischen Filmdokumenten schlägt dieses Porträt einen weiten Bogen vom Aufkommen der Nazi-Ära bis in die Gegenwart hinein.

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Mit seiner unnachahmlichen Mischung aus Charme und Scharfsinn vermittelte der über Hundertjährige - der in seiner New Yorker Community liebevoll »unser jüdischer James Bond« genannt wurde - erhellende Innenansichten aus der hermetisch abgeriegelten Welt des Geheimdienstes: »Nach 15 Jahren«, so Sichel, »kann man dort nicht mehr klar denken«, sondern lebe »in einer Welt voller Spiegel«.

Am Ende dieses Films, dessen Reichhaltigkeit zum gleich mehrfach gucken anregt, setzt sich dieser, ein Lied von Marlene Dietrich trällernd, auf den Treppenlift und fährt langsam aufwärts.

»Der Jahrhundert-Spion«, Dienstag, 18. November, 21.50 - 23.25 Uhr, Arte (TV-Erstausstrahlung)

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