Interview

»Übergriffig, aber derzeit Mode«

Der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn Foto: imago

Interview

»Übergriffig, aber derzeit Mode«

Michael Wolffsohn über den Offenen Brief von 60 »Israelkitikern«, Felix Kleins Arbeit als Antisemitismusbeauftragter und die Freiheit des Andersdenkenden

von Philipp Peyman Engel  30.07.2020 12:38 Uhr

Herr Wolffsohn, mehr als 60 Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler aus Deutschland und Israel warnen in einem Offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einer angeblichen Gefährdung der Meinungsfreiheit, die auf die »Unterdrückung legitimer Kritik an der israelischen Regierungspolitik zielt«. Wie schätzen Sie diesen Brief ein?
Getroffene Hunde bellen oder, ins Hebräische sinngemäß übertragen, al rosch haganav boer hakowa. Das sind zumeist die Leute, die sich beklagen, »Deutschland tut nicht genug gegen Antisemitismus«. Nun gibt es den Beauftragten gegen Antisemitismus. Anders als die Schönredner vom Dienst lässt er nicht nur nette Worte niederregnen, er lässt den Worten Taten folgen. Dass Meinungsfreiheit und »Israelkritik« in Deutschland unterdrückt würden, ist ein Hirngespinst. Es ist die übliche Masche: Die Kritiker teilen aus, können aber nicht einstecken – und stilisieren sich zu Märtyrern.

Die Verfasser des Offenen Briefs attackieren auch den Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein. Wie bewerten Sie die Vorwürfe, er unterstütze rechtspopulistische israelische Stimmen, lenke »die Aufmerksamkeit von realen antisemitischen Gesinnungen und Ausschreitungen ab, die jüdisches Leben in Deutschland tatsächlich gefährden«?
Manche jener Unterzeichner haben auch den krassen Antisemitismus von Achille Mbembe verteidigt. Felix Klein benennt nicht nur rechte und muslimische Antisemiten, sondern auch linke und sogenannte linksliberale. Die Unterzeichner scheinen auf dem linken und dem biologisch nicht vorhandenen dritten, linksliberalen Auge blind zu sein. Egal, wie man zu israelischen Rechtspopulisten steht, als oft praktizierende und hochmotivierte Juden sind sie gewiss keine Antisemiten. Es sei denn, man führt Absurdes Theater auf. Die so gebildeten Unterzeichner setzen Äpfel mit Birnen gleich.

Sie waren, als die Bundesregierung vor zwei Jahren einen Antisemitismusbeauftragten berief, sehr skeptisch. Wie sehen Sie das heute?
Felix Klein leistet großartige Arbeit. Hut ab! Er erfüllt seinen Auftrag, gegen Antisemitismus vorzugehen und nicht nur Phrasen zu dreschen. Wer sich darüber beklagt, müsste konsequenterweise diese neue Mini-Behörde abschaffen. 

Zu den Briefeschreibern gehören mehrheitlich Autoren, die dem linken politischen Spektrum zuzuordnen sind. Ein Zufall?
Nicht die politisch-ideologische Geografie zählt, sondern der Inhalt. Ob sie es wollen oder nicht, objektiv werfen die Unterzeichner den wirklichen Kämpfern gegen Judenhass Knüppel zwischen die Beine. 

Hat die Linke ein Problem damit, anderslautende Meinungen zuzulassen?
Das ist eine Unart, die eher allgemein ist, allerdings heute bei aufgeklärten Konservativen und Liberalen deutlich seltener  anzutreffen ist. Das liegt auch daran, dass neue Linke nicht einmal Rosa Luxemburgs Diktum über Freiheit kennen. Dass also Freiheit vor allem die Freiheit des Andersdenkenden sei.

Die Verfasser des Briefes warnen zudem vor einem angeblichen inflationären und sachlich unbegründeten Gebrauch des Antisemitismusbegriffs. Deckt sich das mit Ihrer Wahrnehmung? Mit Blick auf das Ausmaß des Antisemitismus in der Linken, aus der Mitte, von Rechts, von Muslimen sowie israelbezogenen Judenhasses sehen doch mehrheitlich alle Antisemitismusbeauftragten nicht im Geringsten eine Übertreibung, eher im Gegenteil ...
Das stimmt: Die Verfasser des Briefes verbarrikadieren sich hinter diesem Wortwall, um davon abzulenken, dass sie, ob subjektiv gewollt oder nicht, linken und linksliberalen Judenhassern und Antizionisten ein Alibi bieten. Kern ihrer Haltung ist Hass auf nationale und religiöse Personen und Parteien in Israel, auf Konservativ-Liberale weltweit, die sie gerne mit Trump gleichsetzen oder vergleichen, sowie nicht zuletzt auf das diasporajüdische Establishment, das Israel verteidigt – auch wenn der israelische Premier Netanjahu heißt. Jene Verfasser setzen unausgesprochen Israel mit Premier Netanjahu gleich. Das ist Dämonologie, keine Empirie.

Heute ist Tischa beAw. An diesem Tag gedenken wir der Zerstörung der Jerusalemer Tempel, die »Sinat Chinam«, unbegründeten Hass, verursacht. Wie aktuell ist dieser Gedanke in Bezug auf die heftige und teils sehr persönlich geführte Auseinandersetzung?
Damals war der antijudenstaatliche Judenhass eine innerjüdische Angelegenheit. Heute mischen Linke und Linksliberale fröhlich mit und geben Juden gute Tipps, wie sie gute Juden zu sein haben und wie Israel sich zu verteidigen hat. Das ist zwar übergriffig, aber derzeit Mode.

Mit dem Historiker und Buchautor sprach Philipp Peyman Engel.

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