Julius H. Schoeps

Über den Horizont hinaus

Julius H. Schoeps Foto: picture alliance/dpa

Zu seinen Vorfahren zählen so illustre Persönlichkeiten wie Moses Mendelssohn und David Friedländer. Am 1. Juni 1942 wird Julius H. Schoeps in der Nähe von Stockholm in Djursholm als Sohn des Religionswissenschaftlers und Historikers Hans-Joachim Schoeps und seiner ebenfalls aus Deutschland nach Schweden geflüchteten Ehefrau Dorothea Busch geboren. 1948 folgte er seinem Vater, der zwei Jahre zuvor aus der Emigration zurückgekehrt war, nach Deutschland.

Julius Schoeps studierte unter anderem Geschichte und Politikwissenschaften, promovierte schon 1969 und wurde im Alter von 31 Jahren habilitiert. Seit 1974 war Schoeps fast 50 Jahre an Universitäten tätig – bis 1991 in Duisburg, dann an dem von ihm gegründeten und geprägten Moses Mendelssohn Zentrum für Europäisch-Jüdische Studien in Potsdam.

HOCHSCHULLEHRER Julius Schoeps schreibt nicht nur schnell und lesbar, sondern trägt auch immer gut vorbereitet und rhetorisch ausgefeilt vor. Er ist zudem ein befruchtender, fordernder, aber auch fördernder Hochschullehrer. In Duisburg hatte er 1986 das Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte (mit-)gegründet.

Ich erinnere mich, wie in Vorbereitung auf die Ausstellung Jüdische Lebenswelten, die wir gemeinsam mit Rabbiner van Voolen seit 1988 entwickelten, Edward van Voolen voll Bewunderung ob der vielen parallel in Duisburg laufenden Forschungsvorhaben anerkennend von einer »Geschichtsfabrik« sprach. Aber gleichzeitig kamen wir nicht hinterher, die Publikationen zu lesen, die er selbst verfasste.

Bücher und Studien über Antisemitismus und die deutsch-jüdische Welt sind sein Schwerpunkt.

Gerne erinnere ich mich, wie wir bei einer Recherchereise für Objekte der Ausstellung Lebenswelten kurz nach der Wende in Tel Aviv in einem Strandcafé saßen und Julius fast prophetisch die Chance sah, in der neu zu gründenden Universität Potsdam den Blick von der deutsch-jüdischen Geschichte auf die europäische Dimension zu werfen: Sein Blick ist immer über den Horizont gerichtet, allen anderen meist ein, zwei Schritte voraus.

So blieb das auch in Potsdam, so ist es auch jetzt, wo er nach seiner Übergabe an Miriam Rürup in Potsdam die Moses Mendelssohn Stiftung in Berlin und Halberstadt mit seiner kreativen Kraft gestaltet. Dass Schoeps neben alledem auch Gastprofessuren in Budapest, Tel Aviv, New York, Oxford und Seattle wahrnahm und in entscheidender Zeit das Jüdische Museum in Wien gestaltete, wird hier voll Bewunderung angemerkt.

ERBE Eine ganz andere Facette seines Wirkens ist die Pflege seines väterlichen Erbes: Hans-Joachim Schoeps hatte als Religionswissenschaftler in Erlangen die Gesellschaft für Geistesgeschichte (GGG) gegründet, die Julius genauso weiterführte wie als geschäftsführender Herausgeber die »Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte« (ZRGG). In dem viel beachteten Buch Düstere Vorahnungen. Deutschlands Juden am Vorabend der Katastrophe (1933–1935) hat er unlängst das Denken seines Vaters zu Beginn des »Dritten Reiches« dokumentiert.

Bücher und Studien über Antisemitismus und die deutsch-jüdische Welt seit der Aufklärung blieben über alle Stationen seines Wirkens hinweg sein besonderes Charisma.

Jede Unterhaltung mit Julius Schoeps führt zu Denkanstößen und Anregungen.

Aber Julius Schoeps ist auch Herausgeber unzähliger Sammelbände und Autor vieler Aufsätze. Neben seiner Forschertätigkeit ist er immer auch Kulturmanager im besten Sinn des Wortes: Jede Unterhaltung mit Julius Schoeps führt zu Denkanstößen und Anregungen, die nicht folgenlos bleiben, denn durch Nachfragen und hilfreiche Weichenstellungen führt er seine Gesprächspartner dazu, die Anregungen zu Büchern, Texten, Ausstellungen umzusetzen.

Letztens sind wir uns wieder einmal begegnet. Ja, etwas mehr graue Haare, aber wie vor 40 Jahren: ein bübisches Lächeln, ein anregendes Wort und eine beflügelnde Zuversicht. Das möge für die nächsten 40 Jahre so bleiben – also bis 120!

Der Autor war langjähriger Leiter der Stiftung Topographie des Terrors und ist jetzt Rabbiner in Berlin.

Interview

»Es fehlte am fußballerischen Können, nicht am Glück«

Sportreporter-Legende Marcel Reif über das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft, Jürgen Klopp und die Zukunft von Julian Nagelsmann als Bundestrainer

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026

Burkhard C. Kosminski

»Ich würde das Stück gerne im Osten spielen«

Der Intendant am Schauspiel Stuttgart über »Die Ermittlung« von Peter Weiss, die Existenzberechtigung Israels in der Kunst und seine Auszeichnung mit der Otto-Hirsch-Medaille

von Nicole Golombek  30.06.2026

Interview

»Der Oscar öffnete mir neue Türen«

Daniel Roher über seinen ersten Spielfilm »The Piano Tuner« und den Dreh mit Dustin Hoffman und Lior Raz

von Patrick Heidmann  30.06.2026

Meinung

Georg Restle, die Jüdische Allgemeine und der berüchtigte Scheck aus Jerusalem

Früher hätte man Journalisten wie Restle, die Juden unterstellen, sie seien nur Sprachrohr einer Regierung in Israel, die Eignung als Politik-Redakteure beim Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk abgesprochen. Zu Recht

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026

Interview

»Schriftsteller sind quasi die Putzfrauen des Literaturbetriebs«

Slata Roschal über den Bachmannpreis, prekäre Lebenssituationen von Autoren und das Schreiben nach dem 7. Oktober 2023

von Katrin Richter  30.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Festival

Trotz Rekordhitze: Tausende Gäste bei Jüdischer Woche in Leipzig

Trotz der sommerlichen Hitze und damit verbundener Programmänderungen seien die Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet auf großen Zuspruch gestoßen

 29.06.2026

Zahl der Woche

16 Stunden 25 Minuten

Fun Facts und Wissenswertes

 28.06.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Warum sich jüdische Mädchen mehr für Fußball begeistern sollten

von Nicole Dreyfus  27.06.2026