USA

Trump, die Juden und Nahost

Ab nächster Woche mächtigster Mann der Welt: Donald Trump mit seinem Schwiegersohn und Chefberater Jared Kushner sowie Tochter Ivanka und Frau Melania (r.) Foto: dpa

Im Jahr 2008 wurde der Messias von den Massen gefeiert. Sein Name: Barack Obama. Nun wird gefeuert: auf seinen Nachfolger Donald Trump. »Trump wie Teufel«. So klingt es zumindest in Westeuropa fast unisono. Das eine war so bauchgedacht und wenig reflektiert wie das andere.

Noch absurder: Die damaligen Obama-Huldigungen, einschließlich Friedensnobelpreis, wurden ebenso als Vorschuss erbracht wie die heutigen Trump-Verdammnisse. Um zu erkennen, wie inakzeptabel jedwede Vorabverurteilung oder Vorabbeurteilung ist, stelle man sich Richter vor, die ihr rechtskräftiges Urteil vor dem Rechtsverfahren fällen.

messias? Heute wissen wir: Der wirklich hochintelligente und hochsympathische Hoffnungsträger Barack Obama war alles andere als ein Messias. Seine Bilanz, wenn überhaupt positiv, ist insbesondere außenpolitisch äußerst mager. Dieses empirische Negativurteil gilt – egal, wer sich wo, für oder gegen wen in Nahost positioniert – vor allem bezüglich seiner Politik gegenüber Israel.

Afro-amerikanische, katholische und jüdische Wähler gehören seit 1932/36 zur »Roosevelt-Koalition«, also zur Stammwählerschaft der Demokratischen Partei. In Zahlen: Etwa 80 Prozent der jüdischen US-Wähler stimmten für demokratische Kandidaten. Deutlich weniger Juden stimmten zuletzt allerdings für McGovern (65 Prozent), Carter (71 Prozent) und 1980 gegen Reagan (nur 45 Prozent). 2008 bekam Obama 78 Prozent, doch 2016 nur 69 Prozent. Trump wählten 25 Prozent.

Das bedeutet: Trump ist kein Präsident von »jüdischen Gnaden«, wenngleich einige (aber nicht die meisten) jüdische Geld-Granden wie Casino-König Sheldon Adelson die Kampagnenkasse des Republikaners kräftig füllten.

Ja, unter Trump-Wählern und -Vertrauten findet man Antisemiten. Dass es solche unter den US-Demokraten nicht gäbe, ist ein schönes Märchen. Trump selbst Antisemitismus vorzuwerfen, hieße, die Fakten zu verdrehen. Stolz und oft erwähnt er, dass seine Tochter ihres Mannes wegen zum Judentum konvertiert ist. Seinen offenbar alles andere als dummen oder erfolglosen jüdischen Schwiegersohn Jared Kushner holt er jetzt ins Zentrum der Macht. Einige andere Spitzenpositionen wurden ebenfalls mit Juden besetzt. Zum Beispiel der neue US-Botschafter in Israel. Der steht Netanjahu politisch so nah, dass es von der israelischen Opposition und der liberalen US-jüdischen Gemeinschaft Proteste hagelte.

friedensprozess Wird Trump, wie angekündigt, die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen? Vielleicht ja, vielleicht nein. Man wird sehen. Sollte es geschehen, wird weltweit lautes Entsetzen einsetzen. Es wird binnen Kurzem aber auch wieder abebben und »business as usual« folgen. Ohne negative oder positive Folgen für den sogenannten Friedensprozess. Der hängt nämlich nicht von der Botschaftsgeografie ab, sondern von der politischen Strategie der nationalen, regionalen und globalen Akteure.

Strategisches Ziel der US-, EU-, UN- und deutschen Nahostpolitik ist seit rund drei Jahrzehnten die Zweistaatenlösung. Hier Israel, dort Palästina. Dass diese Strategie zu einer wirklichen Lösung führt, wird stets behauptet und nie bewiesen. Es werden nicht einmal die elementaren Fragen gestellt. Auch nicht in Deutschland. Werden sie gedacht? Dazu gehörte: Soll das Westjordanland in diesem Falle siedlerfrei respektive »judenfrei« sein?

Scheinfein drückt man sich vor diesem geschichtsmoralisch und geschichtssprachlich hochheiklen Thema. Es zu erörtern, führt zwangsläufig zur nächsten Frage: Was geschähe mit den arabisch-palästinensischen Israelis, wenn alle jüdischen Siedler »Palästina« verlassen müssten? Dann dies: Kann es angesichts der Todfeindschaft von Fatah (heute tonangebend im Westjordanland) und Hamas (seit 2007 terrortonangebend im Gazastreifen) überhaupt ein Palästina geben? Werden es zwei Palästinas? Oder wird die Hamas auch im Westjordanland die Macht übernehmen? Durch Wahlen oder mit Waffen?

Und wie wollen, können oder würden die wenig interventionswilligen Obama-Amerikaner, Europäer, Deutsche, gar die UN, Israel vor Raketen oder Tunnel-Terror sowohl aus dem Gazastreifen als auch aus dem Westjordanland sowie der libanesischen Hisbollah schützen oder gar das Land verteidigen? Sie würden, wie in Syrien, weinen, viel reden, wegschauen und nichts Ernsthaftes unternehmen.

Neubeginn Ergo: Dass Trump die vermeintlichen Friedensweisheiten, die eben keinen Frieden brachten, infrage stellt, rechtfertigt wahrlich keine Angst vor dem Untergang des Morgenlandes. Im Gegenteil, ein neuer Ansatz könnte im besten Fall den Karren aus der Sackgasse führen.

Nahost vor Trump: Die Region brennt, Blut fließt in Strömen, Obamas Regierung agierte und reagierte von 2009 mal mit Zick und mal mit Zack, auf jeden Fall bis heute rat- und machtlos. Die traditionellen Verbündeten Israel, Ägypten, Saudi-Arabien und die Golfstaaten wurden – zu Recht oder nicht – verprellt, ohne neue zu gewinnen.

Obama vollzog durch das Atomabkommen die faktische Aussöhnung mit dem Iran. Teheran profitiert hiervon nicht nur wirtschaftlich. Es umzingelt inzwischen militärisch und politisch, direkt oder indirekt, folgende Staaten: Israel, die Saudis, die Golfstaaten und Ägypten. Irans Partner sind dabei die libanesisch-schiitische Hisbollah, Assads Syrien, der schiitisch dominierte Irak und die jemenitischen Schiiten. Aktiv unterstützt der Iran zudem schiitische Umstürzler in Bahrain sowie im östlichen Saudi-Arabien. Und als Vermittler haben sich die USA unter Obama sowohl bezüglich des Syrien- als auch Israel-Palästina-Konflikts selbst an den Rand gedrängt.

Man muss kein Trump-Fan sein, um festzustellen: Horror-Vorhersagen gehören zum menschheitsgeschichtlich üblichen und längst bekannten Getöse. Sie stammen von schlechten Verlierern und besonders von den jeweils entmachteten Gegeneliten und ihren Anhängern. Unter »Eliten« sind Positions- und Meinungseliten zu verstehen. Gleiches gilt für unkritisch übernommene Horror-Überlieferungen. Sie stammen von den zuvor entmachteten und dann an die Macht zurückgekehrten Positionseliten.

Und Trump? Wait and see!

Der Autor ist Historiker. Zuletzt erschien von ihm »Zivilcourage: Wie der Staat seine Bürger im Stich lässt«.

Antisemitismus

London verweigert US-Skandalrapper Kanye West die Einreise

US-Skandalrapper Kanye West darf nach seinen antisemitischen und rassistischen Aussagen nicht nach Großbritannien reisen. Das hat auch gravierende Auswirkungen auf das mit ihm geplante Festival

 07.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

5 Gründe den jüdischen Staat zu lieben - mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  07.04.2026

Weltglücksbericht

Israelis und die Freude am Leben

Trotz Kriegen und Terror landet der jüdische Staat weit vorn auf Platz 8. Die Forscherin Anat Fanti erklärt, warum

von Sabine Brandes  06.04.2026

Jazz

Omer Klein: »The Poetics«

Der israelische Pianist hat ein neues Album veröffentlicht. Es ist ein analoges Klangerlebnis, das innere und äußere Räume weit öffnet

von Ayala Goldmann  06.04.2026

Iryna Fingerova

»Man darf Kulturen nicht vergleichen«

Die Schriftstellerin und Ärztin über die Folgen einer Emigration, ihr Verhältnis zur Ukraine und das Leben als Jüdin in Deutschland – allesamt auch Themen ihres Romans »Zugwind«

von Maria Ossowski  05.04.2026

Dana von Suffrin

Wutgeburt

»Toxibaby« erzählt von einer toxischen deutsch-jüdischen Beziehung

von Katrin Diehl  04.04.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richer, Imanuel Marcus  04.04.2026

Michael Brenner

»Für die Nazis durfte es ›arische Juden‹ eigentlich nicht geben«

Der Historiker erforscht das Schicksal von Konvertiten in der NS-Zeit. Ein Gespräch über Menschen, die in keine Schublade passten

von Ayala Goldmann  04.04.2026

Zahl der Woche

14

Funfacts & Wissenswertes

 01.04.2026