Nachruf

Tod des Schicksallosen

Imre Kertész während einer Lesung aus »Dossier K.« zum Auftakt der Basler Buchmesse 2007 Foto: dpa

Neun Jahre alt war Imre Kertész, als sein Vater eines Abends, fast rennend, zu ihm sagte, sie könnten heute nicht den üblichen Weg nach Hause nehmen, sondern müssten einen Umweg durch dunkle Nebenstraßen gehen. Vom Ring in Budapest dröhnte ein unverständliches Gebrüll herüber. »Mein Vater erklärte, dass im nahe gelegenen Kino der deutsche Film Jud Süß gespielt werde und dass die aus dem Kino strömende Menge dann Juden unter den Passanten suche und Pogrome veranstalte.« Das Wort »Pogrom« hatte der Junge noch nie gehört. Was es bedeutete aber verrieten ihm die zitternden Hände des Vaters.

Es dauerte nicht lange, bis Kertész die Gewalt der Nationalsozialisten am eigenen Leib erfahren musste. Mit 14 wurde er seiner jüdischen Abstammung wegen nach Auschwitz deportiert, wo auch seine Großeltern ihre Leben lassen mussten.

Aus dem Viehwaggon konnten sie noch eine Postkarte werfen, adressiert an Imres Mutter. »Man hat uns in den Zug gesteckt, wir werden irgendwohin gebracht, wissen nicht wohin.« Ein Finder frankierte die Karte und warf sie ein. Von Auschwitz wurde Imre Kertész nach Buchenwald und ins Außenlager Wille überstellt. Er überlebte nur, weil Mithäftlinge seinen Namen mit der Nummer 64921 im Häftlingsregister als Abgang vermerkten – gestorben am 18. Februar 1945 –, damit er nicht wie alle anderen jüdischen Häftlinge vor der Befreiung noch »liquidiert« würde.

Schande »Ganz gleich, woran ich denke, immer denke ich an Auschwitz.« So steht es in seinem Galeerentagebuch von 1992. Das Konzentrationslager überlebt zu haben, empfand Kertész als Bürde. Allein die Toten seien »unbeschmutzt von der Schande des Holocaust«, sagte er. »Dagegen ist es eine bittere Sache, den Stempel des Überlebens zu tragen, für das es keine Erklärung gibt.«

Aus dem Kindheitstrauma zog er nach dem Krieg die Kraft zum Leben. Schreiben wurde ihm zu einer Form der Rechtfertigung. Er schlüpfte aus seiner Haut und zog sich eine andere über. In Dossier K. brachte er es 2006 auf den Punkt: »Was den meisten als unüberwindbare Qual erscheint, zeigt sich mir plötzlich als Rohstoff für einen Roman, und während dieser Form annimmt, befreie ich mich davon.«

Wie vielen, die den Nationalsozialismus überlebt hatten, ging es auch ihm: »Mich hat der Holocaust zum Juden gemacht.« Die Frage, ob er an Gott glaube, konnte er nicht so ohne Weiteres beantworten. Aber in ihm sei ein tief religiöses Gefühl: »Schließlich müssen wir ja irgendjemand Dank sagen für unser Leben, auch dann, wenn zufälligerweise niemand da ist, der diesen Dank von uns entgegennehmen könnte.«

1929 geboren – ausgerechnet am 9. November, was geradezu an Ironie grenzt –, holte Kertész nach dem Krieg das Abitur nach. Aus einem »Bedürfnis nach Zugehörigkeit« heraus trat er kurze Zeit der kommunistischen Partei bei. Ein Irrtum, wie auch die Jahre als Journalist, wie er einmal sagte. Seinen Lebensunterhalt verdiente er durch das Schreiben von Musicals und als Übersetzer, seine erste Frau Albina kellnerte. Im Verborgenen arbeitete er 13 Jahre an seinem Opus magnum, dem Roman eines Schicksallosen, der nach Differenzen mit den politischen Instanzen erst 1975 in Ungarn erscheinen konnte.

Atonale Sprache Auch in den folgenden Büchern Fiasko (1988), Kaddisch für ein nicht geborenes Kind (1990), Liquidation (1993) verarbeitet Kertész die Erfahrungen im KZ. Mit seiner »atonalen Sprache« wollte er das Unmögliche wagen, Auschwitz zu einer »universalen menschlichen Erfahrung« machen. Er selbst sprach nie von autobiografischen Romanen. So eine Gattung existiere nicht: »Entweder ist es Autobiografie oder ein Roman.« Auch gegen den Begriff »Holocaust-Literatur« verwehrte er sich. »Ich benutze das Wort, weil es unvermeidbar geworden ist, aber ich halte es für einen Euphemismus, eine feige und fantasielose Art, sich die Sache leichter zu machen.«

In seiner ungarischen Heimat führte der Schriftsteller während der Kádár-Ära (1957–1989) ein Leben am Rand. Nur Intellektuelle kannten seine Romane. Das änderte sich nach dem Ende des Kalten Krieges, als er 1991 die Erzählung Protokoll veröffentlichte, in der er die Frage stellte, ob die Überlebenden einer Diktatur noch die Kraft besitzen, ihre neu gewonnene Freiheit anzunehmen. Er selbst hatte sie damals schon nicht mehr.

Berlin Seine zweite Ehefrau Magda überredete ihn, nach Berlin zu ziehen. Von 2001 bis 2012 lebte er in der Meinekestraße in Charlottenburg. Ausgerechnet nach Deutschland hatte es den Auschwitz-Überlebenden verschlagen. Das passte zu diesem stets freundlichen Mann, der mit glänzenden Augen voller Lebensmut von seinen grausamen Erlebnissen während des Dritten Reiches erzählen konnte. Ein Zeichen der Versöhnung war für viele auch die Entscheidung, als der Romancier 2003 seinen Nachlass der Berliner Akademie der Künste für ein Imre-Kertész-Archiv überließ.

Leider blieb ihm nicht mehr viel Zeit, die heiß geliebten Konzerte in der Philharmonie zu genießen. Kaum in Berlin, kam die Diagnose: Parkinson. Den Literaturnobelpreis erhielt er 2002 gerade noch rechtzeitig. Als erster Autor aus Ungarn.

Eine »Glückskatastrophe« nannte er selbst die Auszeichnung. Als er seinem Freund, dem Komponisten György Ligeti, kokett davon erzählte, war der verstimmt, berichtete Kertész in seinen Tagebüchern, die unter dem Titel Letzte Einkehr 2013 erschienen sind: »Aber Auschwitz und der Nobelpreis sind nun mal ziemlich schwer in Relation zu bringen«, rechtfertigte er sich. »Schließlich war es nicht so abgemacht, dass ich sechs Jahrzehnte später einen Literaturnobelpreis erhalte. Eine Absurdität, die allein mit Ironie zu überbrücken ist.«

Vereinnahmung Kertész galt vielen jetzt als Instanz. Immer mehr wurde er vereinnahmt. Egal ob Festrede zur Feier der deutschen Wiedervereinigung (2003) oder Rede zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag (2007). Er selbst fühlte sich als »Holocaust-Clown«. Wenn er zu einer Lesung nach Buchenwald eingeladen werde, habe er keinerlei Beziehung mehr zu dem Ort. »Ich ersticke an der falschen Ehrfurcht, der Liebe, dem Hass und der mir zugedachten öffentlichen Rolle.«

Er erhielt den Orden Pour Le Mérite und das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern. »Man lädt dich zu Jahrestagen ein, nimmt dein zögerndes Gesicht, deine stockende Stimme auf Filmbändern auf, du merkst gar nicht, dass du zum kitschigen Nebendarsteller in der falschen Erzählung geworden bist und deine Geschichte, die du langsam selbst am Wenigsten verstehst, verramschst.« Immerzu begleitete ihn ein »Gefühl der Hochstapelei«. Er fühlte sich als »Imitator der eigenen Rolle«.

Dazu kam das Alter, die Krankheit. »Mit meinem schöpferischen Leben ist es, fürchte ich, aus und vorbei«, schrieb er in Letzte Einkehr. Weil es ihm nicht mehr möglich sei, einen Roman zu schreiben, kratze er die »Reste« seines »geistigen Lebens« zusammen. Das aus dem Mund des Mannes zu hören, für den Schreiben immer identisch mit Leben war – »einzige Zuflucht« –, war schon verstörend. 2012 kehrte Kertész seiner Krankheit wegen nach Budapest zurück, wo er am 31. März mit 86 Jahren gestorben ist.

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