Graphic Novel

Therese Giehse in fünf Akten

Am Ende ihres neuen Comics genügen Barbara Yelin sieben Panels, um die große Kunst der Therese Giehse auch für all jene begreifbar zu machen, die sie nie auf der Bühne oder im Fernsehen erlebt haben. Wir sehen auf wunderbar hell gezeichneten Einzelbildern, wie die Schauspielerin ein Gulasch isst – von einem leeren Teller.

Natürlich hat Yelin gewissenhaft vermerkt, um welche Rolle und Inszenierung es sich handelt. Doch das ist in diesem Moment unwichtig. Denn hier verrät gerade eine der bedeutendsten deutschen Schauspielerinnen des 20. Jahrhunderts das Geheimnis ihrer Bühnenpräsenz: »Erst muss man mit sauberen Füßen auf der Erde stehen. Auf der Seite der Gerechtigkeit. Mit unverschmiertem Gefühl und unegoistischem Sinn für das Reale. Von da aus soll man starten.« Daher also: Vorhang auf für die Giehse.

Eine für Comics abseits des Mainstreams wuchtige Auflage von 11.000 Exemplaren

Als Therese Gift kommt sie am 6. März 1898 in München zur Welt, wo sie 1975 auch stirbt. Am 3. März jährte sich der Todestag der Schauspielerin zum 50. Mal. Daher haben die Münchner Kammerspiele, das Haus, dem die Giehse eng verbunden war, bei Barbara Yelin eine Comic-Biografie in Auftrag gegeben. Eine gute Entscheidung, aus vielerlei Gründen. Die Giehse ist soeben erschienen – mit einer für Comics abseits des Mainstreams wuchtigen Auflage von 11.000 Exemplaren.

Barbara Yelin, 1977 in München geboren, zählt zu den wichtigsten deutschsprachigen Zeichnerinnen; sie hat eine enorme Expertise im biografischen Erzählen und Illustrieren. Zuletzt erschien 2023 bei Reprodukt Die Farben der Erinnerung, die Lebensgeschichte der niederländischen Schoa-Überlebenden Emmie Arbel, die heute in Haifa zu Hause ist. Wie bereits in jenem Buch setzt die Künstlerin auch nun wieder Originalzitate in weißer Schrift auf schwarzen Grund – um sie so vom übrigen Text abzuheben und ihre Protagonistin selbst zu Wort kommen zu lassen.

Doch während Yelin mit Arbel zahlreiche Gespräche führte, musste sie für ihr neues Werk tief in die Archive eintauchen. Eine Plaudertasche war die Giehse nie. »Aber über mich redʼ ich nicht«, wird sie bereits im Prolog zitiert. Dennoch ist es der Zeichnerin gelungen, dieses Leben, das in den Zeitläuften des 20. Jahrhunderts hin- und hergeworfen wurde, sehenswert, kurzweilig und informativ auf Papier zu bannen.

Giehses Leistung als Schauspielerin und ihr Engagement als politischer Mensch

Geschickt gelingt es der 48-Jährigen, von beidem gleichermaßen zu berichten: von Giehses Leistung als Schauspielerin und von ihrem Engagement als politischer Mensch. Weder das eine noch das andere war dem Kind in die Wiege gelegt. Therese wird zwar in eine angesehene jüdische Kaufmannsfamilie geboren. Doch erfährt das Mädchen bald Ausgrenzung und Antisemitismus: »Ich war dick, rothaarig und hatte den Herrn Jesus umgebracht«, wird sie später notieren. Ihr Vater Salomon stirbt früh, die Brüder ziehen 1914 in den Krieg – »ich musste schnell erwachsen werden«.

Yelin spiegelt Zeit- und Theatergeschichte in höchst konzentrierter Form.

Dem Teppichgeschäft der Eltern kehrt Therese 1917 den Rücken, um es am Theater zu versuchen. Und das, obwohl sie nicht so aussieht, wie sich die Gesellschaft ihrer Zeit Schauspielerinnen vorstellt. »Ich will doch gar nicht schön sein. Ich will nur zum Theater.« Die Giehse (den Künstlernamen wählt sie 1920 mit ihrem ersten Engagement) lebt tatsächlich ein »Leben für das Theater«. Und nein, der Untertitel des Buches ist keine Übertreibung, schließlich lautet der häufigste Satz darin: »Therese spielt.«

Das tut sie. Zunächst in der Provinz, ab 1926 an Münchens Kammerspielen. Thomas Mann und seine Kinder sitzen dort ebenso im Parkett wie Hitler und seine Entourage. Therese Giehse lernt Erika Mann kennen und lieben, gemeinsam mit deren Bruder Klaus gründen sie das Kabarett »Die Pfeffermühle«, um aufzuhalten, was da schon nicht mehr aufzuhalten ist: »Ein gewisser Herr Hitler wettert im Hofbräuhaus – ein paar Häuser weiter machen wir uns über ihn lustig.«

Es geht nicht lange gut. Therese Giehse muss fliehen, am 17. März 1933 in die Schweiz. Yelin folgt der Exilantin durch Europa bis nach New York, wo die »Pepper Mill« krachend scheitert. Im Jahr 1937 wird die Giehse am Züricher Schauspielhaus engagiert und gestaltet hier etwa 1941 die Titelfigur bei der Uraufführung von Brechts Mutter Courage. Es wird ihre Lebensrolle.

Biografische Wegmarken

Die Giehse arbeitet jedoch nicht nur biografische Wegmarken ab. Yelin spiegelt darin immer wieder Zeit- und Theatergeschichte – in höchst konzentrierter Form: Gerade einmal 31 Seiten umfasst ihre Graphic Novel, die durch die Verdichtung dramaturgisch gewinnt.

Die Künstlerin hält Giehses Leben mit ihrem typisch satten, dabei enorm dynamischen Strich fest. Konturen arbeitet sie häufig nicht aus, was den Bildern zusätzlich Tempo und Tiefe beschert. Sie nutzt traditionell eine Mischtechnik aus Wasserfarben, farbigen Tinten und wasservermalbaren Buntstiften, die sie erst nach der Arbeit am Zeichentisch durch den Computer schickt. »So. Dann wollen wir den Herrschaften mal was bieten«, sagt die Giehse gleich zu Beginn. Es ist ein Glücksfall, dass Barbara Yelin dieser Schauspielerin nun eine solche Bühne bereitet hat. Ein Glücksfall – nicht nur für Theaterfans.

Barbara Yelin: »Die Giehse. Ein Leben für das Theater 1898–1975«. 31 S., 5 €. Zu beziehen über www.muenchner-kammerspiele.de

Meinung

Warum der Begriff »Davidstern-Skandal« unpassend ist

Die Formulierung beschreibt den Vorfall nicht nur falsch, sie deutet ihn auch als ein jüdisches Vergehen

von Martin Krauß  30.01.2026

TV-Tipp

Brillanter Anthony Hopkins glänzt in »One Life«

Kurz nach dem Holocaust-Gedenktag zeigt 3sat ein biografisches Drama über den Briten Nicholas Winton, der 1939 Kindertransporte von Prag nach London organisierte und damit mehrere hundert Kinder vor den Nazis rettete

von Jan Lehr  29.01.2026

Kairo/Berlin

Ägypten verbietet Buch zu Gaza-Krieg - Autoren: Das Interesse ist riesig

Ihr Streitgespräch über den Nahostkonflikt sorgte in Deutschland für viel Aufmerksamkeit - doch Ägyptens Zensur verbietet das Buch von Philipp Peyman Engel und Hamed Abdel-Samad. Die Autoren nehmen es eher gelassen

 29.01.2026 Aktualisiert

Literatur

Waisenkinder des Lebens

Aus Barbara Honigmanns neuem Buch »Mischka. Drei Porträts« lässt sich erfahren, welch strenge Schönheit und unprätentiöse Würde in der Erinnerung liegen

von Marko Martin  29.01.2026

Kulturkolumne

Jüdischer Humor als Überlebensstrategie

»Happy Place«: Eine TV-Serie, bei der es sich sicher anfühlt zu lachen, aber den Schmerz dahinter auch tatsächlich zu spüren

von Laura Cazés  29.01.2026

Rechtsstreit

Bericht: Schauspielerin verliert Hauptrolle wegen Pro-Israel-Haltung

In »Die Todessehnsucht der Maria Ohm« sollte Sarah Maria Sander laut Vertrag die Hauptrolle spielen

 29.01.2026

Kino

»EPiC: Elvis Presley In Concert« feiert Kinostart

Laut Regisseur Baz Luhrmann ist das Werk weder eine reine Dokumentation noch ein klassisches Konzertfilm-Format, sondern ein tiefgründiges Porträt des 1977 verstorbenen jüdischen Stars. Die Kritiker sind beeindruckt

 29.01.2026

Australien

»Respekt für Gil«

Was das Dschungelcamp an seinem 5. Tag abliefert, könnte glatt schon hart an die großen Brecht’schen Dramen heranreichen

von Martin Krauss  29.01.2026

Fernsehen

Gil Ofarim: »Das kann es nicht gewesen sein«

Was genau er damit meint und ob er sich auf den Skandal bezieht, der das öffentliche Bild von ihm zuletzt geprägt hatte, lässt Ofarim als Cliffhanger offen

 28.01.2026