Kino

Stadtguerilla in Zion

Eine Gruppe von Männern auf einer Fahrradtour, irgendwo in den Bergen um Jerusalem. Als sie den Gipfel erreicht haben, jubeln sie, blicken so erschöpft wie stolz hinunter ins Tal und rufen: »Dies ist das schönste Land der Welt!«

Dieser Ausruf und die Szene, mit dem Nadav Lapids Film Policeman beginnt, der diese Woche in den deutschen Kinos anläuft, werden noch einen sarkastischen Beigeschmack bekommen. Zunächst aber lernt man einen der Männer, Yaron (Yiftach Klein), näher kennen. Seine Frau ist schwanger, ein naher Freund und Arbeitskollege hat Krebs. Irgendwann begreift man, dass Yaron Angehöriger einer israelischen Spezialeinheit zur Terrorismusbekämpfung ist.

Er und seine Kameraden sind eine verschworene Truppe, mit den bekannten Macho-Ritualen eines Männerbundes, der sich in Todesgefahr aufeinander verlassen muss. Sie sind auch privat Kumpel, manchmal Freunde und teilen viel Freizeit und Familienleben. Nebenbei sehen wir, wie die Einheit mit Schwierigkeiten umgeht: Im schmutzigen Krieg gegen den Terrorismus ging etwas grausig schief, es wurden unschuldige Zivilisten getötet, es gibt auch eine juristische Untersuchung, doch die Wahrheit, die man nur ahnen kann, wird gemeinsam verschleiert.

bürgerkinder Nach etwa der Hälfte des Films wechselt plötzlich die Perspektive radikal: Nun porträtiert der Film Shira (Yaara Pelzig), eine bürgerliche höhere Tochter und Aktivistin der radikalen Linken. Gemeinsam mit einigen Freunden plant sie eine Revolution. Wir sehen, wie Shira Manifeste auswendig lernt mit Sätzen wie »Es ist Zeit für die Armen, reicher zu werden und für die Reichen, zu sterben« oder »Der jüdische Staat ist ein Staat geworden, der aus Herren und Sklaven besteht.

Wir sind die Töchter und Söhne des hässlichen Israel, geboren in einem grausamen, rassistischen, gewalttätigen und ignoranten Staat.« Ähnlich wie zunächst der Polizeieinheit folgt der Film nun eine Weile dieser zweiten Gruppe. Auch ihr Innenleben lernen wir kennen, ihre begrenzte Sicht auf die Welt. Man sieht Shira und ihre Genossen im Alltag und dann wieder bei der Vorbereitung einer Aktion und ahnt, dass diese zweite Gruppe irgendwann auf die erste treffen muss.

Eine wahnwitzige, bestechende, kluge Konstruktion: Israelis gegen Israelis, jeder ist auf seine Art verloren. Policeman ist ein überaus reifer, konzentrierter, vom ersten bis zum letzten Moment spannender Film, stilistisch konsequent und souverän inszeniert. Die Handlung ist aktuell und in vieler Hinsicht provokativ. Der Film ist nicht vordergründig politisch, aber er erzählt viel über die israelische Gesellschaft, in der die Familien stärker sind als vielerorts, und die Söhne offenbar gezwungen, den »starken Mann« zu geben.

preisgekrönt Dieser erste Spielfilm des 1975 in Tel Aviv geborenen Regisseurs, der vergangenes Jahr im Wettbewerb von Locarno den Spezialpreis der Jury gewann, bietet ein packendes Porträt der gesellschaftlichen Widersprüche Israels, vor allem seines Mittelstandes. Yaron könnte der ältere Bruder von Shira sein, beide gehören der Generation der Mitt- bis Endzwanziger aus gebildeten Familien an, die sich der Gegenwart wie der Generation der Gründerväter längst entfremdet haben.

Lapid zeigt das Innenleben der Polizeieinheit wie das der Terroristengruppe. Man sieht sie beim Essen, mit ihren Familien, beim Flirten und beim Sex, beim Ausgehen. Hier ist der Film voller kleiner schöner Szenen, von denen jede sehr durchdacht ist. Nur ganz selten wirkt das etwas konstruiert. Dafür gibt es viele feine, sehr präzise Verweise auf die wirtschaftliche Lage Israels oder auf den juristisch umstrittenen Fall des Atom-Whistleblowers Mordechai Vanunu.

Der brutale Showdown ist dann ein Überfall auf eine Hochzeit reicher Familien, und die Geiselnahme dreier Multimillionäre durch die Terroristen. Die Täter wollen kein Geld, sondern eine Veränderung der israelischen Politik – eine Verzweiflungstat. Yarons Einheit muss die Geiseln befreien, die Polizisten gehen von einer Tat islamistischer Terroristen aus, und am Ende erschießt Yaron Shira. Der Zuschauer bleibt mit vielen widersprüchlichen Gedanken zurück.

Frankreich

»Fick dich, Gisèle, fickt euch, ihr Zionisten«

Gisèle Journo ist Jüdin und betreibt in Paris eine Agentur für Influencer. Jetzt ist sie Zielscheibe antisemitischer Anfeindungen geworden. Auslöser war der Boykottaufruf einer Europaabgeordneten

von Michael Thaidigsmann  21.08.2026

Orlando (Florida)

Harrison Ford wird erneut zu Indiana Jones

Diesmal wird der jüdische Darsteller kein Abenteuer auf der Leinwand erleben. Aber worum geht es dann?

 21.08.2026

Memoiren

Und dennoch!

2012 erschienen die Lebenserinnerungen der Schoa-Überlebenden Charlotte Knobloch. Titel: »In Deutschland angekommen«. Heute sagt sie: »Ich habe mich getäuscht.« Jetzt legt deshalb ein weiteres Buch vor

von Christoph Renzikowski  21.08.2026

Yotam Ottolenghi (l.) und Anthony Bourdain

Kulinarisches

Als Yotam Ottolenghi mit Anthony Bourdain einmal in der Wüste landete

Der israelisch-britische Koch erinnert sich zum Filmstart von »Tony« an seine Begegnung mit seinem berühmten amerikanischen Kollegen

von Katrin Richter  21.08.2026

London

Boy George nimmt Pro-Israel-Song mit großer Band neu auf

Mit diesem Schritt erhofft sich der britische Popsänger eine größere Verbreitung von »We Will Dance Again«. Auf den Hass von Israelfeinden reagiert er ebenfalls mit einem neuen Lied

von Imanuel Marcus  21.08.2026

Frankfurt am Main

Motty Steinmetz stimmt auf die Hohen Feiertage ein

Es dürfte es ein Abend werden, bei dem Musik und Spiritualität besonders eng miteinander verbunden sind

 20.08.2026

Vorschau

Widderhorn im Dom und ein Hauch von »Yiddish Summer« - Festival »Shalom-Musik.Koeln«

Begegnungen, Neugier und Zuhören fördern - das wollen die Macher des Festivals »Shalom-Musik.Koeln«. Und reichlich Musik und Gesang auf die Bühne bringen. Der Verein hinter dem Festival bekommt dafür jetzt einen Preis

von Leticia Witte  20.08.2026

Kunst

Von Guggenheim bis Geffen

Wie jüdische Mäzene im 20. Jahrhundert der Moderne zum Durchbruch verhalfen

von Jana Talke  20.08.2026

Kulturkolumne

Some like it cold

Warum Disneys Eiskönigin nicht nur gegen Hitze hilft

von Sophie Albers Ben Chamo  20.08.2026