Interview

Sprung in den Glauben

Christian Wiese Foto: Christoph Boeckheler

Herr Wiese, im Dezember haben Sie zu einem dreitägigen internationalen Kongress geladen, der sich mit der Bedeutung der Werke des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard (1813–1855) für jüdische Denker im 20. Jahrhundert befasste. Was hat Sie zu dieser Konferenz veranlasst?
Es ist erstaunlich, wie viele jüdische Gelehrte sich im 20. Jahrhundert mit Kierkegaard auseinandersetzten, und auffällig, welche Rolle dieser nichtjüdische Philosoph für jüdisches Denken spielte. Wir haben über die Gründe dafür diskutiert. Ich betreue gerade eine Doktorandin, die sich mit Hannah Arendts politischer Lektüre von Kierkegaards Werken befasst. Und wir haben mit Heiko Schulz einen systematischen Theologen und Kierkegaard-Spezialisten an unserem Fachbereich. Frankfurt war also ideal für eine solche Konferenz.

Der Zuspruch war groß. Die Teilnehmer kamen aus Israel, Kanada, den USA und ganz Europa. Haben Sie einen Nerv getroffen?
Es scheint so. Die Reaktionen waren begeistert. Vielen ist die Bedeutung des Themas bewusst, aber bisher liegt noch keine systematische Forschung dazu vor. Dabei haben wir für unsere Konferenz unter den zahlreichen jüdischen Lektüren Kierkegaards sogar nur eine Auswahl treffen können. Er spielte in der Philosophie ebenso eine Rolle wie in der Literatur – etwa für Adorno, Lévinas und Martin Buber, aber auch für Kafka und Paul Celan.

Was war so reizvoll an dem Dänen für jüdische Denker?
Kierkegaard war ein Philosoph, der in untraditioneller Weise über Religion und Christentum nachgedacht, sich gegen das kirchliche Establishment gewandt und neu über das Irrationale des Glaubens geschrieben hat. Seine Abwendung von liberalen Konzepten, von den Ideen Hegels oder Kants, entsprach auch der Suche nach neuen Herausforderungen im jüdischen Denken zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Faszination übte ebenfalls seine Deutung der Opferung Isaaks durch Abraham aus, eine schwierige Geschichte, die auch in der jüdischen Tradition eine wichtige Rolle spielt. Kierkegaard deutete sie als einen Sprung in den Glauben, ein Sich-Ausliefern ohne Halt oder Garantie.

Kierkegaard wird auch Antisemitismus und Antijudaismus zugeschrieben.
Er hegte sehr zwiespältige Auffassungen über das Judentum, die Peter Tudvad, Referent unserer Tagung, für antisemitisch hält. Er spitzt seine These sogar so weit zu, dass er Kierkegaard auch politische und rassistische Vorstellungen zuschreibt. Das ist umstritten, denn Kierkegaards Äußerungen werden sonst vielfach im Sinne eines lutherischen Antijudaismus erklärt. Seltsamerweise spielt die Frage nach dem Antisemitismus aber bei den jüdischen Philosophen und Wissenschaftlern des 20. Jahrhundert gar keine Rolle.

Warum das?
Darüber wurde einfach hinweggesehen, weil eben ganz andere Aspekte seiner Arbeit für interessant gehalten wurden – wie seine neuen Denkansätze zu Religion und Christentum.

Welche Erkenntnisse ziehen Sie daraus für Ihre eigene Arbeit?
Es ist schön, Wissenschaftler zusammenzubringen und eine Debatte anzustoßen. Zugleich wollten wir unseren Studierenden zeigen, dass jüdisches und christliches Denken nie einfach isoliert voneinander, sondern in wechselseitiger Wahrnehmung stattfindet.

Mit dem Inhaber der Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie an der Frankfurter Goethe-Universität sprach Astrid Ludwig.

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Imanuel Marcus, Katrin Richter  15.06.2026

Kolumne

»Ich bin bloß eine Regenwolke!«

Von Winni Puch bis Tscheburaschka: Wie sowjetische Trickfilme gegen Antisemitismus helfen

von Eugen El  14.06.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Erst Kurt Krömer, dann Modi Rosenfeld: Shoppen und lachen

von Katrin Richter  14.06.2026

Aufgegabelt

Hähnchen-Schawarma mit Tahini

Rezept der Woche

 14.06.2026

Medien

KI-Verstoß: »Tagesspiegel« nimmt Casdorff-Texte offline

Stephan-Andreas Casdorff verfasste auch für die Jüdische Allgemeine Kommentare. Die Redaktion prüft, ob auch diese Texte von einer KI statt von Casdorff selbst verfasst wurden

 12.06.2026

Berlin

»Ich bin stolz! Sehr stolz«

Dieter Nuhr ist mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden geehrt worden. Wir dokumentieren hier exklusiv seine Rede im Wortlaut

von Dieter Nuhr  12.06.2026 Aktualisiert

Musik

Mike D in Berlin: Ein Beastie Boy meldet sich zurück

Das Berliner Säälchen am Holzmarkt wird zur Kulisse des einzigen Deutschland-Konzerts des »Beastie Boys« Mike D. Hunderte Fans sind begeisterte Zeugen des überraschenden Comebacks ihres Idols

 12.06.2026

Weltmeisterschaft

Die Kraft des Gemeinsamen

Vom Hoffen, Mitfiebern und Leiden: Eine Liebeserklärung an die Macht und die Möglichkeiten des Fußballs

von Awi Blumenfeld  11.06.2026

Kulturfest

Jüdische Woche in Leipzig

70 Leipziger Institutionen und Vereine gestalten ein Programm zu jüdischem Leben in Vergangenheit und Gegenwart. Erwartet werden internationale Gäste

 11.06.2026