Kaum ein Spielfilmdebüt hinterließ in den letzten zehn Jahren beim Filmfestival in Cannes so nachhaltig Eindruck wie »Son of Saul« des Ungarn Laszlo Nemes von 2015. Der Regisseur lotet darin die Grenzen des Darstellbaren bei der filmischen Annäherung an den Holocaust aus.
Dass ihm dies weithin furios gelingt, verdankt sich einer äußersten formalen Konsequenz: Die Kamera heftet sich dem Protagonisten Saul in den Nacken, der im Herbst 1944 als Mitglied eines Sonderkommandos fungiert und unter allen Umständen einen toten Jungen nach jüdischem Ritus beerdigen will. Was nicht nur für ihn ständig die Gefahr birgt, ohne große Umschweife von den Nazi-Bewachern getötet zu werden, sondern auch die Vorbereitungen eines Aufstands gegen die SS-Wachmannschaften gefährdet.
Regisseur lotet die Grenzen des Darstellbaren bei der filmischen Annäherung an den Holocaust aus
Der ebenso abgründige wie meisterhafte Debütfilm lässt das Ungeheuerliche der industriellen Auslöschung des europäischen Judentums mehr erahnen, als es tatsächlich zu zeigen, während die sorgfältig komponierte Tonspur die Zuschauer beständig in die Höllenglut der Vernichtungsmaschinerie reißt. In der Absurdität der Situation beschwört der Film zudem das Humane, das sich auch angesichts des mörderischen Hasses nicht verdrängen lässt.
Der Film gewann nicht nur 2015 in Cannes den Großen Preis der Jury, sondern 2016 auch den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Arte zeigt den Film am Vorabend des Holocaust-Gedenktags.
»Son of Saul«, Montag, 26. Januar, 21.55 - 23.35 Uhr, Arte.