Kulturkolumne

Hat Kunst je eine Katastrophe verhindert?

In letzter Zeit machen mir sogar Bücher Angst. Stefan Zweigs Abschiedsmemoiren Die Welt von Gestern starren mich immer wieder aus dem Lektürehaufen auf dem Nachttisch an. »Hamsa, Hamsa, Hamsa«, hebe ich die Hand gegen alles dräuende Unheil, und weiß doch, dass ich nicht abergläubisch genug bin. Ich traue mich aber nicht, es einfach wegzuräumen.

Ich rotiere weiter im eigenen Gedankensaft, und plötzlich trifft es mich wie ein Schlag: Was sollen eigentlich diese ganzen grandiosen Bücher, Filme, Gemälde, Songs, die entstanden sind, um zu warnen, um zu erklären, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen? Welche kulturellen Erzeugnisse haben je etwas verhindert? Haben Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues oder Picassos »Guernica« den Zweiten Weltkrieg aufgehalten? Haben Chaplins Der große Diktator oder Lubitschs Sein oder nicht Nichtsein jüdisches Leben gerettet? Hat irgendein Staatschef in letzter Zeit Primo Levis Ist das ein Mensch? oder Kurt Vonneguts Slaughterhouse-Five gelesen und gedacht, dass er seinen Populismus überdenken sollte?

Im April wird ein wiederentdeckter Roman aus dem Jahr 1934 über den Aufstieg der Nazis in Deutschland erscheinen. Sally Carson habe »eine düstere und gewalttätige Zukunft für Europa vorausgesehen« und ein »elektrisierendes Meisterwerk« geschaffen, heißt es. Lukas Rietzschels Roman Mit der Faust in die Welt schlagen über die Rechtsradikalisierung Jugendlicher in Ostdeutschland Anfang der 2000er erschien 2018. Sieben Jahre später ist die AfD zweitstärkste Partei in Deutschland.

Ich rotiere weiter, schimpfe mich naiv.

Ich rotiere weiter, schimpfe mich naiv, um gleichzeitig festzustellen, dass natürlich jeder Künstler, ob nun schreibend, malend, musizierend oder Fettecken auslegend, natürlich auf Reaktionen aus ist. Am besten aus aller Welt. Da springt mich ein neuer Gedanke an. Stanley Kubrick war ein sturer Optimist! Mit Wege zum Ruhm schuf der Ausnahmeregisseur 1957 einen der bedeutendsten Antikriegsfilme überhaupt. Als die Wirkung ausblieb, zäumte er mit der tiefschwarzen Antikriegs-Komödie Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben sieben Jahre später das Pferd von hinten auf. Weil die Menschen immer noch mit Tod und Schrecken weitermachten, legte er 1971 mit Uhrwerk Orange die Wurzel aller Gewalt frei. Und dann gab es 1987 noch mal voll auf die Zwölf mit Full Metal Jacket.

Einmal hatte ich das Glück, Kubricks langjährigem Produzenten gegenüberzusitzen und fragte ihn – ja, ich bin schon länger naiv –, ob er meine, dass Filme die Welt verändern können. Weil Jan Harlan ein großartiger Mensch ist, antwortete er ernsthaft, aber auch schrecklich schnell und schockierend mit »Nein«.

Unter Stefan Zweigs verzweifeltem Blick, und vielleicht auch aus Trotz, widerspreche ich heute vehement und komme zu dem Schluss, dass Kunst sehr wohl Dinge ändern kann. Sie kann demaskieren, kritisieren, Ausdruck für die dringend nötige Menschlichkeit finden, beruhige ich mich selbst und denke an den Oscar-Film The Brutalist, dieses Kino-Monstrum, das einem in künstlerischer Rohheit die Gleichgültigkeit angesichts menschlichen Leids auf die Netzhaut brennt.

Das hat auch der andere Gewinner No Other Land versucht, allerdings dabei vergessen, dass es im Leben wie in der Kunst gilt, Menschen zusammenzubringen, anstatt sie auseinanderzutreiben. Ich nehme Zweig fest in den Blick und denke, Kunst kann immerhin die Zeit zwischen der Katastrophe und dem nächsten Unheil verlängern. Wir brauchen also mehr davon. Viel mehr! Worauf warten Sie noch!

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