Kino

Seinfeld in Nahost

Voriges Jahr schenkte sich das Jüdische Filmfestival Berlin zur Volljährigkeit ein provokantes Plakat: »Mehr Juden ins Kino!« in gelber Schrift auf schwarzem Grund. 2013 ist das Motto etwas versöhnlicher: »We come in peace«, diesmal schwarz auf gelb, frei nach dem Film Mars Attacks!.

Ziel des zweiwöchigen Festivals, das am 29. April beginnt, ist auch in diesem 19. Jahr seines Bestehens, jüdisches Leben fernab von Krisenherden und Katastrophenklischees zu zeigen, ohne dabei Kitsch zu präsentieren. Dafür steht schon der Eröffnungsfilm Zaytoun. Die Geschichte eines israelischen Piloten, der 1982 abgeschossen wird und sich in der Gefangenschaft mit einem palästinensischen Jungen anfreundet, hätte in den falschen Händen unerträglicher Plunder werden können. Doch Regisseur Eran Riklis, bekannt durch Lemon Tree, setzt diesen Plot glaubhaft um und behandelt seine Figuren wie echte Menschen. Für Festivalleiterin Nicola Galliner ist Zaytoun der ideale Start, weil, wie sie sagt, er realitätsnah sei und gleichzeitig einen Funken Hoffnung trage.

33 Produktionen hat Galliner auf das Festival geholt, Spielfilme, Dokumentationen und Kurzfilme. 13 von ihnen sind Deutschlandpremieren, wie der tschechische Krimi In the Shadow. Im Prag der 50er‐Jahre wird ein Mitglied der jüdischen Gemeinde beschuldigt, Juwelen gestohlen zu haben, um damit »zionistischen Terrorismus« zu finanzieren. Ein Ermittler glaubt nicht an seine Schuld und stößt auf eine Verschwörung. Mit Anleihen bei Carol Reeds Klassiker Der dritte Mann profitiert der packende Polit‐Noir von seinem ungewöhnlichen Setting.

versteck Auch No Place on Earth findet im Schatten statt. Das Dokudrama rekonstruiert die Überlebensgeschichte von jüdischen Familien in der Ukraine, die sich über Jahre hinweg in Höhlen versteckten. Erst als der Speläologe Chris Nicola in einer der Höhlen Spuren von Menschen findet, kommt die Geschichte ans Tageslicht. In Interviews schildern die Überlebenden ihre Zeit in der Höhle, der sie, wie sie sagen, ihr Leben verdanken. Chris Nicola wird bei der Vorführung selbst anwesend sein und erzählen, wie er nur durch einen Zufall auf die Spur der Versteckten kam.

Produktionen über die Schoa zeigt das Festival vor allem dann, wenn sie über unbekanntere Details erzählen. Wie der Spielfilm Süskind über ein Mitglied des Judenrates in Amsterdam, der versucht, Kinder vor der Deportation zu retten. In den Niederlanden bereits ein Erfolg, zeigt ihn das Festival als deutsche Première. Auch wenn Nicola Galliner den Film für »brutal und schmerzhaft« hält, ist es ihr wichtig, ihn auf dem Festival zu haben.

rabbiner Zwei Filme beschäftigen sich mit zwei 1902 geborenen Berliner Rabbinern. Die Dokumentation Regina versucht etwas fast Unmögliches. Von Regina Jonas, der ersten Rabbinerin in der jüdischen Geschichte, existieren nur ein Foto und eine Handvoll Aufzeichungen. Deswegen greift die ungarische Regisseurin Diana Groó auf Archivbilder zurück und entwirft auch damit eine Art Filmessay über das untergegangene jüdische Berlin. Die Geschichte von Jonas war lange vergessen, bis Rabbinerin Elisa Klapheck über sie ein Buch schrieb. Klapheck wird den Film präsentieren.

Etwas weniger geheimnisvoll, aber ebenso spannend war das Leben von Joachim Prinz, in den 30er‐Jahren Rabbiner in Berlin. Nach der Emigration in die USA schloss er sich früh der Bürgerrechtsbewegung an. Beim Marsch auf Washington von Dr. Martin Luther King war er einer der Redner. Sein Lebensmotto ist der Titel der Dokumentation: I Shall Not Be Silent. Die Tochter des Rabbiners, Deborah Prinz, wird nach Berlin kommen, um über ihren Vater und sein Leben zu sprechen.

TV Auch zwei israelische Fernsehserien werden präsentiert, die im jüdischen Staat zu den erfolgreichsten TV‐Produktionenzählen. Hatufim, englisch Prisoners of War erzählt von der Rückkehr zweier Kriegsgefangener, die 17 Jahre in feindlicher Hand waren. Inzwischen ist Hatufim vor allem als Vorlage für die sehr erfolgreiche US‐Serie Homeland bekannt. Anders als das US‐Remake ist das israelische Original, das ab 9. Mai auch bei arte ausgestrahlt wird, aber mehr an der Psyche der Heimkehrer als an großen Verschwörungen interessiert.

Etwas leichtfüßiger ist die Sitcom Arab Labor: Der arabisch‐israelische Journalist Amjad arbeitet in Jerusalem und muss sich mit den großen und kleinen Ärgernissen des Alltags herumschlagen. An zwei Abenden zeigt das Festival Folgen aus den ersten beiden und als Deutschlandpremiere aus der neuen dritten Staffel diese Nahost‐Version von Seinfeld.

hava nagila Den Abschluss des Festivals bildet Hava Nagila: The Movie. Die amerikanische Dokumentarfilmerin Roberta Grossman geht den Spuren dieses bekanntesten und fröhlichsten hebräischen Lieds bis ins Jahr 1905 nach und spricht mit seinen wichtigsten Interpreten. Harry Belafonte etwa erinnert sich an einen Auftritt in der Bundesrepublik in den 50ern, bei dem deutsche Jugendliche das Lied sangen. Bob Dylans Talkin’ Hava Negeilah Blues kommt ebenso zu Gehör wie eine Country‐Version des Bar‐ und Batmizwa‐Klassikers Hava Nagila: The Movie zeigt exemplarisch, wofür das Jüdische Filmfestival Berlin steht: etwas abseitig, überraschend und garantiert nicht treif.

www.jffb.de

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