Gespräch

»Seid frech und laut!«

»Selbstmitleid ist das allerschlechteste Medium in der Öffentlichkeit«: Klaus Kocks Foto: Marco Limberg

Herr Kocks, warum hat Israel ein so miserables Image?
Ich kann das am Beispiel der Gaza-Flottille deutlich machen: Da nehme ich wahr, dass der von vielen geschätzte schwedische Krimiautor Henning Mankell auf irgend so einem Schiff sitzt und anschließend den Märtyrer spielt. Mir war nicht bekannt, wer die Gaza-Flottille organisiert hat und wer darauf war. Für mich steht Mankell stellvertretend für den selbstgefälligen schwedischen Moralisten. Der ist mir vertraut, weil ich in den 60er-Jahren Sjöwall/Wahlöö gelesen habe, Krimis von linken Kritikern der Sozialdemokratie, was meinem Herzen entsprach. In diesem Paradigma – ich nenne das jetzt die Köttbullar-Falle, nach diesen kleinen Frikadellen, die es bei Ikea gibt – muss ich annehmen, dass der Mann recht hat.

Dieses Paradigma hatten die Israelis offenbar nicht auf dem Schirm.
Nein.

Warum nicht?
Weil sie andere Sorgen haben, nämlich die der elementaren Verteidigung. Ich möchte auch nicht mein Kind in eine Schule geben, die mit Raketen von einer anderen Schule aus beschossen wird, und wenn du dann zurückschießt, bist du für die Weltöffentlichkeit ein Kindermörder. Es besteht dabei eine große Gefahr: Sie neigen angesichts einer so massiven äußeren Bedrohung dazu, den innenpolitischen Ton gegenüber ihrer politischen Klientel auch zum außenpolitischen Ton zu machen. Und der klingt dann sehr, sehr martialisch.

Und er brüskiert auch manchmal Freunde und Verbündete.
Ja, sicher. Er macht es den Freunden schwer. Verstehen Sie mich richtig: Sie werden die Bande, die Sie ins Meer treiben will, nicht mit Appeasement bezwingen. Sie können die Feindbilder Ihrer Feinde nicht verhindern. Wer meint, Sie seien unrein und ungläubig und er dürfe Sie umbringen, den werden Sie nicht überzeugen. Aber Sie müssen lernen, die Freundbilder Ihrer Freunde zu pflegen. Das muss ein Teil von Außenpolitik sein.

Im Fall Niebel etwa ging das daneben. Da kommt ein vermeintlicher Freund, der sagt: Ich möchte gerne nach Gaza rein. Und die Israelis erklären schließlich: Nein, geht leider nicht. Da ist klar, dass die Gegenseite das sofort ausnutzen kann.
Ich hätte einem solchen Kleingeist wie Herrn Niebel nicht eine solche Nummer erlaubt, wie er sie sich da hat erlauben können. Er hat sich zum nützlichen Idioten der Hamas gemacht. Aber in diese Rolle konnte er hineinschlüpfen, weil Israel es ihm möglich gemacht hat – mit nicht sehr großem Geschick.

Wie halte ich meine Freunde bei der Stange und verärgere sie nicht auch noch?
Kommunizieren, kommunizieren, kommunizieren. Auf allen Wegen. Schweigen hilft überhaupt nicht. Auch die falschen Töne, die lauten Töne, die schrillen Töne – Gruß an Henryk Broder – alle sind sie besser als Schweigen. Das Schweigen ist der Existenzboden des Ressentiments. Das Schweigen ist der Raum, in dem der andere schreit. Die Dschihad-Rufe finden in dem Schweigen der anderen statt.
Israel schweigt viel.
Ja, Israel schweigt viel. Auch die Juden im Ausland schweigen viel. Aber die Devise muss lauten: reden, reden, reden. Und zwar in allen Formen, die diese Zeit zulässt: Satiren auf YouTube, relativ schrille, auch böse, pro-israelische Videos, Kommentare, die das Thema berühren. Ich glaube, dass die halben Töne, die Höflichkeiten, die vermeintlichen Rücksichtnahmen und Political Correctness alle Unsinn sind in dieser Debatte. Wir haben einen Propagandakrieg gigantischen Ausmaßes da draußen. Die Gaza-Flottille war ein gigantisches PR-Unternehmen, in der Inszenierung Greenpeace ebenbürtig. Was wir im Moment erleben, das ist die Übermacht des islamistischen, kriegstreibenden, hasstreibenden Diskurses in sehr kreativen, modernen Formen. Vom Stand der Propaganda ist das fünf Klassen besser als das, was man sonst sieht. Handwerklich richtig gut. Und das darf man nicht alleine stehen lassen.

Was setzt man dagegen?
Ich glaube, dass auf einen groben Klotz ein grober Keil muss. Und ich glaube auch, dass man auf eine bestimmte Art von entwickelter PR nur mit genauso entwickelter PR antworten kann. Da nützt es nicht, wenn Sie einen israelischen Regierungssprecher, der aussieht wie ein Schülersprecher aus Dahlem, mit einem kleinen Zettel vor eine Kamera stellen und der da sein Ding abliest, was nicht mal CNN sendet.

Die Israelis und die jüdische Diaspora müssen aus ihrer Schmollecke raus?
Ja. Und sie müssen aufhören, empfindlich zu sein. Selbstmitleid ist das allerschlechteste Medium, weil es bei den anderen eine Scheu der Kritik erzeugt, die falsch ist. Seid laut, frech, selbstbewusst, das ist meine Empfehlung. Das heißt, ich muss bereit sein zu diskutieren, auch um den Preis, dass ich einen falschen Ton treffe. Ich finde, dass man die Debatte führen muss, selbst, wenn sie erfolglos wäre. Aber sie wird nicht erfolglos sein.

Glauben Sie wirklich?
Ja. Ich weiß, dass eine gewisse Attraktivität in Vorurteilen besteht, dass in bestimmten Situationen eine gewisse Anziehungskraft im Antisemitismus besteht. Ich will mich nicht in die Debatte einmischen, wie judenfeindlich Deutschland ist oder nicht ist. Weil ich die Verharmlosungen politisch nicht möchte. Aber die Menschen werden nicht vorurteilsbeladen geboren. Man muss den deutschen Lehrer an den Ohren ziehen. Man muss den Deutschen Bundestag an den Ohren ziehen. Man muss den deutschen Journalisten an den Ohren ziehen. Wir müssen uns selbst an den Ohren ziehen und sagen: Guck da hin! Das ist keine außenpolitische Frage des Staates Israel, sondern eine staatsbürgerliche für mich. Warum mache ich mich zum Opfer eines solchen Propagandamechanismus? Warum habe ich in der Tagesschau über die Hintergründe der Gaza-Flottille nichts erfahren? Wenn ich Hamas-PR sehen will, gehe ich ins Internet, dafür schalte ich nicht die Tagesschau ein. Aber das muss gesagt werden. Wer in dieser Welt schweigt, hat unrecht.

Klaus Kocks, geboren 1952, war in der Öffentlichkeitsarbeit namhafter deutscher Unternehmen tätig, zuletzt von 1996 bis 2001 als Vorstandsmitglied des VW-Konzerns. Seit 2002 betreibt er ein eigenes Unternehmen für Kommunikationsberatung, lehrt an verschiedenen Hochschulen Strategisches Kommunikationsmanagement und schreibt als Kolumnist unter anderem regelmäßig für die Frankfurter Rundschau.

Das Gespräch führten Christian Böhme und Michael Wuliger.

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