Redezeit

»Schwer tsu saijn a Jid zum Schein«

Kolumnist Harald Martenstein Foto: dpa

Redezeit

»Schwer tsu saijn a Jid zum Schein«

Harald Martenstein über sein Scheinjudentum, merkwürdige Leserbriefe und die Augstein-Dabatte

von Philipp Peyman Engel  23.05.2013 10:57 Uhr

Herr Martenstein, lassen Sie uns über Ihr Leben als Scheinjude sprechen.
Gern, schießen Sie los.

Sie sind nicht jüdisch, werden aber regelmäßig als Jude gelobt, beschimpft und belehrt. Weshalb?
Nun, ich schreibe seit mehreren Jahren Kolumnen in der »Zeit« und im »Tagesspiegel«. Als Reaktion auf diese Beiträge erhalte ich regelmäßig Leserbriefe, in denen ich für einen Juden gehalten werde. Offenbar klingt Martenstein in manchen Ohren nicht gojisch, sondern so jüdisch wie Goldstein oder Finkelstein. Ich gehöre also gewissermaßen zum 13. Stamm des jüdischen Volkes, den sogenannten Scheinjuden. Damit geht es mir wie Charlie Chaplin und Alfred Biolek, den beiden bekanntesten Vertretern dieses Stammes.

Welche Erfahrungen machen Sie als Scheinjude?
Die Briefe unterteilen sich in drei Kategorien: philosemitisches Lob, antisemitische Ausführungen und entrüstete Moralbelehrungen. Die Philosemiten schreiben mir, dass meine Kolumnen witzig seien, ein Paradebeispiel für den typisch jüdischen Humor, der Deutschland seit der Schoa so bitter fehle. Mit so viel Chuzpe wie ich könne kein Deutscher, sondern nur ein Jude schreiben.

Was schreiben Ihnen die Antisemiten?
Die sind oft pseudo-freundlich. Es wird mir zum Beispiel nahegelegt, dass es für meine weitere Karriere sinnvoll sei, nach Israel »zurückzugehen«, im Nahen Osten könne ich meine Talente doch sicher viel besser entfalten als in Deutschland. In anderen Briefen wiederum werde ich kritisiert, eine bestimmte Position nur deshalb zu vertreten, weil ich »Sohn Israels« sei. Beschimpfungen wie »Saujude« kommen auch schon mal vor.

Was werfen Ihnen die Moralapostel vor?
Diese Leute sind besonders unangenehm. Typisch ist die Frage, ob ich aus dem traurigen Schicksal meines Volkes denn überhaupt nichts gelernt hätte. Auschwitz als moralische Lektion quasi. Dabei habe ich zum Beispiel bloß über die skurrilen Blüten politischer Korrektheit wie das Binnen-I oder gendergerechte Toiletten geschrieben.

Antworten Sie den Schreibern?
Meistens. Den Kritisch-Beleidigenden schreibe ich in der Regel noch aggressiver zurück. »Ihnen sollte man Ihren arischen Arsch versohlen« etwa. Den Philosemiten sage ich, dass meine Texte eine gewisse Sublimierung sind und ich dem deutschen Volk sehr dankbar bin, dass es all die grässlichen Sachen an uns Juden verübt hat, denn sonst wäre ich nicht zu diesem wunderbaren Humor gekommen.

Hat sich aus einer Ihrer Antworten jemals eine Korrespondenz ergeben?
Bislang kam nie etwas zurück. Vielleicht haben die Leute gemerkt, dass ich mich über sie lustig gemacht habe. Übrigens habe ich immer als Jude zurückgeschrieben. Ich wollte den Irrtum bewusst nicht aufklären, andernfalls würde ich bloß das Signal geben, dass jüdisch zu sein etwas wäre, von dem man sich distanzieren müsste.

Sind die Zuschriften mit Blick auf das Verständnis der jüdischen Lebenswirklichkeit für Sie aufschlussreich?
Absolut. Jetzt weiß ich aus eigener Erfahrung, warum manche Juden den Philosemitismus fast anstrengender als den Antisemitismus finden. Wenn mir jemand schreibt, ich sei auf herrliche Art und Weise der jüdische Neurotiker schlechthin, ist das ja auch irgendwie ein vergiftetes Kompliment. Die Philosemiten denken, dass das Jüdische etwas ganz Spezielles ist und die Juden gewissermaßen über das Banal-Menschliche erhebt. Das kommt mir schon auch ein wenig schräg vor. Gleichzeitig will man diese Leute nicht verletzen, weil sie es ja eigentlich gut mit einem meinen. Bei den Antisemiten weiß man wenigstens, woran man ist. Aber anstrengend ist beides. »Schwer tsu saijn a Jid« – auch zum Schein.

Viele Publizisten Ihrer Generation waren früher links und israelkritisch. Ihre Meinung zum jüdischen Staat haben nicht wenige im Laufe ihres Lebens geändert. Haben Sie eine ähnliche Entwicklung durchlaufen?
Trotz DKP-Mitgliedschaft bin ich nie auf dem antizionistischen Trip der deutschen Linken gewesen. Nach dem Abitur habe ich einige Monate in einem Kibbuz gearbeitet – ich kannte Israel einfach zu gut, um irgendeinen Quatsch zu denken. Wie damals stehe ich auch heute zu 183 Prozent hinter Israels Existenzrecht – auch wenn ich so gar nichts mit der Regierung Netanjahu und ihrem Siedlungsbau anfangen kann. Ich verwahre mich aber dagegen, jetzt als rassistisch bezeichnet zu werden, bloß weil ich Kritik an einer Regierung übe. Jakob Augstein und das Antisemitismustabu lassen grüßen.

Gibt es dieses Tabu wirklich? Israel wird jeden Tag kritisiert, ohne dass es einen Aufschrei gäbe. Problematisch wird doch es erst dann, wenn jemand wie Augstein Gaza bewusst als »Lager« bezeichnet und die Charedim mit islamistischen Fundamentalisten vergleicht.
Für mich war der Fall Augstein dennoch sehr bestürzend. Es ist etwas anderes, jemanden zu widersprechen oder jemanden auf eine Art Steckbrief mit durch und durch kriminellen Zeitgenossen auf eine Liste zu setzen. Bei Augstein wurden einzelne Worte herausgegriffen und ihm dann vorgehalten. Ich halte es für unredlich, einzelne Worte aus dem Zusammenhang herauszupicken und dann daraus etwas zu konstruieren. Man muss, wenn man eine Aussage herauslöst, den Gesamtzusammenhang berücksichtigen.

Haben Sie Verständnis dafür, dass es Juden verletzt, wenn Augstein Grass’ These verteidigt, wonach Israel den Weltfrieden gefährde.
Es gab auch viele jüdische Stimmen, die Augstein verteidigt haben. Verletzung hin oder her: In welcher Welt leben wir denn eigentlich? Die Leute hauen sich ständig alles um die Ohren! Jeden Tag stehen in der Presse 1000 verletzende Sätze. Es kann keine demokratische Öffentlichkeit geben ohne ein gewisses Maß an Verletzungsresistenz. Sonst kommen wir in eine Situation, wie sie rund um die Mohammed-Karikaturen entstanden ist.

Mit dem Journalisten sprach Philipp Peyman Engel.

Harald Martenstein, geboren 1953, ist Autor der Kolumne »Martenstein« im ZEITmagazin und Redakteur beim Berliner »Tagesspiegel«. 2004 erhielt er den Egon-Erwin-Kisch-Preis. Sein Roman »Heimweg« wurde im September 2007 mit dem Buchpreis Corine ausgezeichnet, 2010 erhielt er den Curt-Goetz-Ring.

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