Woody Allen

»Schon immer ein Romantiker«

Regisseur Woody Allen im Gespräch mit Selena Gomez, der Hauptdarstellerin seines neuen Films Foto: imago images/Prod.DB

Für seinen 49. Film kehrte Woody Allen wieder in sein geliebtes New York zurück. Im Zentrum steht mit Gatsby (Timothée Chalamet) und Ashleigh (Elle Fanning) ein attraktives Liebespaar, das an einer - fiktiven - Eliteuniversität studiert. Ashleigh, Redakteurin der Unizeitung, bekommt die Chance, in Manhattan ein Interview mit Starregisseur Pollard (Liev Schreiber) zu führen. Gatsby, der ohne großen Elan vor sich hin studiert, will seine enthusiasmierte Freundin begleiten und mit ihr ein romantisches Wochenende in New York verbringen. Doch im Verlauf der Reise driften die beiden auseinander.

In den USA kommt Woody Allens neuester Film wegen der - nie bewiesenen - Missbrauchsvorwürfe aus den Neunzigern nicht in die Kinos. Bei dem Interview waren keine Fragen zu den Vorwürfen und rechtlichen Streitigkeiten zugelassen. Auch wenn der Film ziemlich altbacken wirkt: New York sah noch nie so gut aus wie in diesem Film.

Herr Allen, wie geht es Ihnen?
Ich fühle mich immer ängstlich und verletzlich. So war es schon, als ich fünf Jahre alt war, später mit 35 und 55 und auch jetzt mit 83. Wie soll ich mich fühlen? Ich habe das Gefühl, dass ich aus diesem Zimmer hinausgehen und jederzeit tot umfallen könnte, und niemand wäre überrascht. »Na ja, er war 83 Jahre alt, was erwartest du denn?«, wird es dann heißen.

Trotz Ihres Alters drehen Sie weiterhin sehr regelmäßig Filme. Eigentlich jedes Jahr einen neuen. Wie leicht fällt Ihnen das noch?
Ich hatte schon immer Probleme mit meiner Arbeit. Aus meiner Sicht fühlt es sich immer gut an, wenn man gerade schreibt, castet und vorbereitet. Aber wenn man es dann tatsächlich macht und es filmt und dann sieht, was man gemacht hat, dann ist man immer wieder enttäuscht. In deinem Kopf funktioniert alles ideal, aber im wirklichen Leben hast du nicht die Schauplätze, die du brauchst, und nicht das Geld, das du brauchst. Du machst deine eigenen Fehler, du bekommst nicht die Schauspieler, die du willst oder die Requisiten und Spezialeffekte.

Glauben Sie, es wird der Zeitpunkt kommen, an dem Sie sagen: »Ich höre mit dem Filmemachen auf, ich spiele weiter Klarinette, und das war’s?
Wenn ich ein besserer Musiker wäre, könnte ich das tun, aber ich bin ein Amateur­musiker und nicht gut. Ich mache es sehr gerne. Ich bin wie ein Wochenendtennisspieler oder so, aber ich könnte nie im Leben ein professioneller Musiker sein.

Was bedeutet es jetzt in Ihrem Leben, Filme zu machen?
Eigentlich arbeite ich und mache Filme, weil es Leute gibt, die sie finanzieren. Das ist die Wahrheit. Wenn sie morgen zu mir sagen würden: »Wir wollen deine Filme nicht finanzieren«, würde ich sehr gerne für das Theater schreiben und keine Filme machen oder Bücher schreiben. Ich schreibe gern. Also mache ich gerade Filme. Denn wenn jemand vorbeikommt und sagt, er wolle 15 oder 20 Millionen Dollar aufbringen, um einen Film zu machen und ihn zu finanzieren, dann sollte ich das nicht ablehnen. Denn es passiert selten, dass man Geldgeber findet. Das Schwierigste am Filmemachen ist, Geld für einen Film zu beschaffen. Alles andere, bei einem Film Regie zu führen, Drehbuch zu schrei­ben oder in ihm zu spielen – all diese Dinge sind viel einfacher, als das Geld zu beschaffen.

Bekommen Sie das Geld für einen Film heute eher in Europa als in den USA?
Ich nehme es von überall, wo ich es bekommen kann. Ich habe auch Geldgeber in Europa gehabt. Der Unterschied ist, dass ich in den USA zwar Geld bekommen kann, aber sie wollen mehr Mitspracherechte. Sie sagen: »Wir sind keine Banker. Wir wollen wissen, wen Sie casten, wir würden gerne das Drehbuch sehen. Wir wollen nur nicht wie Banker behandelt werden.« In Europa ist es anders. Sie sagen: »Wir sind Banker. Du machst den Film. Wir beschaffen das Geld, es ist eine Investition.«

Das gibt Ihnen mehr Freiheit.
Ja, es bedeutet mehr Freiheit.

Ihr neuer Film »A Rainy Day in New York«, der jetzt in die deutschen Kinos kommt, ist wieder einmal eine romantische Komödie. Da Sie schon häufiger in diesem Genre gedreht haben: Bezeichnen Sie sich selbst als Romantiker?
Ich habe mich immer schon als Romantiker gesehen. Aber man ist nie objektiv gegenüber sich selbst. Man sieht sich selbst auf eine bestimmte Weise, aber die Welt sieht einen oft ganz anders. Ich habe mich als Heranwachsender immer als Romantiker gesehen. Dass ich jetzt nicht mehr in meinen Filmen mitspiele, liegt daran, dass ich zu alt bin, um die romantische Hauptrolle zu spielen. Und wenn ich nicht die Rolle des Romantikers spielen kann, dann habe ich kein Interesse daran, in dem Film mitzuspielen. Andere Leute haben mich immer als komisch und unterhaltsam wahrgenommen, aber ich glaube nicht, dass mich viele als Romantiker gesehen haben. Mir persönlich haben romantische Filme immer viel Spaß gemacht. Ich habe sie gern gemacht und in meiner Jugend auch gern gesehen. Ich habe diese Filme immer gemocht.

In Ihrem Film spielt der Student Gatsby Poker. Haben Sie jemals Poker oder irgendein anderes Spiel gespielt, um sich etwas hinzuzuverdienen?
Ich habe früher Poker gespielt – genau aus diesem Grund. Vor Jahren, als ich nach England kam, habe ich eine Rolle in diesem sehr, sehr schlechten Film bekommen, bevor ich meine eigenen Filme machte: »Casino Royale« – ein katastrophaler Film, und ich war nur ein unbedeutender Schauspieler darin. Ich war unbekannt. Ich hatte noch nie wirklich irgendetwas Wichtiges gemacht. Wir verbrachten viel Zeit in England, und es gab nichts zu tun. Da habe ich Poker gespielt und all die anderen Schauspieler auch. Zu der Zeit wurde auch der Film »Das dreckige Dutzend« gedreht, und John Cassavetes war da und Telly Savalas und Charles Bronson und Lee Marvin. Und dann haben wir jeden Abend Poker gespielt.

Mit Erfolg?
Ich war ein sehr guter Spieler, weil ich keinen Humor hatte. Die anderen haben zum Vergnügen gespielt. Sie haben Spaß gehabt, aber ich habe gespielt, als hinge mein Leben davon ab. Und auf diese Weise habe ich eine große Menge Geld gewonnen. Ich habe fast jeden Abend gewonnen; ich habe beim Spielen viel Geld verdient.

Heute sehen sich weniger Menschen Filme im Kino an. Streaming-Angebote wie Netflix oder Amazon werden immer beliebter. Was halten Sie davon?
Für mich ist das natürlich sehr schade. Denn in meiner Jugend war es eine der großen Freuden im Leben, ins Kino zu gehen: mit deinem Date am Samstagabend, mit deiner Familie am Sonntagnachmittag, die Schule zu schwänzen und stattdessen ins Kino zu gehen. Das Kino war einfach alles. Das ganze Phänomen, mit Menschen in einer Schlange zu stehen, sie zu beobachten und in einem großen, dunklen Raum mit einer großen Leinwand zu sein – das ist ein großartiges Erlebnis. Und jetzt sehe ich, wie meine Töchter mit einem Laptop im Bett sitzen und sich etwas ansehen. Das ist nicht dasselbe. Nun, sie denken, dass das toll ist. Aber für mich ist der langsame Verfall der Kinos eine schreckliche und traurige Sache.

Mit dem Regisseur sprachen Dorothea Finkbeiner, Vivian Chang und Gaby Mahlberg.

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