Kunst

Schöne Öde

Eine verführerische Langeweile macht sich breit. Junge Menschen in gemalten Bühnenbildern, aufgeladen mit dieser jugendlichen Energie, die zwischen existenzieller Wichtigkeit und blanker Lakonie changiert. Die makellose Oberfläche ist Eintritt in den Bildkosmos von Muntean/Rosenblum, der sich auf den ersten Blick so eindeutig lesbar gibt. Bei näherem Herantreten fallen malerische Gesten auf, die den fotorealistischen Großformaten ein »nur scheinbar« voranstellen. Und dann entdeckt man Figuren oder Gegenstände aus dem einen plötzlich im anderen Bild wieder: Die präzise gesetzten Szenerien wirken mehr und mehr generisch.

Das Städel Museum zeigt Mirror of Thoughts, eine Ausstellung mit älteren und ganz aktuellen Bildern von Muntean/Rosenblum. Das Duo arbeitet – ungewöhnlich in der zeitgenössischen Malerei – seit über 30 Jahren gemeinsam. Wie man es schafft, zwei künstlerische Egos so zusammenzubringen, bleibt Geheimnis der beiden. Wie sie überhaupt nicht zu viel preisgeben oder gar erklären: Muntean/Rosenblum steht auch für eine Strategie, die Identität des Künstlergenies abzugeben.

Adi Rosenblum und Markus Muntean gründeten 1992 das Künstlerkollektiv

Markus Muntean wurde 1962 im österreichischen Graz geboren, Adi Rosenblum 1962 im israelischen Haifa. Während des Studiums an der Akademie der bildenden Künste Wien lernen sie sich kennen. 1992 gründen sie Muntean/Rosenblum als Künstlerkollektiv, auch um einen der ersten Offspaces der Stadt zu organisieren. Figurativ haben Adi Rosenblum und Markus Muntean von Anfang an gemalt. Heute, wo die 90er-Jahre noch immer Sehnsuchtsjahrzehnt für eine komplett digital aufgewachsene Generation sind, erscheinen ihre Werke auf eine seltsame Weise tagesaktuell und überzeitlich zugleich.

Man kann diese schöne Öde ungeheuer pathetisch finden – und ist dann gerade dort, wo die Künstlerin, der Künstler hinwollen. Die jugendlich eingefärbte Bedeutungsschwere ist wohl keine identitär gemeinte, sondern künstlerischer modus operandi. Kuratorin Svenja Grosser erkennt darin ein Interesse am Pathos, das sich in Jahrhunderte der Kunstgeschichte einreiht.

Der Titel ist einem mehrzeiligen Zitat entnommen, das Muntean/Rosenblum als Teil der Bilder unter ihre Szenerien schreiben. Auch das lässt ihre Malerei so aktuell wirken: Die Bild-Text-Kombi ist inzwischen ja zum ganz unironischen Unterfangen geworden, an Kunstakademien und im TikTok-Kanal gleichermaßen. Mit dieser Gemeinmachung haben Muntean/Rosenblum allerdings wenig zu tun. Was im Städel nun kalenderspruchartig die Gemälde zu kommentieren scheint, entstammt tatsächlich literarischen Schriften. Die Kürzung von Kontext führt in die Irre, bisweilen an den Rand des Kitsches.

Sehen wir hier also eine Art verlängerte Adoleszenzstörung in Öl und Pastell? Es sind allegorische Figuren, die freilich ausschauen, als seien sie direkt von der Straße weg fürs gemalte Bild gecastet worden. Jung, makellos, auf eine bemerkenswerte Weise ohne besonderen Wiedererkennungswert. Eine Durchschnittlichkeit, wie man sie aus den Werbeblöcken vor zehn bis 20 Jahren kannte (mit überdurchschnittlich hübschen, aber auch nicht zu weit von der Mehrheit abweichenden Darstellern).

Die allegorischen Figuren sind jung, makellos, durchschnittlich.

Die Jugendlichen oder jungen Erwachsenen, die Muntean/Rosenblums Szenerien bespielen, sind Versatzmenschen. Frisuren, Kleidung, Gesichter, Körper zusammengesetzt aus Vorbildern, die das Duo über viele Jahre aus Modemagazinen und Bildern des frühen Internets zu einem Archiv zusammengetragen hat.

Die genaue zeitliche Verortung spielt im Resultat keine Rolle mehr. Allzu spezifische Elemente werden getilgt. Was gefällt, kann öfter vorkommen – wer durch die Ausstellung läuft, wird eine rote Plastiktüte wiederentdecken oder eine junge Frau. Diese Nichtpersonen platziert das Künstlerpaar nun an ausgewiesenen Nichtorten: Flughafenterminal, Hotellobby, Parkhaus, Unterführung, namenloser See, menschenleeres Einkaufszentrum.

Der Transit ist ewig und der Zwischenzustand permanent

Auf den Bildern von Muntean/Rosenblum ist der Transit ewig und der Zwischenzustand permanent. Ihre Pro­tagonisten gehen nirgendwo hin. Sie sind da und sie sind nicht da, hier und dort, anwesend und abwesend im selben Moment. Man kann sich einen Loop dazu vorstellen, einen Kreislauf, in dem ein eng abgesteckter Handlungsradius ausschnitthaft immer und immer wiederholt wird.

Ein paar Schritte laufen, posieren, einkaufen gehen, im Lichtschein des Handybildschirms Kurzinformationen eintippen oder konsumieren, gedankenverloren ins Nichts starren, Muskeln stählen. Und tatsächlich arbeitet das Duo nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im Videoformat, in dem ebensolche Handlungen in Dauerschleife aufgeführt werden.

Man könnte manche Zustandsbeschreibung in der Kunst von Muntean/Rosenblum entdecken: Obwohl die Erregungskurve auf stetig hohem Niveau flackert, passiert ja nicht so viel im Leben der meisten, die der Nachrichten- und Empörungsstrom durchfließt. Aber dann ist diese Deutung vielleicht auch viel zu nah dran. Es tun sich Lücken auf in diesen ultimativen Projektionsfolien, zwischen Abbildung und Malerei, Bild und Text, einem Damals und Jetzt. Und zwischen dem Pathos und seiner ironischen Überhöhung.

Bis zum 1. Dezember im Städel Museum in Frankfurt am Main

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