Gentechnik

Schnitzel aus der Retorte

Panieren muss man sie noch selbst. Foto: Thinkstock

Wie schwierig es selbst für überzeugte Vegetarier oft ist, auf den Geschmack von Fleisch zu verzichten, zeigt ein Blick in die Kühlregale der großen Supermarktketten: Jedes Unternehmen hat mittlerweile eine eigene erfolgreiche Produktlinie, die – oft täuschend ähnlich aussehend und schmeckend – Wurst- und Fleischprodukte aus rein pflanzlichen Zutaten anbietet.

Denn auch Fleisch aus Ökoproduktion hat einen entscheidenden Nachteil: Egal, wie glücklich die Kühe, Schafe, Hühner ihr Leben verbrachten, am Ende müssen sie für den menschlichen Genuss sterben.

Ausgerechnet die von vielen Umweltbewussten verpönte Gentechnik könnte aber dabei helfen, den Traum vom Schlaraffenland, in dem dem Hungrigen der Braten von selbst und vor allem freiwillig in den Mund fliegt, wenigstens ein bisschen wahrer zu machen: Eine junge israelische Firma hat »SuperMeat« entwickelt, künstliches Hühnerfleisch, für dessen Herstellung kein Tier leiden oder gar sterben muss.

Tierschutzbewegung SuperMeat ist durch seine Gründer Koby Barak und Ido Savir in der israelischen Tierschutz- und Veganerbewegung verwurzelt. Savir gehört schon seit mehr als 20 Jahren zur Animal-Rights-Szene, die sich dafür einsetzt, dass Tier- und Menschenrechte weitgehend gleichgestellt werden, und lehnt entsprechend alle tierischen Produkte ab. Beide Männer sind sicher, dass das von ihrem Unternehmen produzierte Hühnerfleisch ein Erfolg wird – und gaben deswegen ihre gut dotierten Jobs in der israelischen Hightech-Branche auf, um SuperMeat zu entwickeln.

Mittels Crowdfunding sollen zunächst 100.000 Dollar gesammelt werden; das Spendensammeln soll jedoch vor allem Investoren auf das Projekt aufmerksam machen. Zudem wurde eine Werbekampagne gestartet, in der israelische Tierschützer, Models und Rabbiner ihrer Begeisterung über »richtiges Fleisch, ohne dass ein Tier zu Schaden kam«, Ausdruck verleihen.

Die zugrundeliegende Technik wurde von Yaakov Nahmias, einem biomedizinischen Ingenieur von der Hebräischen Universität Jerusalem, entwickelt. Hühnern werden dazu vollkommen schmerzfrei einige Zellen entnommen, die anschließend in eine spezielle Maschine gegeben werden, die die Biologie beziehungsweise den Lebenskreislauf des Tieres simuliert, sodass am Ende die Zellen sich selbst zu Fleisch entwickeln.

Nahmias gehört zu den wenigen Fleischessern bei SuperMeat und hat seine ganz eigenen Gründe, warum er künstliches Huhn auf die Teller der Welt bringen möchte: Er liebt zum Beispiel Schnitzel, sagte er gegenüber der »Times of Israel«, »und ich möchte, dass meine Kinder es auch genießen können«, ohne sich Gedanken um die Umwelt und den Tierschutz machen zu müssen.

koscher Ganz neu ist die Idee, mittels Gentechnik Fleisch zu produzieren, nicht. Internationale Wissenschaftler haben schon künstliches Schweine- und Rindfleisch vorgestellt. SuperMeat setzt dagegen auf künstliches Hühnerfleisch, das den großen Vorteil habe, dass keine Religion der Welt den Verzehr von Hähnchen und Hühnchen verbieten würde.

Fleisch von einem Tier, das dafür nicht sein Leben lassen muss, wirft interessante Fragen auf. Wie zum Beispiel diese: Dürfen aus Tierschutzgründen vegetarisch oder vegan lebende Menschen fleischliche Produkte, für deren Herstellung bloß einige Zellen eines Tieres genügen, nicht vielleicht doch essen? Und, natürlich: Ist künstlich hergestelltes Fleisch, für dessen Produktion keine Schächtung erforderlich ist, koscher oder nicht?

Eine klare Antwort gibt es auf die letzte Frage nicht, wie sich schon jetzt zeigt. Koby Barak betont zwar, dass er bereits mit »mehr als zehn Rabbinern gesprochen« habe und alle ihm attestierten, dass das SuperMeat koscheres Fleisch sei, aber ganz so einfach ist die Sache nicht. Die nach der Ermordung von Yitzhak Rabin gegründete zionistische Rabbinergruppe Tzohar deklarierte beispielsweise das mittels Gentechnik hergestellte Hühnerfleisch als »parve«. SuperMeat stelle aus wenigen Zellen etwas ganz Neues her, sagt Rabbiner Dov Lior, und diese Novität könne nicht als »fleischig« gelten.

umweltschutz Yisrael Rosen vom Zomet-Institut, das Technik und Halacha in Einklang zu bringen versucht, ist dagegen sicher: »SuperMeat ist Fleisch.« Deswegen werde der Produktionsprozess auch von Rabbinern überwacht werden müssen.

Yuval Cherlow, einer der Gründer von Tzohar, erwartet ausgiebige Diskussionen unter den israelischen Rabbinern und verweist darauf, dass besonders ein Aspekt des künstlichen Hühnerfleischs ganz wichtig sei: Es könnte dazu beitragen, Hungerkatastrophen zu beenden und zudem Umweltschäden, die an vielen Orten durch Massentierhaltung entstehen, verhindern.

Die Orthodox Union (OU) hat sich dagegen noch nicht mit dem Thema beschäftigt, ihr Urteil wird aber wichtig sein, weil die in New York ansässige Organisation eines der Zertifikate vergibt, die weltweit auf Lebensmittelpackungen anzeigen, ob ein Produkt koscher ist und als fleischig, milchig oder parve gilt.

Rabbiner Moshe Elefant, Chef der Kaschrut-Abteilung der OU, erklärte allerdings schon, dass er nach dem, was er bisher über SuperMeat und ähnliche Entwicklungen gehört habe, eher davon ausgehe, dass es sich um richtiges Fleisch handele. Man werde bei der endgültigen Beurteilung, so betonte er, strikt nach der Halacha entscheiden. »Wir sind natürlich sehr für Umwelt- und Tierschutz, aber für uns kommen die jüdischen Vorschriften immer an erster Stelle.«

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