Antisemitismus

Schlechtes Zeugnis für deutsche Schulen

Musikalisch und politisch engagiert: Ben Salomo Foto: Thomas Koehler/photothek.net

Antisemitismus

Schlechtes Zeugnis für deutsche Schulen

Rapper Ben Salomo schreibt über seine Erfahrungen mit judenfeindlichen Einstellungen im Bildungsbereich

von Eva M. Grünewald  04.12.2025 16:38 Uhr

Der »erschreckte Blick« bei Schülern, die erstmals einem Juden begegnen. Eine Lehrerin, die empathielos zwei Tage nach den Massakern der Hamas Benjamin Netanjahu dafür verantwortlich macht. Lehrer, die dem israelischen Existenzrecht ein »Aber« folgen lassen. Oder Schulleitungen, die nicht wissen, ob es an ihrer Schule jüdische Schüler gibt, die sich aus Angst nicht zu erkennen geben – das sind nur einige der Erfahrungen, die Ben Salomo bei seinen Auftritten in Schulen hierzulande machen musste. Davon und von noch viel mehr Antisemitismus und Israel-Hass erzählt der Rapper in seinem neuen Buch Sechs Millionen, wer bietet mehr?

Ben Salomo verknüpft darin episodische Erzählungen aus seiner eigenen Biografie mit Erlebnissen an Schulen sowie Fakten zu den Themen Antisemitismus und Nahostkonflikt. Er selbst war im Alter von vier Jahren mit seiner Familie aus Israel nach Berlin gezogen, wo er mit elf Jahren zum ersten Mal mit Judenfeindschaft konfrontiert wurde.

Antisemitismus, Hass auf Israel und Homophobie

In der Schulzeit und später als Künstler erlebte er ebenfalls zahlreiche Angriffe, nicht zuletzt innerhalb des Kulturbetriebs, vor allem aber in der Rap-Szene. Dort würden Antisemitismus, der Hass auf Israel und Homophobie quasi zum guten Ton gehören, die »Gewalt als Mittel von Stärke und Männlichkeit« sei allgegenwärtig.

Seine Erlebnisse an Schulen können erschüttern – nicht zuletzt deshalb, weil Einladungen an ihn oft mit der wohlmeinenden Absicht erfolgt sind, über den Antisemitismus aufzuklären. Egal, ob Gymnasium oder Realschule, unter den meist »judenfreien« Lernenden und Lehrenden zeige sich ein wenig informiertes Israelbild.

Linker Judenhass werde geleugnet, Kritik am islamistischen Antisemitismus dagegen oft reflexartig als »antimuslimischer Rassismus« gebrandmarkt und dieser immer wieder als »vermeintliches Ausgleichsgewicht« bei entsprechenden Vorwürfen oder Vorfällen argumentativ in Stellung gebracht. Die mögliche Anwesenheit jüdischer Schüler werde selbst bei Exkursionen zu KZ-Gedächtnisstätten entweder nicht mitgedacht oder sogar als störend empfunden.

Kufiya als Dresscode

Dem größten Hass begegnete Ben Salomo bei Veranstaltungen mit muslimischen, aber auch bei »biografiedeutschen, linken« Kufiya tragenden Schülern. Gerade Letzteres ist für ihn ein Problem – schließlich trugen nicht wenige der Hamas-Mörder am 7. Oktober 2023 ein solches Stück Stoff, weshalb es für ihn zum terroristischen Dresscode gehört. Deshalb insistiert Ben Salomo darauf, dass es bei seinen Vorträgen abgelegt wird. Dies sei oft nicht leicht durchzusetzen, denn die historische Bedeutung des sogenannten PLO-Tuchs kenne ohnehin kaum jemand.

Selbst an UNESCO-Projektschulen, die sich der Förderung von Frieden und Diversität verschrieben haben, sei die einseitig israelfeindliche Haltung der Vereinten Nationen und die problematische Rolle der UNRWA-Schulen unbekannt. Lehrer reagierten fassungslos, wenn er bei Fortbildungen auf UN-finanzierte palästinensische Schulbücher verweise, die Judenhass propagierten.

Ben Salomos ernüchternde Analyse bleibt nicht auf Schulen beschränkt, sondern bezieht Medien und soziale Netzwerke mit ein. Sein Fazit zeigt sich in sieben Forderungen an Schulen und Gesellschaft: Zunächst müsse die IHRA-Antisemitismusdefinition nicht nur gelten, sondern besser bekannt sein. Auch sollten mehr Kenntnisse zur Geschichte Deutschlands und des Nahen Ostens vermittelt werden. Entsprechende Lehrerfortbildungen müssten verpflichtend sein.

Weiterhin wünscht sich Salomo Medienkompetenzkonzepte, die endlich den Antisemitismus berücksichtigen. Zudem wäre es an der Zeit, dass der Schulbetrieb den eigenen Antisemitismus zu reflektieren beginne. Schließlich solle man Begegnungen mit Israel schaffen, und zwar ganz reale mit israelischen Schülern und Lehrern.

Keine kleine Aufgabe, doch ein Hof­f­nungsschimmer: Ben Salomo erklärt sich bereit, sie zu unterstützen.

Ben Salomo: »Sechs Millionen, wer bietet mehr? Judenhass an deutschen Schulen«. Jüdischer Verlag, Berlin 2025, 170 S., 18 €

Justiz

Schweizer Comedian Hamza Raya wegen Rassismus angezeigt

Ein muslimischer Comedian und ein jüdischer Gastronom loten die Grenzen der Satire aus. Nun droht dem einen von beiden eine juristische Auseinandersetzung

von Nicole Dreyfus  15.07.2026

Programm

100 Synagogen, zwei Chemnitzer und ein Eis am Stiel: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 16. Juli bis zum 23. Juli

 15.07.2026

David Baddiel

»Inzwischen kann man Messi in den Griff bekommen«

Der britische Autor über das Halbfinale England vs Argentinien, seinen legendären Fußball-Song »Three Lions« und warum er immer noch glaubt, dass England gegen Argentinien gewinnen wird

von Katrin Richter  15.07.2026

Interview

»Musik ist meine Heimat«

Die Sängerin Anna Margolina über Jazz, jiddische Lyrik und ihr Judentum

von Alicia Rust  14.07.2026

Medien

Wechsel im ARD-Studio Tel Aviv: Sophie von der Tann wird abgelöst

Während der BR seine Korrespondentin in höchsten Tönen lobt, wurde extern immer wieder heftige Kritik geübt. Von der Tanns Nachfolgerin in Israel ist Pia-Marie Steckelbach

 14.07.2026

Kommentar

Wenn Studenten wieder anfangen, Juden auszugrenzen

Es sind Beschlüsse wie der Boykott-Beschluss des Studierendenparlaments der Humboldt-Uni, bei denen man sich unwillkürlich fragt, ob die zukünftige sogenannte deutsche Bildungselite noch zu retten ist

von Leeor Engländer  14.07.2026

München

Bayerns 180-Grad-Restitutionswende

Der Freistaat hat sich entschieden, eine Bronze von Picasso zurückzugeben und dabei gleich seinen Umgang mit NS-Raubkunst zu reformieren

von Michael Thaidigsmann  14.07.2026

London

Sacha Baron Cohen als »Ali G« in Wimbledon

Der britische Komiker und Schauspieler hat viele Gesichter. Eine Kunstfigur erscheint plötzlich beim Tennis

 14.07.2026

Sehen!

»In the Hand of Dante«

Die Handlung springt zwischen den Jahrhunderten hin und her. Trotzdem ist der Film mit Gal Gadot und Oscar Isaac ein gelungenes Werk

von Katrin Richter  13.07.2026 Aktualisiert