Rezension

»Schlaraffenland abgebrannt«

Der Publizist Michel Friedman Foto: picture alliance/dpa

Michel Friedmans 2022 erschienenes autobiografisches Buch Fremd konnte für sich selbst stehen, als Zeugnis einer Persönlichkeit, deren Leben von der Tatsache bestimmt ist, Kind von Überlebenden des Holocaust zu sein. Friedmans jüngstes Buch Schlaraffenland abgebrannt hingegen reiht sich ein in die zahlreichen Wortmeldungen zur gegenwärtigen Krise Deutschlands. Vermag es uns originelle Einsichten in diese Krise zu verschaffen?

Leider nein. Friedmans Buch lässt sich mit einem etwas zu lang geratenen Monolog in einer Talkshow-Sendung vergleichen, dessen Aufregungspotenzial aber allzu schnell verpufft. Dass Friedman »Migrantenkind« ist, Nachkomme von Holocaust-Überlebenden, führt ihn nicht, wie in Fremd, zu einer ganz besonderen Sichtweise auf die deutsche Gegenwart.

Blendet man diesen Aspekt aus, funktioniert der Hauptteil des Textes weiterhin. Seine Darstellungen deutscher Wirklichkeit überraschen nicht durch Einsichten, die zum Nachdenken anregen. Friedman gesteht ein, dass er niemandem »ein schlechtes noch ein gutes Gewissen« mit seinem Buch machen möchte. Vielmehr will er den »Grundgedanken« vermitteln, dass der Mensch sich ändern, dass er verfehlte Wege abbrechen kann, um »sich auf den Weg (zu) machen für eine humane, humanistische Gesellschaft«.

Bewusstsein für eine veränderte Lebenshaltung

Friedmans Buch ist kein Pamphlet. Es will niemanden denunzieren oder bloßstellen, sondern eher das Bewusstsein für eine veränderte Lebenshaltung wecken. Darin ist ihm zuzustimmen. Gelegentlich übertreibt Friedman jedoch seine Darstellung des »Wattelandes« oder »Illusionslandes« Deutschland. Dazu ist dieses Land, das Friedman »unser Land« nennt, viel zu erfolgreich.

Wenn er jedoch fragt: »Ist es, wenn eine Partei des Hasses an die Regierung kommt, nicht schon zu spät zu gehen?«, kommen Zweifel auf, ob er es mit Deutschland ernst meint. Sicherlich begegnen Michel Friedman in seinem Alltagsleben vorwiegend Menschen, die guten Willens sind und denen man vertrauen kann. Sind das nicht die Menschen, die er am besten kennt?

Viele Defizite, die er anführt, kennt er hingegen nur aus zweiter Hand, vor allem aus den Medien. »Schlaraffenland« mag zwar abgebrannt sein, »unser Land« hat aber noch sehr viel mehr zu bieten.

Michel Friedman: »Schlaraffenland abgebrannt. Von der Angst vor einer Neuen Zeit«. Berlin Verlag, Berlin 2023, 224 S., 24 €

Aufgegabelt

»Back to school«-Müsliriegel mit Tahini

Rezepte und Leckeres

 31.08.2026

Tournee

Graham Gouldmans Band 10cc kommt nach Deutschland

In diesem Monat erobert die legendäre britische Gruppe fünf Bühnen in der Bundesrepublik. In welchen Städten sind Auftritte vorgesehen?

 31.08.2026

Debatte

Börsenverein des Deutschen Buchhandels hält an Jurorin El Hissy fest

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels weist Vorwürfe gegen die Jurorin Maha El Hissy zurück. Hintergrund ist eine Essayserie der Autorin, wegen der ihr die Verbreitung israelfeindlicher Stereotype vorgeworfen wurde

 31.08.2026

Interview

»Meine Musik soll Herzen öffnen«

Motty Steinmetz ist in der orthodoxen Welt ein Superstar. Sein Großvater überlebte Auschwitz, nun tritt er zum ersten Mal in Deutschland auf. Wir haben mit dem chassidischen Sänger gesprochen

von Jan Feldmann, Mascha Malburg  31.08.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Es war der Sommer 1987, und fast immer sah ich »Dirty Dancing«

von Margalit Edelstein  30.08.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  30.08.2026

Hessen

Antisemitismusbeauftragter kritisiert Berufung von Maha El Hissy in Jury des Deutschen Buchpreises

Uwe Becker charakterisiert die Literaturkritikerin als »Multiplikatorin israelfeindlicher Stereotype« und hofft auf ihre Abberufung

 30.08.2026

70 Jahre »Bravo«

Dr. Sommers Vermächtnis

Von 1969 bis 1984 war der Arzt Martin Goldstein »Dr. Sommer«, einer der wohl berühmtesten Ratgeber, den der deutsche Journalismus je hatte

von Hanna Persson  28.08.2026

Musik

Abschied von Berlin

Sharon Brauner über ihr neues Lied » Kind dieser Stadt« und warum die Urberlinerin ihre Heimat verlassen will

von Jan Feldmann  28.08.2026