Operette

Schillerndes Statement gegen den düsteren Geist der Zeit

Die Operette der Operetten: Szene aus Barrie Koskys »Fledermaus« Foto: Hoesl / Bayerische Staatsoper

Wenn Kosky draufsteht, ist auch Kosky drin. Als Regisseur ein Sowohl-als-auch-Könner, der die große Show liebt und einen Blick in die Abgründe der menschlichen Natur bietet. Ein Musterbeispiel, wie man das gleichzeitig hinbekommt, lieferte er, der gern auf seine jüdischen Wurzeln verweist, ausgerechnet in Bayreuth mit seinen Meistersingern. Selten so gelacht. Selten so gegruselt. Als Intendant der Komischen Oper in Berlin hat der Aus­tralier die Berliner Operette wachgeküsst. Das waren durchweg Verbeugungen mit einem Lächeln und ohne ausgestreckten Zeigefinger.

Nun endlich mit der Fledermaus von Johann Strauss auch die Operette der Operetten! Das Meisterwerk, das seit der Uraufführung 1874 immer noch zündet, schon wegen der unverschämt treffsicheren Musik. Zudem ist die Sprechrolle des Gefängniswärters Frosch der Spalt im Stück, durch den der Zeitgeist ganz direkt hereinwehen kann.

Rumblödelei und Einstiegs-Sliwowitzelei

Hier weicht Kosky von der gängigen Rumblödelei ab und macht aus einem Frosch ein halbes Dutzend. Die Einstiegs-Sliwowitzelei wird durch eine perfekte Stepptanz-Performance von Frosch Nr. 1 ersetzt. Die übrigen treten synchron auf, überlassen aber dann Gefängnisdirektor Frank das Feld. Martin Winkler fasziniert mit einem bizarren, hochhackigen Auftritt im silbernen Paillettenslip.

Dass es bei Kosky auf dem Ball des Prinzen Orlofsky hoch her und quer beziehungsweise queer zu allen Genderklischees zugehen würde, war zu erwarten.

Zur Ouvertüre beginnt die Geschichte als Albtraum Gabriel von Eisensteins, im Bett vor einem halben Dutzend beweglicher Wiener Haus-Fassaden. Im Dutzend umflattern (von Otto Pichler bestens choreografierte) Fledermäuse den Aristokraten und rauben ihm den Schlaf. Offensichtlich fand zumindest dessen Unterbewusstsein die Art, wie er seinen Freund Falke (demonstrativ seriös: Markus Brück) der Lächerlichkeit preisgegeben hatte, wohl doch nicht so harmlos.

Kosky bleibt – für seine Verhältnisse fast schon brav – bei der Geschichte, zieht dabei die Register seiner Personenregie und kitzelt aus allen Protagonisten die Lust am Komödiantischen heraus. Beim Straßenschild »Judenplatz« kann man sich etwas denken oder auch nicht.

Fassaden der Wiener Häuser und bürgerliche Ehe

Dass die Fassaden der Wiener Häuser und der bürgerlichen Ehe brüchig sind, in der utopischen Verbrüderungsstimmung des zweiten Aktes heruntergerissen werden und einer grell überzeichneten Utopie weichen, zu der sich eine ganze Batterie funkelnder Kronleuchter herabsenkt, und dass dann die Gerüste für die Gefängnisanmutung im dritten Akt dienen, das ist Kosky und seiner Bühnenbildnerin Rebecca Ringst Interpretation genug.

Ehepaar Eisenstein ist mit Georg Nigl und Diana Damrau hochkarätig besetzt. Vor allem der Wiener Nigl überzeugt in jeder Hinsicht restlos. Diana Damrau glänzt mit ihrer Höhenleichtigkeit und ihrem deftigen Selbstbewusstsein als Rosalinde, kommt aber stimmlich an Grenzen.
Dass es bei Kosky auf dem Ball des Prinzen Orlofsky hoch her und quer beziehungsweise queer zu allen Genderklischees zugehen würde, war zu erwarten.

Klaus Bruns greift mit seinen Kostümen tief in alle Federboa-, Glamour- und Paillettenkisten. Counter Andrew Watts trumpft als Orlofsky nicht nur kraftvoll auf, sondern hat allerhand zu tun, um seine Dragqueen-Aufmachung zu präsentieren. Kosky verschont das Publikum mit den üblich gewordenen modischen Rockeinlagen.

Stattdessen lässt es Vladimir Jurowski zur eingefügten Polka »Unter Donner und Blitz« dann auch einmal richtig krachen, während er sonst aufs Einschmeicheln aus ist und sich dafür in ganz eigene Tempi fallen lässt. Im fabelhaften und durchweg spielfreudigen Ensemble glänzt besonders Katharina Konradi als Adele.

Dass am Ende nur der Champagner schuld gewesen sein soll, wenn alle in der optischen Kälte des Gefängnisses zurückbleiben, glaubt Kosky dem Stück nicht so ganz. So wie man als Zuschauer der Versöhnungs-Umarmung von Rosalinde und Gabriel nicht glauben muss. Das Publikum bejubelte aber einhellig ein schillerndes Statement gegen den düsteren Geist der Zeit.

Eine Aufzeichnung der Inszenierung ist bis Ende Januar in der ARTE-Mediathek zu sehen. Weitere Aufführungen in München gibt es am 5., 7. und 10. Januar.

Berlin

Tricia Tuttle pocht auf Unabhängigkeit der Berlinale

Die Festival-Intendantin bleibt - und hat Empfehlungen für die weitere Arbeit des Filmfestivals auf den Weg bekommen. Wie schaut sie darauf?

 06.03.2026

Erfurt

Jüdisch-Israelische Kulturtage in Thüringen eröffnet

Die diesjährigen Jüdisch-Israelischen Kulturtage bringen israelische Kultur nach Thüringen und setzen mit Konzerten, Lesungen und Debatten ein Zeichen gegen Antisemitismus. Die Eröffnung stand im Zeichen der aktuellen Kämpfe im Nahen Osten

 06.03.2026

Forschungsprojekt

Hochschule für Jüdische Studien will Schüler handlungsfähig machen

Antisemitischer Hass ist im Netz allgegenwärtig. Ein neues Projekt erforscht jetzt linken Judenhass - und befähigt Schüler, der Hetze entgegenzutreten. Entscheidend dabei: Medienkompetenz und historisches Wissen

von Volker Hasenauer  06.03.2026

Medien

»Unverhohlen antisemitisch«: Scharfe Kritik an »taz«-Kommentar zu Josef Schuster

Eine Redakteurin der linken Tageszeitung schreibt, der Zentralratspräsident solle zum Irankrieg »einfach mal die Klappe halten«. Vertreter der jüdischen Gemeinschaft reagieren mit schweren Vorwürfen

von Joshua Schultheis  06.03.2026

Tel Aviv

»Michelle«: Israel stellt seinen Eurovision-Song 2026 vor

Das von Noam Bettan gesungene Lied kann man nun auch hören

 06.03.2026

8. März

Zurück an den Herd? Kommt nicht infrage!

Femizide erreichen Rekordzahlen, narzisstische Männer regieren die Welt. Liebe Frauen, steht dagegen auf, anstatt euch ins Privatleben zurückzuziehen! Ein Appell von Adriana Altaras

von Adriana Altaras  06.03.2026

Interview

»Der Kampf gegen Antisemitismus ist nicht die Aufgabe jüdischer Filme«

In Potsdam wurde das deutschlandweit erste universitäre Zentrum für jüdischen Film gegründet. Ein Gespräch mit der Leiterin Lea Wohl von Haselberg über schwierige Definitionen, kommende Projekte und eine zunehmend polarisierte Debatte

von Joshua Schultheis  05.03.2026

Berlin

»Nicht länger tragbar«: Rauswurf von Berlinale-Chefin Tricia Tuttle gefordert

»Das internationale Filmfestival in Berlin hat sich in den letzten drei Jahren in ein Antisemitismus-Festival verwandelt«, heißt es in einer Petition. Diese fordert zwei bestimmte Konsequenzen

 05.03.2026 Aktualisiert

Zahl der Woche

8,90 Euro

Funfacts & Wissenswertes

 05.03.2026