Buch

Sammelwut und Seitensprünge

Schauspielerin, Regisseurin und jetzt Autorin: Adriana Altaras Foto: imago

Um es gleich vorwegzunehmen: Adriana Altaras’ Titos Brille ist ein großartiges, ein ganz und gar außergewöhnliches Buch. Als hätte die in Zagreb geborene Schauspielerin und Regisseurin nie etwas anderes getan als zu schreiben, verwebt sie gekonnt all jene Elemente, aus denen sich große Literatur zusammensetzt, zu einer faszinierenden Familiengeschichte, die ihre Spuren quer durch Europa und das bewegte 20. Jahrhundert zieht. Doch der Reihe nach.

unorthodox Adriana Altaras führt ein ganz normales chaotisches und unorthodoxes Leben in Berlin. Sie ist Mutter von zwei fußballbegeisterten Söhnen und Ehefrau eines ebenso blonden wie westfälischen Ehemanns, der ihre jüdischen Neurosen mal mehr und mal weniger gelassen erträgt. Zudem ist sie die gute Freundin eines stets mit sich und der Welt hadernden prominenten jüdischen Freundes, der alle paar Monate verkündet, von Deutschland die Nase voll zu haben und auswandern zu wollen.

Auch sie selbst reibt sich immer wieder an der Bundesrepublik. So wurde sie als Schauspielerin wegen ihres südländischen Aussehens überwiegend auf die Rolle der Putzfrau reduziert, woraufhin sie resigniert, doch konsequent ins Regiefach wechselte. »Es war mir lieber zu besetzen, als besetzt zu werden – siehe Polen.« Eine ge- wöhnliche jüdisch-deutsche Biografie der Gegenwart eben.

memorabilia Dann jedoch sterben innerhalb von kurzer Zeit Altaras’ Vater und Mutter. Sie erbt die elterliche Wohnung und stellt bald fest, dass dort seit über 40 Jahren nicht mehr ausgemistet wurde. Weder ihr Vater Jakob noch ihre Mutter Thea hatten jemals etwas weggeworfen. Die beiden kroatischen Tito-Partisanen, die den Lagern der Nazis entkamen, versuchten, mit ihrer Sammelwut gegen das Vergessen der Schoa-Opfer und die Vergänglichkeit des Lebens anzukämpfen.

Die Mutter etwa hatte sich nach ihrer Internierung in einem Lager der deutsch-italienischen Besatzung Jugoslawiens geschworen, »nie mehr jüdisch zu sein«. Gleichwohl fuhr die frühpensionierte Architektin nach ihrer Ankunft in Deutschland jahrelang durch hessische Dörfer, um Spuren des Landjudentums zu sammeln. »Sie suchte nach den verlorenen Menschen, nach dem verlorenen Leben, als sei sie wieder zur Sommerfrische auf dem Land. Sie hat alles gesammelt. Sie wusste alles. Vielleicht hat sie es nie geliebt, aber gekannt hat sie es.«

Nach dem Tod der Eltern kämpft sich die Tochter fassungslos durch kuriose Hinterlassenschaften, Quittungen, uralte Fotos und bewegende Briefe. Ist der Verlust von Vater und Mutter für sich genommen schon eine Grenzerfahrung, die viele Menschen für Jahre, zuweilen auch ein Leben lang, aus der Bahn wirft, entdeckt Altaras in den Dokumenten ihrer Eltern zu allem Überfluss Zeugnisse, die die wahre Familiengeschichte ans Licht bringen.

flunkereien Dabei waren ihr Familiengeheimnisse immer ein Gräuel – nicht wissend, dass sie das gesamte Leben von ihnen umgeben gewesen war. Nach kurzer Zeit stellt sich heraus, dass ihr Vater es mit der ehelichen Treue nicht allzu genau nahm. Nach seinem Tod melden sich zur Überraschung der Tochter mehrere seiner Geliebten bei ihr. Schnell wird auch klar, dass seine Heldengeschichte wonach er die Brille des jugoslawischen Staatschefs Josip Broz Tito repariert hatte, mehr Fiktion als Wirklichkeit war. Auch mit dieser Konfrontation muss die Tochter lernen umzugehen.

All das erzählt Altaras in einem lakonischen, ja stellenweise fast heiteren Ton. Sie hat merklich Spaß daran, sich und ihre verrückte jüdische Familie auf liebenswerte, gleichwohl schonungslose Art und Weise zu beschreiben. Dabei kommt Altaras ohne Pathos oder Gefühlskitsch aus. In ihrem Buch menschelt es auf jeder Seite. Ihr Vater ist eben nicht nur liebevoller Ehemann, sondern auch ein grandioser Womanizer, der es versteht, mehrere Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten.

Angesichts dieses beachtlichen Debüts kann sich die Schauspielerin und Theatermacherin Adriana Altaras von nun an mit Fug und Recht auch als Autorin bezeichnen. Mit Titos Brille hat sie dem Genre der jüdischen Familiengeschichte eine gänzlich neue, reizvolle Spielart hinzugefügt, die auf jeder Seite durch ihre humorvoll-ehrliche Art besticht.

Adriana Altaras: Titos Brille. Die Geschichte meiner strapaziösen Familie. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011, 272 S., 18,95 €

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