Sprachgeschichte(n)

Rutsch, Rosch und Rausch

Warum ein Rutsch-Wunsch zum Jahreswechsel? Foto: Thinkstock

Am 31. Dezember wünscht man sich in den deutschsprachigen Ländern zum Neuen Jahr einen »Guten Rutsch«.

Entstanden dürfte die Redewendung um 1900 sein. Hans Weigel schrieb in seinen Leiden der jungen Wörter (1974): »Schiller hat Goethe keinen guten Rutsch gewünscht, Liszt hat Wagner keinen guten Rutsch gewünscht, auch in den Briefen Rilkes an seine Freifrauen, Gräfinnen und Fürstinnen fehlt jede Andeutung des glückhaften Rutschens in die neuen Jahre.«

Jargon Warum dann ein Rutsch-Wunsch zum Jahreswechsel? Siegmund A. Wolf meint im Wörterbuch des Rotwelschen (1956), »das sonst sinnlose guten Rutsch!« sei ein entstelltes Rosch Haschana. Auch Andreas Nachama schreibt in seinem Jiddisch im Berliner Jargon (1994), es sei »der gute Rutsch wohl eher als der gute Rosch des Jahres, der Neujahrsanfang, zu verstehen«.

Ähnliches liest man in Heidi Sterns Wörterbuch zum jiddischen Lehnwortschatz (2000), Leo Rostens Jiddisch-Enzyklopädie (2002), Alfred Klepschs Westjiddischem Wörterbuch (2004), Bertelsmanns Wörterbuch der deutschen Sprache (2004) und Petr Šubrts Arbeit zum Wiener Dialekt (2010).

Doch Zweifel sind angebracht. Das in Deutschland gebräuchliche Westjiddische kannte das jüdische Neujahrsfest im Gegensatz zum hochsprachlichen sefardischen »Rosch Haschana« als »Rausch haschono/-ne« oder als »Rauschaschone/- Rauschscheschone«. Werner Weinberg zitiert im Lexikon zum religiösen Wortschatz und Brauchtum der deutschen Juden (1994) den Stoßseufzer: »Ich muss noch meine ganze rausch-ha-schono-Post erledigen.« Einen »Guten Rausch« wünscht man sich zum Neuen Jahr aber nicht – obwohl es wunderschön passen würde.

Etymologie
Gegen die »Rosch-Rutsch«-Etymologie spricht auch, dass Rosch Haschana, im Gegensatz zu vielen anderen jüdischen Begriffen, nicht in die deutsche Alltagssprache eingegangen ist. »Ich gratulier’ der zer Rescheschone« war allein in Frankfurt am Main zu hören. Ansonsten war das Wort bei der nichtjüdischen deutschen Bevölkerung nur passiv bekannt, wie Hans Peter Althaus in Chuzpe, Schmus und Tacheles (2004) betont.

Auch Walter Röll und Simon Neuberg bestreiten in den Jiddistik-Mitteilungen 2002 den Zusammenhang von »Rosch« und »Rutsch« aus phonologischen und historischen Gründen. Sie verweisen unter anderem auf Neujahrskarten aus dem Kaiserreich, auf denen das Rutschen auf Skiern metaphorisch für das Hinübergleiten ins Neue Jahr steht.

Gegen solche Überlegungen hatte Hans Weigel einst in einer rigorosen semantischen Verbanalyse eingewandt, das Rutschen bezeichne einen gleitenden Übergang, doch der Jahreswechsel vollziehe sich übergangslos: »Die Gesinnung des Wünschenden angesichts des Jahreswechsels ist ja nicht derart, dass nur ein guter Übertritt gewünscht wird, dass die Wirksamkeit des Wunsches schon nach wenigen Sekunden erschöpft ist. Man wünscht ein komplettes gutes Jahr über den Beginn hinaus.« Der Rutsch-Wunsch sei abwegig, »die teuflische Ausgeburt extremer gedankenloser Sprachbarbarei!«.

Grimm Dabei übersah Weigel allerdings den Hinweis im Grimmschen Wörterbuch, dass Rutsch »in derber Übertragung für Reise« stehen kann. Auch Hermann Frischbier nennt in seinen Preußischen Sprichwörtern und sprichwörtlichen Redensarten (1865) als »scherzhaften Wunsch zur Reise« die Formel »Glöckliche Rutsch ön e Paar Parêsken (Bastschuhe) op e Weg«.

Da es im Deutschen durchaus üblich ist, über Zeitbeziehungen und -abläufe mit räumlichen Begriffen zu sprechen, ist nicht auszuschließen, schlussfolgert deshalb Anatol Stefanowitsch im Bremer Sprachblog (2008), »dass eine Redewendung, die eigentlich gute Reise bedeutet, auf einen glücklichen Wechsel in ein neues Kalenderjahr angewendet wird«.

Seien Sie bitte nicht allzu enttäuscht. Bei der Fülle deutscher Wörter jüdischer Herkunft kann man den Verlust des »Guten Rutschs« verschmerzen. Ich wünsche Ihnen deshalb schlicht ein gutes neues Jahr.

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