Sprachgeschichte(n)

Red’ kein Kohl

Verbreiteter Irrtum: Mit Gemüse hat der Kohl, den manche Leute reden, nichts zu tun. Foto: Thinkstock

Sprachgeschichte(n)

Red’ kein Kohl

Wie aus dem hebräischen Traum der deutsche Unsinn wurde

von Christoph Gutknecht  10.09.2013 09:45 Uhr

Über wirres Zeug, das jemand redet, heißt es oft: »Das ist doch alles Kohl!« Man liest es in renommierten Blättern und hört es auf der Bühne, wie in My Fair Lady, wo Eliza Doolittle singt: »Red’ keinen Kohl, denn ich fühl’ mich sauwohl.« Auch Karl Marx verwendete den Begriff 1845 in seiner Polemik Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik: »Es ist nichts leichter, als hinter das Geheimnis des Standpunktes zu kommen, wenn man das allgemeine Geheimnis der kritischen Kritik, alten, spekulativen Kohl neu aufzuwärmen, durchschaut hat.«

Dieser Kohl ist für Duden-Online »umgangssprachlich abwertend«, für Kluge-Seebolds Etymologisches Wörterbuch von 2002 wie das Verb »verkohlen« (für veralbern) sogar »vulgär«. »Salopp« wäre treffender, denkt man an Dieter Hildebrandts Aussage in der Süddeutschen Zeitung: »Frau Merkel wird vielleicht in der Lage sein, uns zu verkohlen. Aber sie selbst hat sich nicht verkohlen lassen.« Und Die Welt witzelte neulich: »Binnenländer zu verkohlen ist für Lüüd van de Waterkant ein unversiegbarer Freudenquell.«

übertreiben Heidi Stern zählt im Wörterbuch zum jiddischen Lehnwortschatz in den deutschen Dialekten (2000) »kohlen« im Sinne von »aufschneidend oder übertreibend von etwas erzählen« zum Standardwortschatz und führt aus dem Rheinischen Begriffe an wie die »Kohlerin« (Lügnerin) neben dem »Kohlhannes«, »Kohlmeier« oder »Kohlpeter« (alle für Schwindler). Laut Louis Günther (Deutsche Gaunersprache, 1919) tauchte »Kohl« für Unsinn schon 1790 bei Studenten auf. Im Wörterverzeichnis, das Karl Ernst, ein wandernder Bäcker aus dem Mittelbadischen, seinem Werk Aus dem Leben eines Handwerksburschen (1921) beifügte, findet sich neben Kohl (für Unsinn, Spaß) auch das Verb »kohlreißen« (anschwindeln). Schon das Pfullendorfer Jaunerwörterbuch (1820) enthielt Belege für »(an-) kohlen« (anlügen).

Die Herkunft des »Kohls« ist umstritten. Mit Gemüse jedenfalls hat er nichts zu tun. Wolfgang Pfeifer vertritt im Etymologischen Lexikon des Deutschen (1993), die Gleichsetzung sei im 18. Jahrhundert aus dem jiddischen »chaulem/cholem« für unnützes, wertloses, sinnloses Zeug (nach dem hebräischen »halom« für Traum) entstanden. Alternativ bietet er als Quelle das hebräische Wort »qol« (Stimme) an. Ähnlich hatte schon Erich Bischoffs Jüdisch-deutscher und deutsch-jüdischer Dolmetscher (1916) die gauner- bzw. kunden- sprachlichen Wörter »kol« (unnützes Gerede) und »verkohlen« (jemandem etwas weismachen) auf diese Wurzel zurückgeführt.

zigeuner Siegfried A. Wolf optierte dagegen im Wörterbuch des Rotwelschen (1985) für die Abkunft vom zigeunersprachlichen »kalo« (schwarz), da auch das rotwelsche Wort »schwarz« den Tenor des Lügnerischen aufweise. Für Alfred Klepsch (Westjiddisches Wörterbuch, 2004) könnte die Analogie von »lügen« und »Kohle« durch Brauchtum gestützt sein, etwa die Feier des Niederfalls, also des Ernteendes, während der man Leute zum Nachbarn schickte, um fiktive Werkzeuge zu holen. »Die Nachbarn waren eingeweiht, gaben dem Boten einen Sack mit Steinen o.ä. und beschmierten ihm so, dass er es nicht merkte, das Gesicht mit Kohlenstaub. Bei den Juden gab es, etwa zur gleichen Jahreszeit, einen ganz ähnlichen Brauch: Im Rahmen der Feiern zum Laubhüttenfest ließ man die nicht existente ›Siggesschere holen‹.«

Musik

Abschied von Berlin

Sharon Brauner über ihr neues Lied » Kind dieser Stadt« und warum die Urberlinerin ihre Heimat verlassen will.

von Jan Feldmann  28.08.2026

Musik

Tagebuch in Tönen

In seiner Biografie »Idylle und Vertreibung« über Robert Kahn erinnert Reinhard Wulfhorst an einen außergewöhnlichen deutsch-jüdischen Komponisten

von Maria Ossowski  28.08.2026

TV-Kritik

»Phoenix« - herausragender Film über eine Schoa-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  27.08.2026

Bremer Kunsthalle

Bremen

Auszeichnung für künstlerische Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen

Die Künstlerin Annette Kelm wird mit dem 50. Pauli-Preis geehrt. Ihre Fotoserie »Die Bücher« zeigt Cover von Werken, die von den Nazis verboten und verbrannt wurden

 27.08.2026

MARKK Museum am Rothenbaum

Hamburg

Ausstellung zum Bild vom Judentum

Welches Bild hat das Hamburger Museum MARKK vom Judentum vermittelt? Welche Rolle spielte es in der NS-Zeit? Eine Ausstellung will diese Fragen beantworten

 27.08.2026

Interview

»Werdet ihr uns helfen, Israel zu ›reparieren‹?«

Die Regisseurin Yael Reuveny über das komplexe Verhältnis zwischen deutschen Juden und Israelis, ihr neues Filmprojekt und einen Aufruf an unsere Leser, nach Home-Videos von Israel-Reisen zu suchen

von Ayala Goldmann  27.08.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  27.08.2026

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Rangliste des Bundesamts für Statistik gibt Aufschluss

von Nicole Dreyfus  27.08.2026 Aktualisiert

Kinder

Noah, Ben oder Lea?

Warum sich biblische Namen im deutschsprachigen Raum großer Popularität erfreuen

von Nicole Dreyfus  26.08.2026