Krimi

Rätselhafter Tod eines Ex-Polizisten

Krimi

Rätselhafter Tod eines Ex-Polizisten

»In einem fremden Land« von Alfred Bodenheimer reflektiert auch die gespaltene Gesellschaft Israels

von Peter Bollag  19.05.2024 09:51 Uhr

Der neueste, sechste Kriminalroman von Alfred Bodenheimer heißt In einem fremden Land. Ein Jerusalem-Krimi. Titel und Untertitel sind absolut kein Widerspruch. Denn die Handlung verlegt der in der Schweiz und in Israel lebende Autor, hauptberuflich akademischer Leiter des Zentrums für Jüdische Studien in Basel, wie schon in seinem vorletzten Buch Mord in der Straße des 29. November zum einen in die israelische Hauptstadt. Dort lebt und arbeitet die Polizeipsychologin Kinneret »Kinny« Glass, die der Autor zum zweiten Mal ermitteln lässt.

Das fremde Land, das ist zum anderen die bei Israelis sehr beliebte Insel Zypern. Dort besitzt der ehemalige Polizist Miki Yanoff nämlich ein Ferienhaus, das zumindest im Zentrum der Handlung steht, was den rätselhaften Todesfall betrifft. Yanoff, Anfang 60, hatte den Polizeidienst verlassen, nachdem seine Bewerbung zum Jerusalemer Distriktchef nicht erfolgreich war.

Inzwischen »hatte er bei verschiedenen Aufenthalten im Ausland festgestellt, dass jedermann darauf zu brennen schien, israelisches Sicherheitspersonal zu engagieren, und das war sein Geschäftsmodell geworden«, wie Bodenheimer schreibt.

Ein Ferienhaus in Zypern

Und zwar ein so erfolgreiches, dass er neben seinem feudalen Jerusalemer Wohnsitz auch ein Ferienhaus auf der Mittelmeer-Insel erwerben konnte.Und so will es der Plot, dass er dieses Haus seinem früheren Arbeitskollegen Uriah Zunder für einen Aufenthalt überlässt. Der will dorthin, wohin es Yanoff seinerzeit nicht geschafft hatte – auf den Posten des Jerusalemer Distriktchefs –, möchte vorher aber eine kurze Auszeit.

Doch dann stirbt er während seines Zypern-Aufenthalts einen mehr als rätselhaften Tod. Ein Tod, der Kinny Glass, bei der Yanoff kurz vor seiner Abreise noch professionellen Rat gesucht hatte, gerade deshalb keine Ruhe lässt. So ermittelt sie erneut. Nicht zuletzt, weil die offiziellen Ermittlungen der israelischen Polizei in puncto Genauigkeit und Kompetenz anfänglich so gar nicht nach dem Geschmack der geschiedenen Psychologin ausfallen.

Alfred Bodenheimer als akkurater Beobachter (auch) der israelischen Gesellschaft wäre natürlich nicht Bodenheimer, würde er nicht die nahezu aktuelle Situation des Landes in die Handlung einfließen lassen (auch die Lösung des Kriminalfalls hat damit zu tun, doch mehr sei hier nicht verraten). Das Buch wurde im Sommer 2023 geschrieben – die Proteste auf den israelischen Straßen waren wie jetzt zahlreich, richteten sich aber damals »nur« gegen die geplante Justizreform der Regierung von Benjamin Netanjahu und konnten noch keine Konsequenzen aus dem 7. Oktober fordern.

Polizeipsychologin Kinny hat Sympathien für die Demonstrierenden

Kinny, die in diesen aufregenden Sommer-Wochen auch noch zum ersten Mal Großmutter werden wird, hat eigentlich Sympathien für die Demonstrierenden, traut sich aber als Staatsbedienstete nicht offen, diese zu zeigen. Darum »begibt sie sich immer hinter die Absperrung, die das Gebäude der Residenz (des Ministerpräsidenten) von der Straße trennte, wo die Menschen mit ihren Landesfahnen standen. Hier ging nur ab und zu jemand von den diensthabenden Beamten durch, mit denen sie zuweilen ein kurzes Gespräch führte«, wie es lakonisch heißt.

Doch es gibt noch weitere Gründe, warum sie die politische Situation teilweise ausblendet: Da sind zum einen ihre betagten Eltern, um die sie sich kümmern muss, seit ihr Bruder in New York lebt. Außerdem ist da die wiederauferstandene Beziehung mit Helmut, den sie während ihres Studiums in Deutschland kennen und lieben gelernt hatte und der nun auf einmal wieder in ihr Leben drängt – und sie von den politischen Geschehnissen ihres Landes ablenkt.

Aber nicht so stark, dass sie Uriah Zunders Tod nicht aufklären könnte, fast nebenher, wie es scheint. Die Lösung des Plots ist wie oft bei den Bodenheimer-Krimis nicht wirklich eine Überraschung, sondern eher erwartbar. Dem Lesevergnügen tut dies aber auch diesmal keinen Abbruch.

Alfred Boden­heimer: »In einem fremden Land«. Kampa, Zürich 2024, 244 S., 17,90 €

Schwäbisch Hall

Wenn Elefanten Synagogen tragen

In der kleinen Stadt sind die beiden einzigen erhaltenen Werke des Synagogenmalers Elieser Sussmann zu sehen – Paneele aus der Betstube von Unterlimpurg und der Frauenschul von Steinbach

von Michael Schleicher  09.06.2026

Interview

»Selbst ernannte progressive Linke haben offenbar das völkische Denken gelernt. Das ist alles so absurd«

Der Kabarettist Dieter Nuhr über den Erhalt des Leo-Baeck-Preises, Solidarität mit Israel und Kritik an seiner Person

von Detlef David Kauschke  09.06.2026

Fußball

Fußball auf dem Appellplatz von Buchenwald

Seit der Europameisterschaft 2024 erinnert die Gedenkstätte Buchenwald im Internet an Fußballer, Funktionäre und Spiele im ehemaligen Konzentrationslager. Der Appellplatz war Spielstätte, Häftlinge konnten kurz dem Lageralltag entfliehen

von Matthias Thüsing  09.06.2026

Hollywood

Zoë Kravitz jagt Bankräuber

In der Action-Komödien-Thriller »How to Rob a Bank« spielt die jüdische Darstellerin eine Software-Ingenieurin unter Hausarrest

 09.06.2026

Kulturkolumne

Über Langzeitbeziehungen und Affären

Warum ich Esther Perel verehre

von Laura Cazés  09.06.2026

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 09.06.2026

Kino

Spielbergs »Disclosure Day« feiert Kinostart

Als Inspiration für dieses Projekt nennt der jüdische Regisseur einen »New York Times«-Artikel über geheime UFO-Programme des Pentagon

 09.06.2026

Berliner Revue

»Berlin, Du coole Sau!«: Sharon Brauner auf Tour

Es handelt sich um eine der aufwändigsten Bühnenproduktionen ihrer Karriere. Im Herbst beginnt die Deutschlandtournee

 08.06.2026

Kommentar

Der Hass trägt heute Palästinaflaggen

Wie der kulturelle Boykott Israels die Ausgrenzung von Juden normalisiert

von Sarah Maria Sander  07.06.2026