Berlinale

Queen Golda

Helen Mirren Foto: IMAGO/Eventpress

Berlinale

Queen Golda

Beim Filmfestival feierte Guy Nattivs Film mit Helen Mirren in der Hauptrolle Weltpremiere

von Katrin Richter  21.02.2023 17:56 Uhr

Auf dem massiven walnussbraunen Schreibtisch hat alles seinen Platz: die dunkle Lederhandtasche ganz rechts, der breite Aschenbecher mit unzähligen Zigarettenstummeln fast mittig, Schwarz-Weiß-Bilder mit schmalen Rahmen zu beiden Seiten, Bücher ganz links und das rote Telefon auch links. Mittig am Tisch – über allem wachend – Golda Meir.

Die Szene wirkt schwer, mit den beigen Tapeten im Raum, den vergilbten Gardinen, den vier Lampenschirmen. Schwer und verraucht – mal ein Fenster öffnen? Doch draußen ist auch alles schwer: Wir befinden uns mitten im Jom-Kippur-Krieg von 1973, und Golda Meir wird gleich mit US-Außenminister Henry Kissinger telefonieren. Das ist der Moment, in dem alle Männer den Raum verlassen, und der Moment, in dem die israelische Ministerpräsidentin Klartext spricht.

Special Der amerikanisch-israelische Regisseur Guy Nattiv hat diesen Moment fürs Kino umgesetzt und seinen Film Golda zusammen mit seiner Hauptdarstellerin Helen Mirren am Montagabend bei den 73. Internationalen Filmfestspielen Berlin als Weltpremiere in der Sektion »Berlinale Special« vorgestellt.

Und der Regisseur wurde nicht enttäuscht: Nach dem Film gab es für Mirren, Lior Ashkenazi – der den damaligen Generalstabschef David »Dado« Elazar spielte – und das ganze Team viel Applaus. Fast niemand im Berlinale-Palast saß noch auf den hellroten Sesseln. Golda ist ein beeindruckender Film, nicht zuletzt durch Helen Mirrens Darstellung, ihren willensstarken Blick und dieses Fordernde in der Stimme. Auch Liev Schreiber als vor sich hin grummelnder Henry Kissinger ist herausragend.

Dem Film ging eine intensive Recherche voraus, wie Drehbuch-Autor Nicholas Martin am Montagnachmittag bei der Pressekonferenz zum Film sagte. Der Stapel mit Golda-Büchern reichte Martin zuerst bis zum Knie, dann bis zur Hüfte, beschrieb er plastisch. »Und wenn man zu Henry Kissinger kommt: Dieser Mann schreibt wirklich eine Menge.«

Dokumente Aus all diesen Publikationen haben sich Martin und Nattiv knapp drei Wochen im Oktober 1973 herausgegriffen und mit relativ jungem Material, wie Martin erläuterte – »Dokumente, die erst in den vergangenen 15 oder 20 Jahren freigegeben wurden« –, den eineinhalbstündigen Film gedreht.

Golda Meir war für Helen Mirren, die schon viele berühmte Frauen verkörpert hat – unvergessen ist ihre Rolle als Queen Eli­zabeth II. –, »ein außergewöhnlicher Charakter«. Mirren entdeckte zum Beispiel, dass Golda Meir eine ähnliche Leidenschaft für die neusten Küchengeräte besaß wie sie selbst, erzählte die Schauspielerin ebenfalls auf der Pressekonferenz.

Aber, und die Frage war im Vorfeld der Berlinale aufgekommen, sollte eine Nichtjüdin eine Jüdin spielen? »Als ich Helen in meinem Zuhause traf, war es, als ob ich ein Familienmitglied träfe, wie eine Tante. Es war, als würde ich eine Jüdin treffen, denn für mich hat sie die Fähigkeit, die es braucht, Golda zu spielen«, sagte Regisseur Guy Nattiv. Mirren sei sehr authentisch, und es habe für ihn nie einen Zweifel daran gegeben, dass sie die richtige Besetzung ist.

Und Lior Ashkenazi stellte die entscheidende Frage: »Was wäre, wenn morgen ein Film über Jesus Christus gedreht werden würde? Wer sollte ihn spielen? Ein Jude oder ein Nichtjude?« Mirren hatte die passende Antwort: »Nun, ich werde es nicht sein.« Das muss sie auch nicht: Helen Mirren ist ja schon Golda.

»Golda« läuft noch dreimal auf der Berlinale, unter anderem am 26. Februar um 15.30 Uhr im Cubix am Alexanderplatz.

TV-Kritik

Der Ring, der nie gelungen: Arte-Doku über Richard Wagner und sein monumentales Werk

Eine Arte-Dokumentation erzählt die Geschichte von Richard Wagners Gesamtkunstwerk und seiner Vereinnahmung durch die Nazis

von Manfred Riepe  15.08.2026

Essay

Politische und moralische Bankrotterklärung

Die Literaturkritikerin Maha El Hissy hat kein Problem damit, die populärste antisemitische Ritualmordlegende unserer Gegenwart zu verbreiten. Trotzdem wurde sie in die Jury des renommierten Deutschen Buchpreises berufen

von Daniel Neumann  15.08.2026

Hamburg

Art Garfunkel kommt für ein Konzert nach Deutschland

Der Vorverkauf für den Auftritt in der Elbphilharmonie am 24. Oktober hat begonnen

 14.08.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 14.08.2026

ESC

Stiller Boykott?

Einige Länder könnten auch die kommende Ausgabe des ESC aufgrund der Teilnahme des jüdischen Staates boykottieren. Nun gibt es eine neue umstrittene Regel

von Daniel Zander  14.08.2026

Exklusiv

Causa Georg Restle: Jetzt meldet sich WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni zu Wort

Felix Schotland, Mitglied im WDR-Rundfunkrat und im Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, beschwerte sich über einen X-Post des Journalisten Georg Restle. Nun bekam er eine Antwort

von Michael Thaidigsmann  13.08.2026

Leipzig

Ausstellung mit Fotografien von NS-Deportationen

Mehrere Hunderttausend Menschen wurden in der NS-Zeit aus dem Deutschen Reich deportiert. Ein Forschungsprojekt sichert seit Jahren fotografische Dokumente. Einige zeigt jetzt das Leipziger Ariowitsch-Haus

 13.08.2026

Jubiläum

25 Jahre Jüdisches Museum Berlin: Risse in der Geschichte

2001 öffnete das Jüdische Museum seine Türen für die Öffentlichkeit. Der Bau des bekannten Architekten Daniel Libeskind stand da schon. Und spricht bis heute eine eigene Sprache

von Nikolas Ender  13.08.2026

NRW

Antisemitismus: Konzert der Rapper Kneecap in Oberhausen geplant, Absage gefordert

Die Veranstalter sagen, Vorwürfe der Terrorverherrlichung gegen die nordirische Band würden ernst genommen und »intensiv geprüft«. Eine Absage komme aber nicht infrage

 13.08.2026