Autobiografie

Psychiatrie und Chassidismus

Mehr als 60 Bücher hat er bereits verfasst. Und obwohl längst im Rentenalter, schreibt Rabbiner Dr. med. Abraham Joshua Twerski mit geradezu jugendlichem Schwung jedes Jahr mindestens ein neues Werk. Den 80. Geburtstag im vergangenen Herbst hat er zum Anlass genommen, seine Memoiren zu veröffentlichen. Twerski verweist auf frühere autobiografische Schriften und entschuldigt sich im Voraus für Wiederholungen, die ein aufmerksamer Leser möglicherweise finden wird. Dies entspringt einer übertriebenen Befürchtung: Wer ist nicht gerne bereit, gute Geschichten und geistreiche Gedanken mehrfach zu lesen?

Twerski stammt aus einer angesehenen chassidischen Familie. Sein Urgroßvater war der erste Bobover Rebbe. Sein Vater wanderte nach Amerika aus und amtierte als Rabbiner in Milwaukee. In chassidischen Kreisen ist es nicht unüblich, dass Söhne den Beruf ihres Vaters ergreifen. Seine Karriere als Gemeinderabbiner hat Twerski aber im Alter von 25 Jahren beendet. Er begann, Medizin zu studieren, und wurde Psychiater. Jahrzehntelang leitete er in Pittsburgh eine Therapiestation für Drogensüchtige. Dass er trotz des Berufswechsels ein frommer Jude und Toralehrer geblieben ist, spürt der Leser auf jeder Seite.

Fallgeschichten Als Psychiater hat Twerski unzähligen Patienten helfen können. Seine Fallgeschichten sind unterhaltsam und lehrreich. Er gibt zahlreiche Tipps für den Alltag, etwa für eine gute Ehe. Wohltuend fällt die Bescheidenheit des Autors auf. Er beschreibt sich selbst als Praktiker und Popularisierer der von Freud begründeten Tiefenpsychologie.

So arbeitet er ganz selbstverständlich mit dem Begriff des Unbewussten, äußert sich aber kritisch über Freuds Methode der Traumdeutung. Meines Erachtens verzichtet der chassidische Psychiater damit auf den Königsweg zur Erfassung seelischer Probleme. Bemerkenswert ist, dass Twerski der Hypnosetherapie ein ganzes Kapitel widmet. Er erwähnt, dass Rabbiner Moshe Feinstein in einem halachischen Gutachten Hypnose für medizinische Zwecke erlaubt.

Als orthodoxer Jude lernt Twerski in seiner Freizeit regelmäßig Tora. Er hat einen Band mit Betrachtungen zu den Wochenabschnitten vorgelegt und ein dickes Buch über jüdische Gebete publiziert. In seinen Memoiren zitiert Twerski die täglich ausgesprochene Bitte »Gib unseren Teil an Deiner Lehre« und erläutert dies so: Jeder Jude hat einen spezifischen Anteil an der Tora, den ihm niemand wegnehmen kann. Twerski referiert gleich mehrere seiner originellen Interpretationen biblischer und talmudischer Passagen. Niemand sollte sich wundern, in der Autobiografie eines Rabbiners Tora-Novellen (chidusche tora) zu finden – ohne sie wäre die Bilanz des Erreichten unvollständig.

Selbsttäuschung Ein Thema, auf das der 80-jährige Autor mehrfach zu sprechen kommt, ist die Weisheit, die man durch die Erfahrung eines langen Lebens erwirbt. Twerski empfiehlt jungen Menschen, bei wichtigen Entscheidungen die Alten um Rat zu fragen. Er vermutet, dass viele Brautpaare nicht um Weisheit beten, weil sie der Meinung seien, bereits alles zu wissen, was für ihr Leben von Belang sei – eine gefährliche Selbsttäuschung. Gerade in unserer Zeit, in der Taten der Jugend oft verherrlicht werden, verdient Twerskis Lobrede auf die Altersweisheit große Beachtung.

Abraham J. Twerski: Gevurah. My Life, Our World, and the Adventure of Reaching 80. Shaar Press, New York 2010, 276 S., 18,99 $

Jugendbuch

Zwei Jungen und die Liebe

Julya Rabinowich erzählt in »Mo & Moritz« eindringlich, aber auch plakativ von einer Beziehung zwischen einem Juden und einem Muslim

von Katrin Diehl  20.03.2026

Johannes Becke

Nachdenken über Israel

Ist der jüdische Staat als ein Teil Europas oder des Nahen Ostens zu verstehen? Der Autor gibt in seinem Buch profunde und überraschende Antworten

von Ralf Balke  20.03.2026

Dana von Suffrin

Wutgeburt

»Toxibaby« erzählt von einer toxischen deutsch-jüdischen Beziehung

von Katrin Diehl  20.03.2026

Siri Hustvedt

Ihr Lebensmensch

In einem tieftraurigen und wunderschönen Erinnerungsbuch nimmt die Schriftstellerin Abschied von ihrem Mann Paul Auster, der 2024 an Krebs starb

von Katrin Richter  20.03.2026

Yevgeniy Breyger

Mehrtürer statt Märtyrer

Im Langgedicht »hallo niemand« unternimmt das lyrische Ich eine »judissee« und gewinnt vielleicht sogar die Kanzlerwahl gegen Alice Weidel

von Ayala Goldmann  20.03.2026

Eröffnung

Ausstellung in Osnabrück beleuchtet Antisemitismus

2026 jährt sich das Ende der ersten jüdischen Gemeinde in Osnabrück zum 600. Mal. Mit einer Ausstellung erinnert das Museumsquartier an diese frühe Phase jüdischer Geschichte. Auch die Wurzeln des Antisemitismus werden sichtbar

 19.03.2026

Vladimir Vertlib

Ein Marrane als Leibarzt

Mit seinem Roman »Der Jude der Kaiserin« zeigt sich der österreichische Autor als Meister des historischen Genres

von Alexander Kluy  19.03.2026

Eurovision Song Contest

ORF will ESC-Sicherheitskonzept nicht verschärfen

Auch trotz des Krieges gegen den Iran sei strengere Sicherheitsauflagen nicht nötig, weil das Konzept bereits auf die Weltlage ausgelegt sei

 19.03.2026

Philosophie

Habermas, Israel und die Juden

Eine kritische Würdigung

von Frederek Musall  19.03.2026