Fernsehen

Plötzlich jüdisch

Es sollte ein »Dorf des Friedens« werden, ein Ort, an dem fast 4000 Athleten aus 50 Nationen und aller Religionen vier Wochen lang zu Hause sind. Das Olympische Dorf sollte der Welt 1936 zeigen, wie sympathisch und offen das NS-Regime doch sei. Beauftragt mit der Organisation des Olympischen Dorfes wurde der Sportfunktionär Wolfgang Fürstner – ein glühender Verehrer Adolf Hitlers, überzeugter Nazi und bis zuletzt Mitglied der NSDAP.

Der bis dahin eher mäßig erfolgreiche Fürstner sah in seiner neuen Funktion die Chance seines Lebens: Endlich konnte er sich selbst – und seiner notorisch an ihm zweifelnden Ehefrau – zeigen, dass er kein Verlierer ist. Und lange sah es für den ehemaligen Offizier im Ersten Weltkrieg gut aus: Von den Nazis hochgelobt, baute er Schritt für Schritt das bis dahin fortschrittlichste Olympische Dorf – bis die Nazis erfuhren, dass er nach den Nürnberger Gesetzen »Halbjude« war.

Diskrepanz Nun hat die ARD sich dieser – wahren – Geschichte angenommen und erzählt in einer Mischung aus Dokumentation und aufwendig gespielten Szenen, wie der Traum des Wolfgang Fürstner zum Albtraum wurde. Es ist ein Verdienst der beiden Regisseure Mira Thiel und Florian Huber, die enorme Diskrepanz zwischen der perfekten Inszenierung und der erschreckenden Realität darzustellen.

Kurz vor der Eröffnung wurden etwa die in Berlin lebenden Sinti und Roma in ein Zwangslager am Stadtrand verbannt. Während die NS-Propaganda das »Weltfriedensfest« feierte, entstand nahe Berlin das KZ Sachsenhausen. Jüdische Sportler wurden von der Olympiade systematisch ausgeschlossen. Für die Schicksale anderer Menschen indes war Fürstner blind und unempfänglich.

Der von Simon Schwarz glaubhaft verkörperte, nur um die eigene Person und sein Schicksal kreisende Funktionär bedauert ausschließlich sich selbst. »Warum nur geht der Traum zu Ende?«, fragt er an einer Stelle des Films, als nach seinen Nazi-Getreuen auch seine Frau ihn verlassen hat. Kurz nach Eröffnung des Olympischen Dorfes im brandenburgischen Elstal ging Fürstner an den dortigen Teich und schoss sich eine Kugel in den Kopf.

»Der Traum von Olympia. Die Nazi-Spiele von 1936«. D 2016. Der Film läuft am 16. Juli um 20.15 (arte) und am 18. Juli um 21.45 Uhr (ARD).

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