Ausstellung

Papa in der Wolke

Videostandbild »My Father In The Cloud« von Ruth Patir Foto: Jan Fischer

Hohe Lehmwände, schmale Durchgänge, hier und da ein Skelett: Man wähnt sich in einer Gruft. Jedoch erwartet denjenigen, der sich hineinwagt, keineswegs Halloween-Klamauk. Zwar wurde die vom Künstlerkollektiv YRD.Works erdfarben grundierte Ausstellung an Halloween eröffnet, sucht aber keinen billigen Effekt. Die Ausstellung führt in die jüdischen Sichtweisen auf Sterbehilfe ein, was auch im Begleitprogramm aufgegriffen wird.

Das Jüdische Museum Frankfurt blickt ein Jahr nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober (vorbereitet wurde die Ausstellung seit mehr als drei Jahren) auf die spezifischen Beerdigungs- und Trauerrituale, Gebete und Gedenkpraktiken sowie ihre Verarbeitung in der Kunst. Zu sehen ist auch, wie der Sensenmann sein metallisches Werkzeug schwingt.

Im Angesicht des Todes ist die nach Museumsangaben weltweit erste kulturgeschichtliche Betrachtung jüdischer Vorstellungen rund um diesen Themenkomplex. Die Ausstellung vereint etwa 100 Exponate in insgesamt fünf Sektionen, überschrieben mit »Beerdigung« oder »Olam Haba – Die kommende Welt«.

Illustrationen der Pessach-Haggada

Sie hebt an mit Illustrationen der Pessach-Haggada und dem personifizierten Tod. Das hebräisch-aramäische Kettenlied »Chad Gadja«, zu Deutsch: ein Zicklein, ist ein buchstäblich gefundenes Fressen für manchen Künstler, erlaubt es doch bildhafte Todesdarstellungen. Das Gerippe tritt ebenso in Erscheinung wie der schon in der Hebräischen Bibel und im Talmud erwähnte Todesengel. Das Museum hütet Beispiele aus dem 18. Jahrhundert und erlaubt Einblicke in die bildkünstlerische Bandbreite.

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So entzückt die Haggada von Jakob Ben Michael May aus dem Jahr 1731 dank ihres Detailreichtums. Vom Schwert des Todesengels – ein drolliges Gespensterchen auf dürren Beinen – löst sich ein überdimensionierter Tropfen Galle, der nach dem Talmud im Mund des Sterbenden zum Tod führt. 1719 übersät Simmel Sofer den Todesengel gemäß dem Talmud über und über mit Augen: Kein Lebewesen übersieht der Tod.

Neben Felix Nussbaums »Triumph des Todes« von 1944 ist Gegenwartskunst zu sehen, bedauerlicherweise aber nicht immer ideal präsentiert. Die Messingkugel-Installation, in der die Jerusalemer Goldschmiedin Sari Srulovitch Gottes Frage an Adam: »Wo bist Du?« aufgreift, ist lieblos platziert, kommt dem seelenlosen Stecklicht in einer Steckdose entschieden zu nahe.

Unverständlicherweise bekommt selbst die Fotografie, die den Einsatz von DJ Skazi im Rahmen einer Gedenkfeier für die ermordeten Besucher des Nova-Festivals festhält, wenig Beachtung. Müsste sie nicht, stark vergrößert, einen zentralen Platz einnehmen? Außen vor bleibt ebenfalls die vergleichende Betrachtung. Saaltexte streifen Todesvorstellungen der Azteken oder Hindus, die zahlreichen Parallelen zu muslimischen Ritualen, weshalb all das nicht minder erwähnenswert gewesen wäre.

Das Gerippe tritt ebenso in Erscheinung wie der schon im Talmud erwähnte Todesengel.

Elf Gegenwartskünstler tragen wesentlich zur vielgesichtigen Begegnung mit dem Tod bei. Der wohl aufregendste zeitgenössische Beitrag stammt von Ruth Patir. Ihre animierte Videoarbeit »My Father in the Cloud« (2022) geht noch mehr ans Herz als in die Beine, obgleich Tanzen das eigentliche Thema ist: Illustrationen der Pessach-Haggada , vielmehr die auch humorvoll-schräge Dokumentation des Versuchs von Patir selbst, mit einem Toten zu tanzen, nämlich mit ihrem im Jahr 2018 an Krebs verstorbenen Vater. »Ich speiste ihn in eine Software ein.«

Mithilfe seines Avatars testet Patir, wie weit sie mit ihm gehen kann, welche Form für eine Wiederbelebung irgendwie kompatibel scheint. Mal steppt förmlich der Bär, mal wirbelt ein stark stilisiertes minimalistisches Skelett über klinischen Fliesenboden. Eine außergewöhnliche Arbeit gelang Patir, in der sie Antworten sucht auf die Frage: »Woraus besteht ein Papa?«

Infolge des 7. Oktober 2023 blieb der israelische Pavillon in Venedig verschlossen

Dagegen ist ihr Beitrag für die am 24. November endende Kunstbiennale in Venedig dem Thema »Mutterschaft« gewidmet. Infolge des 7. Oktober 2023 blieb der israelische Pavillon verschlossen; ein paar Werke sind durch die Glasfassade jedoch zu erspähen, aber nicht im Kontext zu erfassen. Weiterhin bewachen Soldaten das Gebäude.

Patir, die schon im Alter von 13 Jahren stets der Linken zuneigte, wie sie auf Anfrage der Jüdischen Allgemeinen freimütig kundtut, beschloss beim Biennale-Start, den Zutritt hinauszuzögern, und zwar bis zu einem Waffenstillstand im Krieg zwischen Israel und der Hamas. »Ja, damit habe ich fest gerechnet.«

Alle fünf Videobeiträge für Venedig laufen daher seither ohne Publikum. Niemand kann die kulturhistorisch aufbereitete, feministische Erzählung rund um Facetten der Fruchtbarkeit sehen, die auch auf archäologischer Recherche basiert und archaische Statuetten einbezieht.

Soeben erhielt Patir die Nachricht, dass ihr Venedig-Beitrag ab März 2025 in Tel Aviv und später im Jüdischen Museum in New York gezeigt wird. Dabei wünscht sie sich, zuerst als Künstlerin und erst dann als Israelin wahrgenommen zu werden: »Ich möchte raus aus der jüdischen Ecke.«

Das dürfte der künstlerisch so überzeugenden wie podiumssicheren Medienkünstlerin leicht gelingen, da sie nunmehr öfter, als es ihr lieb zu sein scheint, zu Talks eingeladen wird. Zugleich hat sie dank der Beschäftigung mit ihrem Vater, der passenderweise auch ein »Technologie-Freak« gewesen sein soll, ein hervorragendes Rüstzeug für ihre digital-ästhetische Punktgenauigkeit erhalten.

Bis zum 6. Juli 2025 im Jüdischen Museum Frankfurt

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