Biologie

Ohne Frau geht’s besser

Männliche Garnelen Foto: Thinkstock

Männliche Garnelen, die sich miteinander paaren und ausschließlich männlichen Nachwuchs produzieren – was so klingt wie ein schwerer gentechnischer Eingriff in die Natur, dessen Folgen nicht absehbar sind, ist die Entdeckung eines israelischen Wissenschaftlers, die das Einkommen von Aquafarmern in Entwicklungsländern steigern soll.

Der Biologe Amir Sagi machte sich für seine neue Technologie ein Verfahren namens Gen-Silencing oder Gen-Stilllegung zunutze, das darauf beruht, dass einzelne Gene wie ein Lichtschalter ausgeknipst werden können. In den genetischen Code wird dabei, anders als bei der Gentechnik, nicht eingegriffen. Für Zuchtgarnelen sind die Folgen trotzdem gravierend, denn Sagis Entdeckung macht aus den Tieren ausnahmslos Männchen – die miteinander Nachwuchs produzieren können.

Amir Sagi, 1956 in Beit Zait geboren, schloss 1985 sein Studium der Meeresbiologie mit Auszeichnung ab und fertigte anschließend im Rahmen eines akademischen Austauschprogramms zwischen der Hebräischen Universität Jerusalem und der University of California in Israel und den USA seine Doktorarbeit an. Obwohl er mehr als 100 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlichte, fünf Patente hält und 13 Einträge in der Gen-Datenbank auf seine Forschungen zurückgehen, war ihm die Lehre immer wichtig. Bereits als Doktorand wurde er mit dem Titel »Best Lecturer of the Year« im Bereich Biologie ausgezeichnet. Bis heute betreute er als Doktorvater mehr als 20 Promovierende.

Hormone Die Garnelen mit dem »ausgeknipsten« Gen wurden an der Ben-Gurion-Universität im Negev erforscht. Sagi, der auch als Präsident der »International Society of Invertebrate Reproduction and Development« amtiert, sieht in seiner Arbeit vor allem praktischen Nutzen. »Zum ersten Mal kann die Aquakultur-Industrie Gen-Silencing nutzen, um die Produktion von Lebensmitteln zu steigern.«

Bei Krustentieren ist eine Drüse für die Produktion von Hormonen zuständig, die die Entwicklung der Hoden und der übrigen männlichen Geschlechtsmerkmale steuern. Wird die Produktion bei nicht geschlechtsreifen Männchen ausgeschaltet, entstehen »neo-female« Tiere, die in der Lage sind, sich mit originär männlichen Partnern zu paaren und dabei Nachwuchs zu produzieren. Die dabei entstehenden Krustentier-Babys haben eine gemeinsame Eigenschaft: Sie sind alle männlich und wachsen somit schneller und werden größer als weibliche Tiere.

Nachhaltig Da die Nachfrage nach Meeresfrüchten weltweit steigt, während die natürlichen Ressourcen immer weiter schwinden, werden Krustentiere heute zunehmend in Aquafarmen produziert. Nachdem die Bedingungen in asiatischen Zuchtstationen, wo die Tiere oft in regelrechter Chemiesuppe vegetieren, Negativschlagzeilen machten, bemüht man sich zunehmend um umweltfreundliche Produktion – die zahlungskräftigen westlichen Konsumenten legen schließlich Wert auf gesundes Essen.

So sieht das auch Amir Sagi. Der Biologe betont überdies: »Die Technologie ist nachhaltig, weil keine Wachstumshormone oder Chemikalien für die Zucht benutzt werden« und die Umweltbelastung entsprechend minimiert werde. »Außerdem werden keine genetisch veränderten Organismen produziert.«

Der ökonomische Vorteil des schnelleren Wachstums der Tiere bestehe darin, dass »diese Entdeckung den Farmern dabei helfen kann, höhere Einkommen zu erzielen«. Denn bislang wurden Garnelen mühsam von Hand nach Geschlecht sortiert – sind alle männlich, entfällt die umständliche Arbeit. »Wir rechnen damit, dass die Farmer dadurch bis zu 60 Prozent mehr verdienen können.« Sagis neue Technologie wurde von der Tiran Group bereits zum Patent angemeldet.

Die 1995 gegründete Gruppe bündelt unter ihrem Dach mehrere israelische Unternehmen, darunter Tiran Trading, das für die Abwicklung von Exporten aus China nach Europa und Israel sorgt, und New Horizon LTD, das im Süden Chinas Aquakultur-Farmen und Handelskontore betreibt sowie sich um die lückenlose Kontrolle der Ware von der Zuchtstation bis zur Ladentheke kümmert.

Patent Das neue Patent will Tiran nicht nur bei der Garnelenzucht in China einsetzen. Auch in Vietnam wurden bereits erste Gespräche über einen möglichen Einsatz der Krustentiere mit dem ausgeschalteten Gen geführt. Mit dem vietnamesischen Unternehmen Green Advances konnte bereits ein Vertrag unterzeichnet werden – dass an dem feierlichen Akt der israelische Handelsattaché Zafir Asaf teilnahm, zeigt, wie wichtig man das Übereinkommen nimmt.

»Professor Sagi hat über die Jahre als Pionier einige neue Techniken entwickelt, mit deren Hilfe die Produktion der Nahrungsmittel Reis und Krustentiere in Ländern wie Vietnam gesteigert werden konnte. Überbevölkerung und schwindende natürliche Ressourcen gehören zu den großen Herausfoderungen, vor denen die Welt heute steht«, erklärte auch Doron Krakow, Vizepräsident der »American Executives« an der Ben-Gurion-Universität. »Forschungen wie die von Sagi ermöglichen nachhaltige und zukunftsfähige Lösungen für Entwicklungsländer.«

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