Interview

»Niemand hat Jason Stanley von der Bühne gejagt«

Der Rechtsanwalt Benjamin Graumann ist einer der beiden Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main Foto: picture alliance / Presse- und Wirtschaftsdienst

Herr Graumann, die Gedenkfeier in der Frankfurter Westend-Synagoge zum 9. November liefert aktuell Stoff für große Debatten in den deutschen Medien. Der US-Philosoph Jason Stanley, den Ihre Gemeinde als Hauptredner eingeladen hatte, erhebt schwere Vorwürfe. Er behauptet, jemand von der Gemeinde sei auf die Bühne gekommen und habe ihn gedrängt, die Rede abzubrechen
Das kann man so nicht stehen lassen, das stimmt einfach vorne und hinten nicht. So, wie Stanley es darstellt, hat sich die Sache nicht zugetragen. Seine Rede dauerte bereits 40 Minuten an, sie wurde nicht abrupt abgebrochen. Vor ihm hatten schon drei andere Redner gesprochen, und es stand noch ein Programmpunkt aus. Das Entscheidende ist aber, dass Stanley vollkommen falsch eingeschätzt hat, an welchem Ort, zu welchem Anlass er da sprach und warum er eingeladen wurde.

Was genau meinen Sie damit?
Es war keine Podiumsdiskussion, sondern eine Gedenkveranstaltung. In der Synagoge. Unsere Gemeindemitglieder wollten erinnern, sie wollten trauern um die Opfer des 9. November 1938. Dass Stanley den Anlass ausgenutzt hat für provozierende Belehrungen, ist vielen Anwesenden richtigerweise sauer aufgestoßen.

Das Thema, zu dem er eingeladen war, waren die Novemberpogrome der Nazis und seine Familiengeschichte in diesem Zusammenhang. Stanley ist darauf ja durchaus eingegangen.
Ja. Aber irgendwann ist die Rede dann komplett gekippt.

Im Interview mit der »tageszeitung« fragt er zurück, was genau daran relativierend und falsch gewesen sein soll. Was antworten Sie ihm?
Insgesamt war vieles von dem, was er gesagt hat, einfach nicht dem Anlass angemessen. In seiner Rede mangelte es an Empathie und Sensibilität. Und als bei einigen seiner Aussagen verständlicherweise Unruhe im Saal aufkam, hätte er das spüren und aufgreifen müssen. Er hat aber einfach weitergemacht – und sogar noch nachgelegt.

Stanley behauptet, er habe nur verschiedene Positionen referiert, beispielsweise die der Schriftstellerin Masha Gessen und ihren Vergleich zwischen dem Warschauer Ghetto und der Lage in Gaza, sie sich aber nicht zu eigen gemacht. Hat er da nicht Recht?
Anders als das im Manuskript steht, welches in der »Frankfurter Allgemeinen« veröffentlicht wurde, hat er sich auch nach dem Zwischenruf nicht von Gessen distanziert. Vielmehr hat er sinngemäß gesagt: »Das ist eine Analogie, die man so oder so sehen kann.« Schon allein das ist infam. Er hat ausdrücklich eine Gleichsetzung von Gaza und dem Warschauer Ghetto offen gelassen. Das ist eine Schande! Ganz unabhängig davon, dass die Aussage Gessens historisch gesehen blanker Unsinn ist: An einem Tag wie dem 9. November darf man so etwas nicht einfach in den Raum stellen und dort stehen lassen. Auch an keinem anderen Tag.

Für Sie war das also eine gezielte Provokation?
Ja, eine bösartige Provokation sogar. Deswegen kann ich die Reaktion einiger unserer Gemeindemitglieder absolut nachvollziehen. Man muss verstehen, dass gerade nach dem 7. Oktober 2023 viele von ihnen einen Rückzugsort, einen Safe Space, brauchen. Es gibt aktuell leider nicht mehr viele solcher sicheren Orte in Deutschland. Einer davon ist unsere Synagoge. Und der wurde am Sonntag von Jason Stanley massiv verletzt. Ich würde sogar sagen, dass er die Gastfreundschaft, die wir ihm entgegengebracht haben, missbraucht hat.

Hätte man ihn nicht trotzdem fertigreden lassen können?
Das ist ein Punkt, bei dem er die Unwahrheit sagt. Er konnte seine Rede beenden. Er wurde auch nicht von der Bühne gejagt. Niemand ist zu ihm »auf die Bühne gekommen«, wie er behauptet. Nachdem er die vereinbarte Redezeit weit überzogen hatte, bedeutete ihm unser Gemeinderabbiner Julien Chaim Soussan, dass er bitte zum Ende kommen möge. Rabbiner Soussan saß hinter Stanley auf dem Podium. Der sprach daraufhin noch einen Moment lang weiter und beendete dann die Ansprache - übrigens mit exakt jenen Schlusspassagen, die anschließend in der FAZ veröffentlicht wurden. Er ließ lediglich ein paar Absätze, die im Redemanuskript standen, wegfallen. Stanley ging zu seinem Platz. Es folgte ein Gebet des Rabbiners, dann war die Veranstaltung beendet. Das Ganze wurde anschließend absichtlich von Stanley hochgezogen, um mediale Aufmerksamkeit zu bekommen.

Wie waren die Reaktionen der Anwesenden auf seine Rede?
Es gab einzelne, die rausgingen, was ich absolut nachvollziehen kann. Stanleys Behauptung, es habe eine bedrohliche Stimmung geherrscht, ist aber abenteuerlich. Am schlimmsten finde ich seine Bemerkung in der »taz«, dass es keine freie Debattenkultur mehr in der jüdischen Gemeinschaft gebe. Das ist nun wirklich absurd. Gerade wir in Frankfurt sind stolz darauf, dass wir eine offene Gemeinde sind – eine, die von der Debatte lebt. Das war schlicht nicht der richtige Moment. Meiner Ansicht nach hat Stanley die Gefühle der Gemeindemitglieder massiv verletzt. Es waren auch Holocaustüberlebende wie Eva Szepesi im Saal. Was er gemacht hat, war unwürdig. Es war am Thema vorbei und dem Anlass nicht angemessen.

Medienberichten zufolge bekam Stanley aber nicht nur Buhrufe, sondern auch Beifall. Wie erklären Sie sich das?
Zu unserer Gedenkveranstaltung am 9. November ist die ganze Stadtgesellschaft eingeladen. Es war keine Veranstaltung, zu der nur Mitglieder gekommen waren. Jeder interessierte Bürger konnte kommen. Und es kamen auch viele, das war gewollt. Und ja, es gab unterschiedliche Reaktionen. Das allein schon widerlegt Stanleys krude These, dass keine offenen Debatten in der jüdischen Gemeinschaft möglich seien.

Muss das von Stanley angesprochene Thema, das ja offenbar auch einen Nerv trifft, nicht dennoch diskutiert werden, auch in den jüdischen Gemeinden?
Wenn Teile der Presse jetzt von einer »Cancel Culture« reden, muss ich energisch widersprechen. Wir machen sehr viele Podiumsdiskussionen und Veranstaltungen, wo sehr unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen. So luden wir zum Beispiel vor der Bundestagswahl alle Parteien außer der AfD ein, auch die Linke, um über deren Ansichten zu den relevanten Themen zu sprechen. Darunter waren auch welche, die vielen von uns gar nicht geschmeckt haben. Nur war das nicht in der Synagoge, und es war nicht am 9. November. Auch Professor Stanley könnte bei uns alles, was er am Sonntag gesagt hat, offen äußern, und anschließend könnten wir wunderbar darüber streiten. Denn wir leben in der jüdischen Gemeinde von der Streitkultur. Sachlich geführte Debatten sind uns sehr wichtig. Aber am Sonntag hat Jason Stanley eine Gedenkveranstaltung gekapert. Es ist ein Lehrstück, wie man nicht nur als Schüler oder Student das einem gesetzte Thema verfehlen kann, sondern auch als Professor.

Mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Frankfurt sprach Michael Thaidigsmann.

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