Wuligers Woche

Neues von den Wir-als-Juden

BDS in Aktion (Berlin, 2018) Foto: imago/Stefan Zeitz

Wuligers Woche

Neues von den Wir-als-Juden

BDS, akademische Koscherstempel und das Jüdische Museum Berlin

von Michael Wuliger  13.06.2019 13:55 Uhr

Micha Brumlik hat vor zwei Wochen in dieser Zeitung hiesige jüdische Stammtischstrategen zu Recht darauf hingewiesen, dass ihre Kritik an Israel ziemlich wohlfeil ist: »Wir Juden in der Diaspora haben die Folgen unserer Meinungen weit weniger zu verantworten als die Bürger Israels.«

Das Phänomen, dass Leute sich aus sicherer Entfernung zu Angelegenheiten äußern, die sie selbst nicht unmittelbar betreffen (und von denen sie oft auch wenig Ahnung haben), gibt es freilich auch in umgekehrter Richtung. Wann immer es in Deutschland mühsam gelingt, den grassierenden israelbezogenen Antisemitismus ein bisschen zurückzudrängen, wie zuletzt beim Bundestagsbeschluss gegen die BDS-Bewegung, melden sich aus Israel und von anderswo jüdische Stimmen, um das geheiligte Recht auf Israelkritik zu verteidigen.

#mustread So wieder vergangene Woche. Da erschien ein »Aufruf an die Bundesregierung von 240 jüdischen und israelischen Wissenschaftlern: Setzen Sie BDS nicht mit Antisemitismus gleich!« Dem Jüdischen Museum Berlin war das auf seinem Twitteraccount gleich ein »#mustread« wert. Es gehört, nebenbei bemerkt, wirklich schon viel Geschick dazu, als Jüdisches Museum immer wieder von Neuem die jüdische Gemeinschaft hierzulande gegen sich aufzubringen.

Dabei sind die Argumente in dem Aufruf nicht neu: BDS kämpfe für Völkerrecht und Menschenrechte. Den Kritikern der Boykottbewegung gehe es nicht um Antisemitismus, sie seien »von den politischen Interessen der am stärksten rechtsgerichteten Regierung Israels in der Geschichte des Landes angetrieben«.

Auch nicht neu ist die Liste der Unterzeichner. Es sind die üblichen universitären Ejzesgeber, unter ihnen die unvermeidliche Judith Butler, die Hamas und Hisbollah für progressive Organisationen hält, der Altlinke Moshe Machover aus London, der Jeremy Corbyns Labour Party unentwegt Koscherzertifikate ausstellt, wenn dort fast täglich antisemitische Vorfälle auffliegen, und Shlomo Sand, berühmt geworden mit der These, das jüdische Volk existiere nicht, sondern sei eine ideologische Konstruktion.

relevanz Sie und die meisten anderen Unterzeichner vertreten eine jüdische akade­mische Linke, die außerhalb ihrer Fakultäten so gut wie keine Relevanz besitzt. Für die Judenheit sind sie in etwa so repräsentativ wie der Verein »Juden in der AfD«. Das aber kann der durchschnittliche deutsche Zeitungsleser oder Museumsbesucher nicht wissen, dem sie, etwa in der »taz«, als bedeutsame Repräsentanten des Judentums aufgetischt werden.

Einen Trost gibt es: Dies ist jetzt schon der dritte Aufruf meist derselben Leute zum selben Thema allein in diesem Jahr. Wenn die Unterzeichner diese Frequenz aufrechterhalten, wird der Neuheitswert ihrer öffentlichen Bekundungen zwangsläufig sukzessive nachlassen. Noch zwei, drei solcher Aufrufe in den nächsten Monaten, und die Überschrift »Jüdische und israelische Akademiker kritisieren Israel« wird denselben Kalauerstatus erreicht haben wie das legendäre »Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden ...«. Bis dahin üben wir uns in Geduld.

Medien

Protokollant des täglichen Irrsinns

Der Publizist Henryk M. Broder wird 80. Eine persönliche Würdigung von Reinhard Mohr

von Reinhard Mohr  19.08.2026

Heidelberg

Hüter des Gedächtnisses

Im Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden liegt alles, was jüdische Gemeinden seit 1945 in Deutschland an Dokumenten produziert haben. Jens Hoppe, der Leiter der Einrichtung, sichert die Zukunft der Bestände

von Eugen El  19.08.2026

Programm

Ein Moped-Gottesdienst, Kaffee, Kuchen und ein Zirkus-Koffer in Frankfurt: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 20. August bis zum 27. August

 19.08.2026

Orlando (Florida)

Harrison Ford wird erneut zu Indiana Jones

Diesmal wird der jüdische Darsteller kein Abenteuer auf der Leinwand erleben. Aber worum geht es dann?

 19.08.2026

Film

25 Jahre »A.I.«: Odyssee eines Roboter-Jungen

Ein Vierteljahrhundert ist Spielbergs Film »A.I. – Künstliche Intelligenz« jetzt alt. Das Werk ist extrem rührselig, aber dennoch sehenswert. Und es wirft Fragen auf, die auch 2026 sehr relevant sind

von Gregor Tholl  19.08.2026

Film

Überraschend witzige Geschichte über Begehren und Scham

In der Slasher-Satire »Teenage Sex and Death at Camp Miasma« von Jane Schoenbrun spritzt Blut, Gillian Anderson flirtet und eine junge Regisseurin versucht, ihre eigene Lust zu verstehen

von Shireen Broszies  19.08.2026

Frankfurt am Main

Friedenspreis: Mirjam Zadoff hält Laudatio auf Philipp Sands

Der Menschenrechtsanwalt Philippe Sands erhält eine der angesehensten Auszeichnungen Deutschlands. Nun wurde die Laudatorin bekanntgegeben

 19.08.2026

Rezension

Antidot gegen Lüge und Vernebelung

Richard Herzinger war ein lebenslanger Streiter gegen Antisemitismus jeglicher Couleur. Ein Auswahlband seiner Texte zeigt ihn nun einmal mehr als einen wortmächtig-analytischen Solitär

von Marko Martin  19.08.2026

Kino

»Hiddensee« - Ein Inselparadies, nicht frei von Widersprüchen

Punk am Strand, Kunst und Politik im Laufe der Zeit - eine Doku über die Ostseeinsel Hiddensee und ihre wechselvolle Geschichte

von Kira Taszman  18.08.2026