Pro & Contra

Soll die Diaspora Israel kritisieren?

Solidarität mit Israel: Kundgebung zum 70. Geburtstag des jüdischen Staates in New York, Juni 2018 Foto: Getty Images

Pro –  Micha Brumlik: Jeder Jude kann sich äußern, wie er will – auch zur Siedlungspolitik.

Da das weltweit verstreute jüdische Volk eine Gemeinschaft im Glauben, aber keine politische Gemeinschaft ist, können und dürfen Jüdinnen und Juden die Politik anderer Juden kritisieren, unterstützen oder auch ablehnen. Sie sind dazu aber in keiner Weise moralisch oder gar religiös verpflichtet. In diesem Zusammenhang stellt sich eher die Frage: Welcher Art könnte etwa eine solidarische Kritik an Israel sein?

Hier ein Beispiel: Schon vor Jahren hat der amerikanische, jüdische Historiker Peter Beinart, geboren 1971, zutreffend festgestellt, dass die Herrschaft Israels über die Palästinenser des Westjordanlandes die zionistische Utopie ebenso zerstört, wie sie die Moral des jüdischen Volkes verdirbt. Er hat schon 2012 in seinem Buch Crisis in Zionism prognostiziert, dass zwar in den jüdischen Organisationen der USA die Anhänger eines »antiliberalen Zionismus« an Boden gewinnen werden, der Staat Israel aber dafür bei jungen Juden an Zuspruch verlieren und den meisten nichtorthodoxen amerikanischen Juden zunehmend gleichgültiger wird.

Demokratie Mit alledem wollte sich Peter Beinart, der entschieden für eine Zweistaatenlösung eintritt und für einen Zionismus in der liberalen Tradition im Sinne von Stephen Wise (Gründer des World Jewish Congress) und Abba Hillel Silver (amerikanischer Rabbiner) streitet, nicht abfinden: »Ein liberal denkender Jude, dem es gleichgültig ist, ob der jüdische Staat eine Demokratie bleibt«, so Beinarts Bekenntnis, »versündigt sich ebenso sehr gegen sein Volk wie ein Jude, dem es gleichgültig ist, ob dieser Staat überhaupt überlebt. Die progressiven engagierten Juden in den Vereinigten Staaten dürfen Israel nicht seinem Niedergang überlassen und sich damit begnügen, ihre religiösen und ethischen Ideale zu verwirklichen.«

»Gefragt ist solidarische Kritik. Wir Juden in der Diaspora haben die Folgen unserer Meinungen weit weniger zu verantworten als die Bürger Israels.«Micha Brumlik

Kein Zweifel: Es ist letztlich das prophetische Erbe des Tanach, der Hebräischen Bibel, das aus Beinart spricht: Seien die Juden doch als Volk entstanden, um eine bestimmte Mission in der Welt zu erfüllen. Indem israelische Juden nichtjüdische Mitbürger, nur weil sie Palästinenser sind, anders behandeln als ihresgleichen, begehen sie für Beinart Verrat an der heiligen Mission, zu der Juden an Jom Kippur aufgerufen sind: Sie sollen »die Fesseln des Unrechts lösen, die Stricke des Jochs entfernen und die Versklavten freilassen« (Jesaja 58,6).

Gaza-Krieg Dabei finden sich Stimmen wie die Beinarts keineswegs nur in den USA, sondern auch unter jüdischen Intellektuellen in Frankreich, etwa bei der jüdischen Historikerin Esther Benbassa, die 2010 nach dem ersten Gaza-Krieg zu Protokoll gab: »Ich will nicht Jüdin sein und Israel ablehnen. Ich will auch nicht Jüdin sein und Israels unmoralischen Krieg billigen. Nicht ohne Israel«, so Benbassa, »aber auch nicht mit Israel, so wie es heute ist.«

Mit Blick auf den jüdischen Staat und das internationale Recht ist heute zu fragen, ob der rabbinische Grundsatz »Dina de Malchuta Dina« (»Das Gesetz des Staates ist Gesetz«) nicht auch für das in Entwicklung begriffene internationale Weltrecht gilt, und zwar in der Form, dass heute Menschenrechte und Völkerrecht den gleichen Rang beanspruchen dürfen wie früher die Gesetze der Königreiche.

Das aber hieße nichts anderes, als dass – mit Ausnahme der Weisungen der Tora zum alltäglichen Leben – dieses internationale Recht israelisches, genauer, von Juden gesetztes nationales, Recht, bricht. Infrage steht dann vor allem, ob das kontinuierliche Besiedeln des Bodens des Heiligen Landes wirklich eine Mizwa von ebensolcher Bedeutung wie das Halten der Kaschrut ist, genauer: ob nicht die von israelischen Regierungen seit Jahren betriebene völkerrechtswidrige Besiedlung des Westjordanlandes gegen das Prinzip »Dina de Malchuta Dina« verstößt.

Die in Israel sehr aktive Organisation »Rabbis for Human Rights« jedenfalls vertritt diese These. Diese »Rabbiner für Menschenrechte« gründen ihre Haltung auf zwei Quellen: den universalen Menschenrechten sowie einer humanistischen Interpretation der jüdischen, traditionellen Quellen.

Tanach Auf jeden Fall: Auslegungen, die der universalistischen Ethik vor allem der Propheten des Tanach verpflichtet sind, kommen zu anderen Schlüssen als Auslegungen, die sich – ebenfalls auf den Tanach gestützt – vor allem der Erwählung und Selbstbehauptung Israels verpflichtet sehen. Da sich für beide Perspektiven in der jüdischen Tradition Anhaltspunkte finden lassen, ist Aufgabe eines jeden Juden und einer jeden Jüdin, sich auf der Basis dieser Quellen eine eigene Orientierung zu Fragen der Politik, zu Demokratie und Menschenrechten in Israel zu erarbeiten.

Eines aber gilt auf jeden Fall: Obwohl die Politik des Staates Israel das Leben des Judentums in der Diaspora allemal berührt, gilt dennoch, dass wir Jüdinnen und Juden der Diaspora die Folgen unserer Meinungen im Guten wie im Schlechten sehr viel weniger verantworten müssen, als das bei jüdischen Bürgerinnen und Bürgern Israels der Fall ist.

Micha Brumlik (71) ist emeritierter Erziehungswissenschaftler und Publizist. Er ist Senior Advisor am Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg und einer der Schirmherren des Vereins »Neuer Israel Fonds Deutschland.

 


Contra – Mike Delberg findet: Jüdische Kritik am jüdischen Staat wird allzu oft instrumentalisiert, um Israel zu schaden

»Israelkritik« ist für mich eines der Unworte des vergangenen Jahrzehnts. Kein Land wird so häufig, so unverhältnismäßig und so aggressiv kritisiert wie die einzige Demokratie im Nahen Osten. Man mag meinen, die Welt sei regelrecht besessen von dem, was in diesem kleinen Landstreifen am östlichsten Rand des Mittelmeers geschieht. Vom beliebten Netanjahu-Bashing, der regelmäßigen Täter-Opfer-Umkehr, den BDS-Apartheid-Märchen, bis hin zu dem sich international etablierten Narrativ einer bösen, übermächtigen Imperialmacht, ist die sogenannte Israelkritik quasi zum Lieblingssport von Medien, Politik und Stammtisch geworden. Manche Kritik ist berechtigt, doch nicht selten ist sie auch einfach nur ein Deckmantel für den tief sitzenden Antisemitismus einiger Unverbesserlicher und Fanatiker. »Man wird ja Israel noch kritisieren dürfen«, heißt es dann immer. »Ja«, lautet darauf meine selbstverständliche, aber unverständliche Antwort, »aber warum siehst gerade du dich dazu gezwungen?«

Nun kann ich die Kritik an Israel oder dieser israelischen Regierung, wie es oftmals spezifiziert wird, gelegentlich nachvollziehen. Niemand ist perfekt. Ein kleines Land, das unter ständiger Bedrohung steht, sich trotzdem rasant weiterentwickelt und außer mit seinen Nachbarn noch mit unserem eigenen, nicht ganz pflegeleichten Völkchen fertig werden muss, macht hin und wieder Fehler. Die Frage ist, wie mit diesen Fehlern umgegangen wird – in Israel, in der Öffentlichkeit und auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft.

Täter-Opfer-Umkehr Ich selbst würde mich als jüdisch, deutsch und zionistisch beschreiben – alles gleichwertig prägende Eigenschaften meiner Identität. Als ein in der Diaspora lebender Jude kenne und betrachte ich Israel als Land meiner Vorfahren, als Geburtsort meiner Religion, als traumhaften Urlaubsort und als Lebensversicherung, sollte es für uns in Deutschland einmal ebenso bedrohlich werden, wie es das im benachbarten Frankreich bereits ist. Zio­nismus ist für mich die Selbstverständlichkeit der Existenz eines jüdischen Staates und der Einsatz zur Bewahrung dieser Existenz.

Dennoch sehe ich meine Heimat hier in Deutschland, dem Land, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Und auch in Deutschland habe ich schon früh, ob im jüdischen Jugendzentrum oder auf Machanot, etwas über die Bedeutung und Schönheit Israels erfahren. Bevor ich das erste Mal auch nur einen Fuß in das Land gesetzt habe, entwickelte sich bereits eine regelrechte Romanze, eine auf Überzeugung und Zuneigung basierende Liebesbeziehung zum »Gelobten Land«.

»Kritiker hat Israel bereits genug. Das Land braucht mehr Freunde, die den Unaufgeklärten seine schönen und vielfältigen Seiten zeigen.«Mike Delberg

Paradies Israel war für mich das Paradies auf Erden, aus dem die tollsten Ideen, die mutigsten Menschen und das beste Hummus kam. Je öfter ich jedoch über die Jahre in Israel war, desto mehr veränderte sich mein Verhältnis zum Land. Und das meine ich überhaupt nicht negativ. Je häufiger man einen Ort besucht, mit dem man sich so intensiv beschäftigt, desto mehr weicht die anfängliche Romantik einer realitätsnahen Überzeugung. Ja, in Israel leben ganz normale Menschen, und ja, es gibt Dinge, die nicht beispielhaft laufen oder ausbaufähig sind. Aber all das bestärkt mich nur in meiner Meinung: Ich liebe Israel heute sogar noch mehr als zuvor.

Und aus dieser Liebe heraus verstehe ich die Überzeugung derjenigen Juden in der Diaspora, die sich dazu verpflichtet fühlen, Israel zu kritisieren. Ihr Argument ist häufig, dass sie dadurch dieses kleine, starke Land, das wir alle so sehr lieben, besser machen möchten. An sich ein edler Gedanke. Nur sieht die Wirklichkeit leider oftmals anders aus.

Die Kritik ist nicht selten übertrieben und manchmal zu emotional. Sie kommt moralisch daher, erscheint durch die eigene Zugehörigkeit zum Judentum »ehrlicher«, und sie legt leider auch den falschen Menschen Argumente in den Mund. Diese Menschen wollen aber nicht Israel verbessern – sie versuchen, dem Land zu schaden.

Detailfragen Diskutieren wir Diasporajuden über israelische Probleme, so tun wir das meist auf einem anderen Wissensstand als die uns umgebende Mehrheitsgesellschaft. Während wir also intensiv und leidenschaftlich über Detailfragen debattieren, um Israel tatsächlich ein Stückchen besser zu machen, ist leider oftmals das Einzige, was in der Öffentlichkeit ankommt, dass Juden über den jüdischen Staat schimpfen. Daher stelle ich mir eine simple Frage: Warum müssen auch noch wir Israel öffentlich kritisieren?

Dürfen auch wir Juden in der Diaspora Kritik an Israel üben? Selbstverständlich! Aber warum einigen wir uns nicht lieber darauf, der Welt die »andere« Seite der Medaille zu zeigen? Kritiker hat Israel bereits genug. Was es braucht, sind mehr Freunde, die den Unaufgeklärten und Interessierten all die vielen schönen, positiven und vielfältigen Seiten dieses Landes zeigen. So konstruktiv die Kritik unserer jüdischen Überzeugungstäter auch gemeint sein mag – ist sie tatsächlich kons­truktiv, wenn sie dem Land letztendlich mehr schadet als hilft?

Mike Delberg (29) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag, Mitglied im Ortsvorstand der CDU Berlin-Moabit, Repräsentant der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Mitglied im Präsidium von Makkabi Deutschland.

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