Literatur

Neobarock aus Tel Aviv

Definititiv lesenswert! Foto: PR

Literatur

Neobarock aus Tel Aviv

Jetzt können auch endlich deutsche Leser Alexander Goldsteins Roman »Aspekte einer geistigen Ehe« entdecken

von Harald Loch  22.04.2021 09:22 Uhr

Als ob nicht jede Literatur Versuch wäre, unterscheidet man den Essay (also »Versuch«) von den anderen Prosagenres. Oft wird er auch »die unvollendete Art, Gedanken zu formulieren«, genannt, als ob nicht jede Philosophie weitergedacht werden könnte, also unvollendet bleiben muss. Allerdings ist es kein Paradox, dass es zwar unvollendete, aber gelungene Essays gibt.

Konvolut Ein mit 20-jähriger Verspätung zum deutschsprachigen Publikum gelangendes beeindruckendes Konvolut solcher literarisch und gedanklich streng gefasster Essays erscheint nun mit Alexander Goldsteins Aspekte einer geistigen Ehe nächste Woche im Verlag Matthes & Seitz. Bei den rund 50 Prosastückchen auf gut 300 Seiten könnte man an »Kleinkunst« denken – doch weit gefehlt: Jedes einzelne ist durchdachte und stilistisch akkurat gefeilte Literatur.

Der Essayist Goldstein beeindruckt durch die Vielfalt der Themen, über die er nachdenkt und schreibt. Er überrascht mit manchem seiner Gedanken, die sein Publikum zum Nachdenken zwingen. Er schleift seine Prosa nicht stromlinienförmig zu leicht zu konsumierender postmoderner Kost, er verzichtet auf die elegante Politur, er gräbt nach dem treffenden Wort, der weiterführenden Metapher, der den Gedanken erhellenden Syntax.

Baku Alexander Goldstein ist 1957 in Tallinn (Estland) geboren und in Baku (Aserbaidschan) aufgewachsen. Dort hat er auch studiert und in Literaturwissenschaft promoviert. 1991 wanderte er nach Israel aus und starb mit nur 48 Jahren an einer Krebserkrankung in Tel Aviv. In Israel arbeitete er für die Zeitung »Vesti« und für das russisch-israelische Magazin »Zerkalo«. Dort sind einige der jetzt von Regine Kühn kongenial übersetzten Essays erschienen.

Worum geht es darin? Die Palette seiner Themen ist überwältigend: Er polemisiert gegen die postmoderne Verflachung der Kunst, vor allem der postsowjetischen Literatur. Der westlichen konsumierbaren Kultur hält er vor, »weder Samen noch Blut« zu haben und die Grundfragen der Existenz nicht zu stellen.

Er setzt sich mit dem Begriff und Inhalt von »Nation« auseinander, schreibt über die in Israel tätigen ausländischen Arbeiter aus Asien und macht sich Gedanken über die Unterschiede von Aschkenasen und Sefarden. In einer längeren Essayfolge bewundert er den japanischen Schriftsteller und Kaiser-Nationalisten Yukio Mishima: Dessen physisches und politisches Scheitern hält er für »gelungen«, weil es beweist, dass sein existenzielles Risiko hoch genug gewesen sei.

Am anderen Ende der politischen Skala setzt er Che Guevara ein philosophisch begründetes Denkmal. In seinem einzigen erotischen Essay bekennt sich der Erzähler zu der eigentlich unmöglichen Liebe zu der russischsprachigen Prostituierten Allotschka aus dem Amüsierviertel von Tel Aviv.

Novellen Manche Essays haben die Dichte und Aussagekraft von Novellen im Kleist’schen Sinn, und einige Kritiker halten seine Sprache für »Neobarock«, was den elitären Ansatz seiner Sprache verniedlicht. Goldstein stellt an sich und an seine Leser hohe Ansprüche und verfolgt kompromisslos sein ästhetisches Projekt, wie die an der Humboldt-Universität Berlin unterrichtende Literaturwissenschaftlerin und Slawistin Ekaterina Vassilieva in ihrem ausgezeichneten Nachwort befindet.

Alexander Goldsteins Essays stammen von einem hochgebildeten »Grenzgänger« zwischen den Kulturen und einem die eigene Existenz in die Waagschale des Lebens werfenden außerordentlichen Stilisten. Es lohnt sich sehr, diesen außergewöhnlichen israelischen Erzähler zu entdecken.
Harald Loch

Alexander Goldstein: »Aspekte einer geistigen Ehe«. Matthes & Seitz, Berlin 2021, 336 S., 28 €

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