Literaturgeschichte

Narischkajten

Der erste Jecke: Till Eulenspiegel Foto: cc

Ende 2009 tauchte beim Genisa-Fund in der Bayreuther Synagoge neben religiösen Schriften und Kultusgegenständen auch ein jiddisch beschriebenes Blatt aus dem Homburger Eulenspiegel-Druck von 1735 auf. Von dieser Ausgabe wurden – wie Elisabeth Singer, Mitarbeiterin am Genisaprojekt Veitshöchheim am dortigen Jüdischen Kulturmuseum, berichtet – auch schon in anderen Genisot einzelne Blätter gefunden.

Erst kürzlich konnten in der Genisa von Reckendorf (Landkreis Bamberg) zwei umfangreichere Fragmente geborgen werden. Jiddische Textzeugnisse über den Schalksnarren reichen, wie Hermann-Josef Müller, Experte für die Überlieferung des Volksbuchs, gezeigt hat, räumlich von Ostschwaben über die Druckorte Frankfurt/Main, Homburg, Prag und Breslau bis nach Novy-Dwór bei Warschau, zeitlich von 1600 bis 1806.

Branntwein Dem chassidischen Autor Chajim Bloch zufolge fand sich »in vielen jüdischen Häusern Till Eulenspiegel im Liebhaberexemplar«. Worin lag die Faszination? Die subtile Form der Entlarvung beruht bei Eulenspiegel darauf, bildliche Redewendungen beim Wort zu nehmen. Das zeigt sich auch im Druck aus Novy-Dwór: »Eilenschpigel loust ainmohl seine alte muter un trekt ihr die hare ous den kopf. Si schri: Kanalje, was machstu? Antwort er: Ich zi dir die groue hare ous, du solst nit alt weren.« (»Einmal suchte Eulenspiegel den Kopf seiner alten Mutter nach Läusen ab und riss ihr dabei Haare aus. Sie schrie: Kanaille, was machst du? Er antwortete: Ich reiße dir die grauen Haare aus, du sollst nicht alt werden.«)

Bei Eilenschpigels testament und toht erklingen auch ernste Töne: »Wen ich schterben werde, sol man mich noch meinem toht far fil brandwein-heiser farbei tragen. Fileicht werde ich fon den geruch wider lebendig.« (»Wenn ich sterbe, soll man mich nach meinem Tod an vielen Schankwirtschaften vorbeitragen. Vielleicht werde ich vom Branntweingeruch wieder lebendig.«)

In der Schrift Hersch Ostropoler: ein jüdischer Till Eulenspiegel des 18. Jahrhunderts präsentiert Bloch 1921 noch einen weiteren Spaßvogel: »Kennt aber jemand von euch den Namen Hersch Ostropolers? Er war in seinem köstlichen und ergreifenden Spott Till Eulenspiegel ebenbürtig, vielleicht sogar überlegen, nur sind seine Streiche mit den Begriffen von Wohlanständigkeit eher vereinbar. Und das ist vielleicht die Ursache seines Verkanntseins.«

Ostropoler Prägnant schildert Bloch die Nähe der Maulhelden. Eulenspiegels Wunsch, man möge ihm Branntwein ins Grab gießen, ging für sein jüdisches Pendant Ostropoler in Erfüllung: »Rabbi Baruch ging einmal mit einer großen Gemeinde zum ›Haus des Friedens‹, suchte Herschs Grab auf und schrie: ›Hersch, warum liegst du so vertrocknet?‹

Er ließ ein wenig Schnaps bringen, er selbst machte am Grabe ein kleines Grübchen und schüttete darein ein Maß des Schnapses. Dabei sprach er: ›Erquicke dich ein wenig und liege nicht vertrocknet.‹ Darauf sagte er Kaddisch und ging nach Hause. Was der Rabbi damit bezwecken sollte, blieb bis zum heutigen Tage ein Rätsel.«

Der Berliner Literat Edmund Edel schätzte Ostropoler, »den Hofnarren der wolhynisch-podolischen Judenschaft«. Über jüdischen Humor schrieb er 1909 in seinem Werk Der Witz der Juden: »Trotz aller Säure finden wir viel Verwandtes zwischen ihm und dem Humor eines Onkel Bräsig oder der pedantischen Spitzfindigkeit eines Till Eulenspiegel.« Er gab auch ein Beispiel für »eine echt jüdische Eulenspiegelei: Einer kommt an den Postschalter und fragt den Herrn Expeditor: Wann geht die Post nach Meseritz? – Alle Tage! – Montags auch?«

Programm

Marathon-Mann, Swingende Hermline und ein festliches Triple in Karlsruhe: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 23. Juli bis zum 30. Juli

 22.07.2026

Europatournee

Bob Dylan kommt im Herbst nach Deutschland

Der jüdische Sänger und Songschreiber wird sieben deutsche Bühnen in Beschlag nehmen. Heute beginnt der Vorverkauf

 22.07.2026

Paris

Berührend: Was seine Tochter dem »Asterix«-Schöpfer schreibt

Millionen kennen René Goscinny wegen »Asterix«. In »Das Klimpern der Schlüssel« schreibt ihm seine Tochter Anne als Erwachsene einen Brief. Daraus entstand ein berührendes Buch, nun auch auf Deutsch

von Sabine Glaubitz  21.07.2026

Musik

»Bombentalent und schäbiger Charakter«

150 Jahre Bayreuther Festspiele: Warum Gespräche über Richard Wagner und seinen Judenhass auch heute noch notwendig sind

von Maria Ossowski  21.07.2026

Musikgeschichte

Die Rückkehr der vergessenen Namen

Was die Nationalsozialisten aus dem Musikleben verbannten, ist bis heute oft vergessen. Ein Langzeitprojekt arbeitet daran, dass sich das ändert.

von Evelyn Sander  20.07.2026

Die DJ Sama’ Abdulhadi bei der Arbeit, 2025 in London

Hamburg

Techno-Festival lässt Hamas-Sympathisantin auflegen

Obwohl sie die Massaker vom 7. Oktober verteidigt hat, durfte DJ Sama’ Abdulhadi beim Habitat-Festival auflegen. Die Antisemitismusbeauftragte Anna von Villiez hatte zuvor ihre Ausladung gefordert

 20.07.2026

Debatte

Danger Dan und Igor Levit: So reagiert »Die Anstalt« in ihrer Sendung auf die Absage des ZDF

In seiner Jubiläumssendung geht das »DieAnstalt«-Team ausführlich auf den Streit ein

 19.07.2026

NRW

Minister sieht bei Danger Dan-Song Nähe zu Extremisten

Der Rapper Danger Dan darf einen neuen Song nicht in der Satiresendung »Die Anstalt« präsentieren. Nun meldet sich der NRW-Medienminister zu Wort, der auch im ZDF-Fernsehrat sitzt

 18.07.2026

Zahl der Woche

70 Prozent

Fun Facts und Wissenswertes

 18.07.2026