Essay

Nächstes Jahr in Berlin?

Nein, die Medien beschäftigen sich kaum mit dem Impfdesaster in Deutschland oder der EU. In Israel drehte sich in den letzten Wochen in erster Linie alles um die Parlamentswahlen am 23. März und die Frage: Bibi oder nicht Bibi?

Ansonsten drehte sich alles um das eigene Impfwunder, um die Frage, wann man endlich wieder reisen kann, wie unsinnig die Beschränkungen am Flughafen Ben Gurion sind und dass man sich wie im Gefängnis fühlt, wenn man Israel nicht verlassen kann. Aber auch um die Freude, dass die Impfungen allmählich wieder ein normaleres Leben zulassen. Man geht ins Restaurant, sogar das Israel Philharmonic Orchestra hat schon wieder erste Konzerte gegeben. Man kann auch wieder zu Geburtstagspartys gehen. Und Pessach wird man mit der Familie gemeinsam feiern können. Deutschland? Weit weg. Geografisch, flugtechnisch – und vom Lebensgefühl.

ERSTAUNEN Doch in privaten Gesprächen kommen viele Israelis auf mich zu und fragen mit blankem Erstaunen immer wieder: Wie kann das sein? Wieso geht ausgerechnet in Deutschland, diesem super organisierten, perfektionistischen, durchorganisierten Staat alles schief?

Die Israelis sind erstaunt: Warum geht ausgerechnet in Deutschland plötzlich alles schief?

Anfänglich habe ich versucht, seriöse Antworten zu geben. Erklärte, dass die Bundesrepublik die Digitalisierung komplett verschlafen hat, dass die Verwaltung umständlich und quälend ist, dass für jeden kleinen Vorgang unendlich viele Formulare ausgefüllt werden müssen. Und dass die Deutschen und die EU eine katastrophale Einkaufspolitik betrieben haben als es darum ging, schnell und rechtzeitig Impfstoff zu erhalten. Dass man um den Preis gefeilscht hat ...

Aber irgendwann merkte ich, dass die meisten, die mich fragten, gar keine Details wollten. Es war eher eine Verwunderung über das Versagen Deutschlands und unendlicher Stolz, dass man wenigstens die Impfung ziemlich toll hinbekommen hat, wenn schon vieles andere in Israel einem atemberaubenden Missmanagement unterliegt. Und so habe ich die Erklärung für das, was in Deutschland geschieht, irgendwann auf ein Bonmot reduziert: Nun, in Deutschland herrscht israelischer Balagan (Chaos), in Israel deutsche Ordnung. Punkt. Alle lachen daraufhin und sind’s zufrieden.

ARBEITSLOSENZAHL Denn wie in vielen anderen Ländern weltweit gibt es infolge der Corona-Krise auch in Israel zurzeit nicht viel, worauf man in diesen Tagen stolz sein kann. Die Arbeitslosenzahl in Israel ist immer noch extrem hoch, mehr als 600.000 Menschen sind in dem Neun-Millionen-Land Corona bedingt immer noch ohne Job. Finanzielle Unterstützung ist von Seiten des Staates kaum vorhanden, im Gegensatz zu Deutschland. Die Pandemieregelungen waren mindestens so chaotisch wie in Deutschland.

Und damit ist man schnell beim in Israel ebenso geliebten wie verhassten Benjamin Netanjahu angelangt, dem sogar linke Kritiker Respekt dafür zollen, dass er schnell und richtig gehandelt hat, als er bei Pfizer vorstellig wurde und den CEO Albert Bourla halb wahnsinnig machte, weil er ihn angeblich 17 Mal anrief, sogar mitten in der Nacht, um den Impfstoff für Israel zu sichern. Bourla hat sich irgendwann darüber beschwert, dass der israelische Premier ihn nur noch genervt habe mit dessen ewigen Anrufen.

Doch Netanyahu hat sogar das noch für sich verwertet im Wahlkampf: Seht her, ich ruhe nicht, bis ich das Leben jedes einzelnen Israeli gerettet habe, ich setze mich Tag und Nacht für euch ein, auch wenn ich den Menschen auf die Nerven gehe. Kein Wort darüber, dass unter Premier Netanjahus katastrophalem Handling der Pandemie mehr als 6000 Menschen sterben mussten. Auf die Bundesrepublik hochgerechnet wären das etwa 60.000 Tote. Israel steht also de facto gar nicht so viel besser da als Deutschland. Doch ab jetzt, zumindest bis es zu einer neuen Mutation kommt, die eventuell die Wirksamkeit der Impfung außer Kraft setzt oder schwächt, ab jetzt also ist Israel Deutschland überlegen, keine Frage.

BEMERKUNG Interessant ist, dass den Israelis erst relativ spät bewusst wurde, dass der Impfstoff, den sie sich in den Arm jagen lassen, aus Deutschland kommt. Er heißt in Israel, wie fast überall auf der Welt, nur »Pfizer«, wird also als amerikanisch verortet. BioNtech tauchte so gut wie nie auf. Erst in den letzten Tagen kommt es vermehrt zu Artikeln über die beiden türkischstämmigen Forscher aus Deutschland. Und natürlich machte ein Israeli mir gegenüber dann auch noch eine blöde Bemerkung, lachend natürlich: »Also die Deutschen sind nicht einmal mehr in der Lage, selbst einen Impfstoff zu erfinden, sie brauchen Türken?«

Selbst linke Israelis loben auf einmal Premier Netanjahu für seinen Deal mit Pfizer.

Als ich ihn darauf aufmerksam mache, dass die beiden Forscher Deutsche sind, schaut er mich belustigt an: »Ja, sicher. Aber erzähl mir doch nicht, dass die Deutschen das auch so sehen. Oder finden sie die jetzt gerade deutsch, weil sie erfolgreich sind und sich die Nation so den Erfolg an ihr Revers heften will?« In eine identitätspolitische Diskussion wollte ich nun wahrlich nicht einsteigen in einem Land, in dem sogar unter Juden ständig unterschieden wird zwischen Aschkenasim und Misrachim, zwischen einer »Polania« und einer »Marokkait«, also über prototypische, ethnische Frauenbilder, über die sich Kabarettisten gerne lustig machen.

Nein, in Israel ist man weit weg von Deutschland, feiert die Rückkehr des Lebens. Doch es gibt zum Glück viele Israelis, die begreifen, dass man eben nicht auf einer Insel der Glückseligen lebt. »Wie kann man das Leben zurückbekommen, wenn in Europa das Virus weiterhin herumtobt? Wir hängen doch alle voneinander ab. Wirtschaftlich, kulturell. Hoffentlich schaffen es die Deutschen und die Europäer bis zum Sommer. Sonst wird’s auch in Israel wieder düster.«

Der Israeli, der mir das sagte, war keine 30 Jahre alt. Er will die Welt erobern, wie das in seinem Alter normal ist. Wie soll er das ohne erfolgreiche Impfungen weltweit? Und so blicken alle nachdenklichen Israelis bange nach Berlin, nach Paris, Rom, Washington, Beijing. Und hoffen. Für die Menschen dort. Und für sich selbst.

Der Autor ist Editor at Large bei der ARD, Publizist und lebt in Tel Aviv.

Eröffnung

Ausstellung in Osnabrück beleuchtet Antisemitismus

2026 jährt sich das Ende der ersten jüdischen Gemeinde in Osnabrück zum 600. Mal. Mit einer Ausstellung erinnert das Museumsquartier an diese frühe Phase jüdischer Geschichte. Auch die Wurzeln des Antisemitismus werden sichtbar

 19.03.2026

Vladimir Vertlib

Ein Marrane als Leibarzt

Mit seinem Roman »Der Jude der Kaiserin« zeigt sich der österreichische Autor als Meister des historischen Genres

von Alexander Kluy  19.03.2026

Eurovision Song Contest

ORF will ESC-Sicherheitskonzept nicht verschärfen

Auch trotz des Krieges gegen den Iran sei strengere Sicherheitsauflagen nicht nötig, weil das Konzept bereits auf die Weltlage ausgelegt sei

 19.03.2026

Philosophie

Habermas, Israel und die Juden

Eine kritische Würdigung

von Frederek Musall  19.03.2026

Programm

Drei Chöre, 100 Synagogen und ein Unbezähmbarer: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 19. bis zum 26. März

 18.03.2026

Nachruf

Der die Debattenkultur formte

Jürgen Habermas prägte die Bundesrepublik, positionierte sich im »Historikerstreit«, setzte Begriffe und gab Orientierung. Zum Tod des großen Philosophen

von Johannes Heil  18.03.2026

Literatur

Als die Donau durch Kakanien floss

Zur Leipziger Buchmesse: Eine (jüdische) Vision für ein Europa der Regionen, Religionen und der Vielfalt

von Awi Blumenfeld  18.03.2026

Literatur

Gefühle und Zustände

Lena Gorelik schreibt über »Alle meine Mütter«

von Sharon Adler  18.03.2026

Sachbuch

Unter Gedächtnisbeton

Ines Geipel widmet sich in »Landschaft ohne Zeugen« der Rolle kommunistischer Häftlinge im KZ Buchenwald und der Nicht-Aufarbeitung in der DDR

von Steffen Alisch  18.03.2026