Vor 75 Jahren

Musik für das Menschsein

Yehudi Menuhin im März 1939 Foto: imago/United Archives International

Juli 1945: Der Krieg in Deutschland ist vorbei. Tausende Menschen waren von den Alliierten aus den Konzentrationslagern befreit worden. Viele Überlebende fanden sich als Heimatlose wieder.

Sie hatten zwar die Todesmaschinerie der Nationalsozialisten überlebt, aber kein zu Hause und oft keine Familie mehr, wussten nicht wohin oder konnten zu dem Zeitpunkt aus Deutschland nicht weg. Einige ehemalige Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge und Juden lebten mehrere Jahre in Camps in Deutschland.

displaced persons Für diese sogenannten Displaced Persons (DP) spielten der Geiger Yehudi Menuhin und der Pianist Benjamin Britten wenige Wochen nach Kriegsende in Deutschland Konzerte. Mehrere Tage fuhren sie durch die britische Besatzungszone – im Gepäck »mehr oder weniger die gesamte Violinliteratur«, wie Menuhin später schreibt. Am 27. Juli 1945 spielten sie zwei Konzerte im größten DP-Camp Bergen-Belsen.

Das Konzentrationslager in der Lüneburger Heide wurde am 15. April von britischen Truppen befreit. Schätzungen zufolge waren von 1939 bis 1945 rund 120.000 Menschen dort gefangen, mehr als 50.000 starben, Tausende ausgemergelt und krank noch nach der Befreiung. Nach dem Krieg wurden in der ehemaligen Wehrmachtskaserne in der Nähe Unterkünfte eingerichtet für Überlebende, die sich vor allem in zwei Gruppen teilten: polnische Katholiken und Juden aus Osteuropa.

Die Musik solle Hoffnung und ein Stück Menschsein zurückgeben, beschreibt Menuhin, selbst in einer jüdischen Familie aufgewachsen, in seiner Autobiografie das Anliegen der ungewöhnlichen Konzertreise. »Wie viele Juden oder Nichtjuden in diesen Tagen sah ich mich einer Wirklichkeit konfrontiert, die jegliche Vorstellungskraft überstieg und von mir, dem unversehrt Gebliebenen, Trauer, Reue und Mitgefühl den Überlebenden gegenüber forderte.«

augenzeugen Berichte von Augenzeugen legen nahe, dass die Auftritte von den Überlebenden mit gemischten Gefühlen aufgenommen wurden, gibt die Historikerin Katja Seybold von der Gedenkstätte Bergen-Belsen zu bedenken.

Bei den Konzerten prallten Welten aufeinander. Eineinhalb Stunden klassische Musik, darauf konnten sich viele Überlebende zu dem Zeitpunkt nicht einlassen.

Bei den Konzerten prallten Welten aufeinander: Auf der einen Seite zwei Musiker aus dem Ausland, die während des Kriegs weitgehend fernab in den USA lebten, die Anteil nehmen wollten, aber wohl keine realistische Vorstellung von der Lage der Menschen in den Konzentrationslagern hatten – auch wenn Menuhin während des Krieges mehrfach für Soldaten der Alliierten gespielt hatte. Auf der anderen Seite Menschen, denen die Nationalsozialisten alles genommen hatten.

Obwohl auch Überlebende im DP-Camp bereits Konzerte veranstaltet hatten, um »mit Musik einen Bezug zum alten Leben und eine Perspektive herzustellen«, sei das Publikum sehr unruhig gewesen, sagt Seybold. »Es gab zunächst auch keinen Applaus.« Eineinhalb Stunden klassische Musik, darauf hätten viele Überlebende sich zu dem Zeitpunkt nicht einlassen können. Andere störten sich daran, deutschen Komponisten wie Johann Sebastian Bach und Ludwig van Beethoven zuhören zu müssen, fragten, warum nichts Jüdisches gespielt werde.

erlebnis Als »wunderbaren Abend« beschrieb dagegen Cellistin Anita Lasker-Wallfisch das Erlebnis. Sie überlebte Bergen-Belsen und zuvor Auschwitz, wo sie im Mädchenorchester spielte und die Musik ihr mutmaßlich das Leben rettete. »Dass Menuhin geigerisch vollendet gespielt hat, ist wohl überflüssig zu erwähnen. Was seinen Begleiter betrifft, kann ich nur sagen, dass ich mir etwas Wunderbareres kaum vorstellen kann. Man hat überhaupt nicht gemerkt, dass da begleitet wird, und trotzdem musste ich wie gebannt auf diesen Mann sehen, der auf seinem Stuhl saß, als ob er nicht bis drei zählen könnte, und so vollendet schön spielte.«

Seybold sagt: »Wesentliche Informationen zu den Konzerten sind nicht überliefert, und zum Teil widersprechen sich Aussagen.« Weder ist klar, wer die Initiative für die Konzerte ergriff, noch was genau gespielt wurde. Britten äußerte sich öffentlich nie zu den Erlebnissen in Bergen-Belsen, Menuhin unkonkret – dennoch scheint die Erfahrung bei beiden Spuren hinterlassen und ihr Wirken beeinflusst zu haben. Menuhin schreibt rückblickend: »Solange ich lebe, werde ich diesen Nachmittag nicht vergessen.«

Meinung

Warum ich mich für meine Teilnahme am »Dschungelcamp« niemals schämen würde

Die »Lindenstraßen«-Darstellerin Rebecca Siemoneit-Barum war 2015 bei der berühmt-berüchtigten RTL-Sendung in Australien dabei. Hier erzählt sie, was die Zeit im Dschungel bis heute für sie bedeutet

von Rebecca Siemoneit-Barum  06.02.2026

Erfurt

Einzigartiges Klezmer-Projekt: Jubiläumskonzert zum Zehnjährigen als »Höhepunkt eines Prozesses«

Im Klezmerorchester Erfurt musizieren Laien und Profis gemeinsam. Nun feiert das Projekt sein zehnjähriges Bestehen - mit einem einzigen Konzert

von Matthias Thüsing  06.02.2026

Fernsehen

Doku über Geisel-Familie zeigt zerrissene israelische Gesellschaft

Ein 3sat-Dokumentarfilm zeigt das Martyrium einer amerikanisch-israelischen Familie, deren Angehörige am 7. Oktober 2023 von der Hamas entführt wurde

von Manfred Riepe  06.02.2026

Australien

»Action, Action, Action« im Dschungel

Regeln sind Regeln. Und Überraschungen sind Überraschungen: Jetzt unterhalten sich sogar Ariel und Gil

von Martin Krauß  06.02.2026

Berlin

Liebermann-Villa zeigt »Alles für die Kunst!«

Seinen Erfolg musste sich der Künstler Max Liebermann hart erkämpfen. Eine Ausstellung in der Liebermann-Villa am Berliner Wannsee zeigt, wie strategisch und konsequent er dabei vorging.

 05.02.2026

Kulturkolumne

Make Judaism cool again!

Wie Tel Aviver Mode für Empowerment und Hoffnung sorgt

von Sophie Albers Ben Chamo  05.02.2026

Theater

Mit Kufiya und Kippa

Noam Brusilovskys Stück »Fake Jews« in Berlin knüpft an die Geschichte von Fabian Wolff an

von Stephen Tree  05.02.2026

Film

Ganz links in der Ecke

»Coexistance, my Ass« porträtiert die israelische Comedian Noam Shuster Eliassi und ein polarisiertes Land. Doch eine wichtige Info fehlt

von Ayala Goldmann  05.02.2026

Los Angeles

Barry Manilow sagt nach Lungenkrebs-OP Konzerte ab

Nach wochenlanger Bronchitis fanden Ärzte einen »krebsartigen Fleck« in seiner Lunge - so erzählte es der jüdische Sänger im Dezember. Nun braucht er Ruhe nach dem Eingriff und zieht Konsequenzen

 05.02.2026