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»Mütter sind wie die Mafia«

»Ich bin die moderne Version der jiddischen Mamme«: Ayelet Waldman Foto: Reenie Raschke

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»Mütter sind wie die Mafia«

Die Autorin Ayelet Waldman über Kinder als Ehekiller

von Philipp Peyman Engel  16.08.2010 19:12 Uhr

Frau Waldman, Sie haben ein Buch mit dem Titel »Böse Mütter« geschrieben, das jetzt auch in Deutschland erschienen ist. In den USA gab es darauf ziemlich harte, für Sie unangenehme Reaktionen.
Die waren nicht bloß unangenehm, sondern geradezu furchteinflößend. Sie können sich nicht vorstellen, wie militant amerikanische Mittelschichtmütter, »Hockey Moms«, wie man sie hier nennt, werden können, wenn ihr einziger Lebensinhalt – Kinder, Ehemann und Haushalt – infrage gestellt wird. Ich habe täglich hunderte E-Mails von wütenden »Böse-Mutter- Polizistinnen« erhalten, wie ich sie nenne, und wurde mehrmals sogar vom Jugendamt angesprochen, weil dort ständig anonyme Anzeigen gegen mich erstattet wurden. Es war der reinste Horror.

Was haben Sie sich denn nach Ansicht dieser »Böse-Mütter-Polizei« zuschulden kommen lassen?
Ich habe in meinem Buch ausgesprochen, was viele Mütter fühlen und denken, sich aber nicht trauen öffentlich zu sagen: dass ich meinen Mann mehr liebe als meine Kinder; dass es mich alles andere als glücklich gemacht hat, nur für sie und den Haushalt zu leben; dass ich es lange Zeit bereut habe, meinen gut bezahlten und hochangesehenen Job als Strafverteidigerin für meine Kinder aufgegeben zu haben; dass Babys nicht immer nur niedlich sind, sondern oft auch ganze Nächte durchschreien; dass das Sexleben von mir und meinem Mann (dem Schriftsteller und Pulitzerpreisträger Michael Chabon, A. d. Red.) infolge meiner vier Schwangerschaften zeitweise zum Erliegen kam und mein Körper sich durch die Geburten anfühlte wie eine ausgepresste Apfelsine.

Es scheint, als hätten Sie damit bei vielen Müttern einen wunden Punkt getroffen.
Absolut. Wie soll sich eine Hausfrau und Mutter auch anders fühlen? Sie leistet tagtäglich Knochenarbeit, und dann komme ich daher und behaupte, dass diese Mühen zwar wichtig sind, aber eben alles andere als das Einzige im Leben einer Frau sein sollten. Eine solche Fahnenflucht bestraft die Böse-Mütter-Polizei sofort. Es ist wie die Omertà in der Mafia: Wer das Gesetz des Schweigens bricht, der wird bestraft. Doch in gewisser Weise kann ich den Zorn dieser Frauen auf mich auch nachvollziehen.

Inwiefern?
Ich selbst war schließlich auch mal eine von ihnen. Ich erinnere mich an unzählige Tage, an denen ich gelangweilt und todtraurig am Spielplatz gesessen habe, während meine Kinder vergnügt spielten. Lange Zeit hatte ich deswegen Schuldgefühle und konnte mir nicht eingestehen, dass es nichts Verwerfliches ist, wenn eine erwachsene Frau, die, wie ich, in Harvard Jura studiert hat, nicht länger nur über Babynahrung oder vom Stillen entzündete Brustwarzen sprechen möchte. Ich habe mich lebendig begraben gefühlt, nachdem ich für die Kinder meinen Job an den Nagel gehängt hatte.

War das der Punkt, an dem Sie beschlossen, sich selbst neu zu erfinden und Schriftstellerin zu werden?
Ja, denn wenn ich nicht angefangen hätte zu schreiben, wäre ich an mir selbst erstickt. Ich hätte es auf ewig bereut, wegen der Kinder meinen stets sehr erfüllenden Job aufgegeben zu haben. Ich bin gerne Mutter und Ehefrau, aber eben auch genauso gerne Schriftstellerin. Das eine ist ohne das andere zu wenig. Mein Mitleid mit der Böse-Mütter-Polizei ist also keineswegs geheuchelt, denn ich weiß, dass Mutter zu sein und Karriere zu machen in der Regel nicht miteinander vereinbar sind. Nicht jede Vollzeitmutter kann wie ich abends Kriminalromane schreiben.
Sie sehen für die meisten Mütter also keinen Weg aus diesem Dilemma?
Nein. Es läuft in den meisten Fällen auf entweder Karriere oder Kinder hinaus. Entscheidet man sich dennoch für beides, wird man beklagen, zu wenig Zeit mit seinen Kindern verbracht zu haben, oder man wird bereuen, dass man zu wenig Zeit in die Karriere investiert hat. Wie man sich auch entscheidet, es wird die falsche Entscheidung sein, denn eine richtige gibt es nicht.

Das klingt ziemlich desillusionierend.
Ja, weil dieses ganze Kapitel für Frauen tatsächlich desillusionierend und schwierig ist.

Woran liegt es? Am Indiviuum oder an der Gesellschaft?
Sowohl als auch. Trotz aller Emanzipation gebären nach wie vor wir Frauen die Babys. Evolutionsbiologisch ist es deshalb so, dass die Mutter eine viel stärkere Bindung zu dem Kind hat als der Vater. Aber selbst wenn sich der Vater statt der Mutter hauptberuflich um das Baby kümmern wollte, ist das oft schwierig, weil Frauen immer noch schlechter bezahlt werden, so dass dann meist der Mann arbeiten geht. So führt das eine zum anderen.

Wie haben eigentlich Männer auf Ihr Buch reagiert?
Im Gegensatz zu Frauen lieben Männer mein Buch. Sie schreiben mir und fragen mich: »Wie schaffe ich es, dass meine Frau wird wie Sie?«

Was meinen die Männer damit genau?
Ganz einfach: In meinem Buch rate ich jeder Frau dazu, ihren Mann der Kinder wegen nicht zu vernachlässigen und nach der Schwangerschaft weiterhin mit ihm zu schlafen – auch wenn ihr vom Gefühl her nichts ferner liegt. Sex stärkt nun einmal die Beziehung. Es hat gute Gründe, warum Sexualität im Judentum als Mizwa gilt. In der Tora stehen entsprechende Passagen. Deshalb habe ich auch viel Zuspruch von rabbinischer Seite erhalten.

Das ist das ganze Geheimnis einer funktionierenden Ehe, nachdem ein Kind da ist? Die Frau soll sich zum Sex überwinden?
Nicht nur. Ich wende mich auch an die Männer. Denen kann ich nur raten: »Macht den Abwasch und tragt den Müll raus!« Glauben Sie mir, Hausfrauen finden nichts erotischer als einen Partner, der sie im Haushalt entlastet. Fragen Sie nur all die männlichen Leser, die mir dankbar schreiben, dass sie seit Jahren zum ersten Mal wieder anderes als den üblichen Standard-Sex haben. (Waldman unterbricht kurz und ruft ihrem Sohn zu: »Abe, das Spielzeug, räum deine Sachen weg!«) Wo waren wir stehen geblieben?

Wir waren bei Ihren Tipps zur Ehehygiene.
Genau. Männer sind simple Tiere, die einfach zu befriedigen sind. Und wenn es dem häuslichen Frieden nützt, warum nicht? Mit diesem Ratschlag habe ich schon viele Ehen gerettet. Vermutlich bin ich die neue Dr. Ruth.

Wie die sehen Sie aber gar nicht aus.
Äußerlichkeiten können täuschen. Meine männlichen Leser – unter denen verblüffenderweise viele jüdische Muttersöhnchen sind – kennen mich nicht wirklich. Ich bin in Wirklichkeit eine neurotische, besorgte und hypernervöse jiddische Mamme.

Sie, eine jiddische Mamme?
Ja, die moderne Version. Eine Mamme, für die das Wohl des Kindes und des Mannes wichtig ist, aber eben nicht auf Kosten der eigenen Wünsche. Ein Typus jiddische Mamme, wie ihn sich nicht einmal Philip Roth hätte ausdenken können. Alexander Portnoys Mutter ist nichts im Vergleich zu mir. Ich gehe sogar so weit und wünsche mir insgeheim, dass mein geliebter jüngster Sohn schwul wird. Dann würde ich ihn, wenn ich alt und krank bin, nicht an eine herrschsüchtige, egoistische Gattin verlieren. Denn das ist früher oder später das Los aller Mütter. Philip Roth sollte sich wirklich mal mit mir zusammensetzen, ich könnte ihm noch einige andere Anregungen für seinen nächsten Roman geben.

Ayelet Waldman: »Böse Mütter«. Deutsch von Isabel Bogdan. Klett-Cotta, Stuttgart 2010, 183 S. 17,95 €

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